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16. November 2012

Rettungskräfte Retter: Sanitäter sollen flüchten lernen

 Von Volker Schmidt
Ein Notarzteinsatz: In manchen Stadtteilen trauen sich die Rettungskräfte nur noch mit Polizeibegleitung. Foto: dpa

Auch in Hessen gibt es immer häufiger Attacken auf Rettungskräfte. In manche Stadtteilen wagen sich Retter nur unter Polizeischutz in den Einsatz. Offenbar werden die Rettungsdienste häufig als verlängerter Arm der Polizei wahrgenommen. Die SPD fordert jetzt sogar Selbstschutz-Kurse.

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Jugendliche, die Feuerwehrleute in der Silvesternacht mit Raketen beschießen. Aufgeregte Angehörige von Verunglückten, die Rettungssanitäter attackieren, weil die ihrer Ansicht nach hätten früher kommen müssen. Aggressive Betrunkene, Drogensüchtige, psychisch Kranke, die den Notarzt angreifen, der ihnen helfen will: Rettungskräfte leben gefährlich.

Eine aktuelle Studie der Ruhr-Universität Bochum hat ergeben, dass praktisch jeder (98 Prozent) Beschäftigte der Rettungsdienste binnen Jahresfrist „verbale Gewalt“ erlebte. 59 Prozent wurden tätlich angegriffen, wobei Anspucken und Anrempeln mitgezählt wurden; 27 Prozent der Befragten erlebten strafrechtlich relevante körperliche Angriffe.

Die Anzahl der Angriffe steigt seit Jahren an. Julia Schmidt, Diplomsoziologin am Lehrstuhl für Kriminologie der Ruhr-Uni, glaubt, „dass die Rettungsdienste ein Problem haben mit ihrer Außendarstellung. Sie werden nicht mehr als Retter wahrgenommen, sondern als verlängerter Arm der Polizei“, sagte sie dem HR.

In Hessen sehe das nicht anders aus, sagt Thomas Spies, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD im Landtag. Das haben ihm Mitarbeiter der Rettungsdienste erzählt, die seine Fraktion im Sommer zu einer Anhörung eingeladen hatte. Zudem kennt er gefährliche Situationen aus eigener Erfahrung: Spies ist gelernter Arzt und fährt auch heute noch Notarzt-Einsätze.

Die SPD hat aus dem Fachgespräch mit Rettern und Wissenschaftlern einen Gesetzentwurf destilliert. Er sieht zweierlei vor: Die Träger der Rettungsdienste – die Landkreise und kreisfreien Städte – sollen verpflichtet werden, Gefährdungsanalysen zu erstellen. Außerdem sollen sie allen ihren Beschäftigten mindestens alle zwei Jahre eine Fortbildung in Sachen Selbstschutz anbieten.

Die Gefährdungsanalyse soll helfen, Beschäftigte auf brenzlige Situationen vorzubereiten. Das kann sowohl die Art der Einsätze betreffen als auch ihren Ort: Offenbar fahren Sanitäter in manchen Städten bereits jetzt nur mit Polizeibegleitung zu Einsätzen in bestimmten Stadtteilen.

In Selbstschutz-Kursen sollen die Sanitäter lernen, wie sie eine Situation entschärfen oder zur Not unverletzt fliehen können. „In jedem Erste-Hilfe-Kurs lernt man, am Unfallort erst auf die Eigensicherung zu achten“, sagt Spies – Profis müssten das erst recht tun. Dass die Bundesregierung die Strafen für Angriffe auf Rettungskräfte verschärft hat, nütze wenig, meint er: „Einem Betrunkenen zu sagen, pass auf, wenn Du dem da auf die Mütze schlägst, bekommst du ein Jahr mehr, bringt nichts.“

Spies stellt sich vor, dass das Land den Trägern finanziell dabei hilft, einmal alle Mitarbeiter zu schulen. Er schätzt die Kosten auf rund eine halbe Million Euro. Später sollen die Träger das selbst übernehmen.

Die Grünen wollen den SPD-Vorschlag „wohlwollend prüfen“. Der CDU-Abgeordnete Hans-Jürgen Irmer hatte bereits im Frühjahr im Hessen-Fernsehen gefordert, den Selbstschutz in der Ausbildung besser zu verankern. Das Land hält es aber bisher für die Sache der Träger, die Beschäftigten der Rettungsdienste zu schulen.

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