Seit der Selbstverpflichtung ist das böse Wort von den "Rewe-Kids" in Marburg Vergangenheit. So nannten Geschäftsleute und Anwohner die betrunkenen Jugendlichen, die sich jedes Wochenende in Marburgs neuer Mitte die Kante gaben. Der bis Mitternacht geöffnete Einkaufsmarkt zwischen Stadtautobahn und Kino war nämlich die erste Anlaufstelle für die Teenies, die sich vor dem Eingang Wodka in harmlos aussehende Orangensafttüten kippten.
Das ist nun vorbei. Der Supermarkt hat sich selbst verpflichtet, keinen Alkohol mehr an unter 18-Jährige zu verkaufen. Abends ab 20 Uhr gibt es auch für die Erwachsenen keinen Schnaps mehr. "Das dürfte bundesweit einmalig sein", sagt der Geschäftsführer der hessischen Landesstelle für Suchtfragen, Wolfgang Schmidt. In abgeschwächter Form beteiligt sich auch der Tegut-Markt nebenan.
Verbote von Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit gibt es nur in wenigen deutschen Städten, neben Marburg auch in Freiburg und Magdeburg. Solche Verbote sind aber in der Bevöl-kerung und unter Juristen umstritten. Das Einstiegsalter der jungen Alkohol- und Drogenkonsumenten geht laut Langzeitstudien weiter zurück. Getränke wie Alkopops, in denen der Alkohol nicht so stark zu schmecken ist, tragen ebenfalls zum gesteigerten Konsum unter Jugendlichen bei.
Gesetze werden missachtet
Die französischen Verhältnisse waren bei der Einführung der Selbstverpflichtung im Dezember noch kein Thema. Im Nachbarland hat die Nationalversammlung vor wenigen Tagen beschlossen, das Mindestalter für die Abgabe von Bier, Wein und Zigaretten von 16 auf 18 Jahre zu erhöhen. In Hessen sind die Suchtexperten schon froh, wenn die bestehenden gesetzlichen Regelungen eingehalten werden: Kein Schnaps für unter 18-Jährige. Bier und Wein darf aber durchaus schon an 16-Jährige verkauft werden.
Rewe-Geschäftsführer Uwe Kranich hat die Folgen beobachtet: "Ich habe mitgekriegt, wie Jugendliche sich schon vor der Schule noch einen Sixpack geholt haben und besoffen in die Klasse kamen", erzählt er. "Da habe ich uns selbst in der Pflicht gesehen."
Die Idee stammt von Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). Angesichts der öffentlichen Saufgelage auf den Straßen rund um den Elisabeth-Blochmann-Platz hatte er für fünf Monate ein öffentliches Alkoholverbot verhängt. Mit Verboten ließen sich die Probleme aber nicht lösen. "Damit wollte ich nur aufrütteln", sagt Vaupel. Mit der Selbstverpflichtung will er vor allem den Nachschub in den Nachtstunden erschweren. Mit Erfolg: Die Zahl der alkoholbedingten Straftaten von Jugendlichen ist in Marburgs neuer Mitte seitdem zurückgegangen. Allerdings kontrollierte auch die Polizei mehr als vorher. Das dies reicht, glaubt Vaupel aber nicht.
Womit niemand gerechnet hatte: Die Selbstverpflichtung ist für Rewe auch ein ökonomischer Erfolg. Geschäftsführer Uwe Kranich berichtet von einem Umsatzplus von 18 Prozent im Januar und Februar. Neuerdings kaufen abends nämlich wesentlich mehr Familien ein, die sich nicht mehr durch randalierende und saufende Jugendliche gestört fühlen. Zudem spart er am Sicherheitspersonal. Jetzt will er auch das Alkoholregal verkleinern.
IHK zeigt sich skeptisch
Wenn es eine Verbindung zwischen Einkaufsmärkten und betrunkenen Jugendlichen gebe, könne eine Selbstverpflichtung eine gute Möglichkeit sein, sagt Wolfgang Schmidt von der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen. Generell rät er aber nicht dazu, den französischen Weg zu gehen: "Erst müssen die bestehenden Gesetze eingehalten werden", sagt der Suchtexperte.
Testkäufe belegten nämlich, dass in vielen Fällen gegen das Jugendschutzgesetz verstoßen werde - sei es aus Unaufmerksamkeit oder Geschäftstüchtigkeit. Zudem stoße man mit Verboten an Grenzen. "Damit ist die Frage, warum Jugendliche so aufdrehen, nicht gelöst", sagt Schmidt.
IHK-Sprecher Walter Ruß setzt denn auch lieber auf Prävention. Nach einer Umfrage unter 700 Marburger Geschäftsleuten stimmten 64 Prozent der Befragten gegen ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen. Auch die Einschränkung des Alkoholverkaufs an Jugendliche sieht Ruß mit Skepsis: "So lange keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen, raten wir nicht dazu." Wenn betrunkene Jugendliche in Massen auftreten, machten jedoch auch die Händler schlechtere Umsätze.

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