Wie oft geht er aufs Klo? Wer schwatzt in der Pause wie lange mit wem? Klaut sie Tinte aus dem Drucker? An wen hat er das vertrauliche Papier weiter gemailt? Telefoniert sie schon wieder mit ihrem Mann? Äh, läuft die Kamera im Großraumbüro vier eigentlich noch?
Lidl, Edeka, Rewe. Telekom, Lufthansa, Daimler. Einzelfälle? Ja, meinen einige Manager im Rhein-Main-Gebiet. Die Mehrheit aber glaubt: Bespitzelung am Arbeitsplatz ist weit verbreitet, ist allgemeine Praxis.
Das ist Ergebnis der April-Umfrage, bei der 412 Führungskräfte befragt wurden. Die Umfrage zeigt auch: Das Misstrauen wächst. Immer mehr Manager fürchten, dass ihre Mitarbeiter während der Arbeitszeit private Dinge erledigen, Betriebsmittel stehlen oder vertrauliche Informationen nach draußen geben.
Ein Drittel der befragten Entscheider hat den Eindruck, das Vertrauen des Managements in die eigene Belegschaft sei geringer geworden. Nur vier Prozent dagegen glauben, das Vertrauen sei gestiegen. Der Rest meint, das Vertrauen sei gleich groß beziehungsweise gleich niedrig geblieben. Alarmierend: Vor allem in kleineren Betrieben sei die "Kultur des Misstrauens" auf dem Vormarsch, sagen die Statistiker.
Natürlich ist sich die überwiegende Mehrheit der Manager bewusst, dass heimliche Kontrolle nur bei konkretem Verdacht auf einen Verstoß gegen arbeitsrechtliche Bestimmungen eingesetzt werden darf. Dennoch halten 15 Prozent der Befragten eine Mitarbeiterkontrolle "grundsätzlich für berechtigt und notwendig".
Immerhin 30 Prozent der Betriebe im Rhein-Main-Gebiet räumen ein, dass sie "spezielle Instrumente" zur Kontrolle ihrer Mitarbeiter im Einsatz haben. Ein spezielles Instrument ist etwa die so genannte Spionagesoftware, mit deren Hilfe der Arbeitsalltag am Computer dokumentiert werden kann. Solche elektronische Hilfsmittel sind illegal, wenn sie ohne Wissen der Belegschaft eingesetzt werden.
Videoaufzeichnungen halten 82 Prozent der Manager für unzulässig, um die Belegschaft dauerhaft im Blick zu halten. Die Zurückhaltung indes fällt, wenn es um die Kontrolle der elektronischen Post und des Telefonierverhaltens der Mitarbeiter geht.
Laut Umfrage sind Regelungen zum Datenschutz nicht durchweg in den Firmen etabliert. Je kleiner der Betrieb, umso seltener scheint Datenschutz als notwendiges Erfordernis, häufiger dagegen als eine Bürde. Nur die Hälfte der Unternehmen hat einen Datenschutzbeauftragten berufen. Einer regelmäßigen Kontrolle von Außen, etwa in Form von Audits, unterzieht sich nur rund ein Viertel.
Die aktuellen Datenschutzskandale bei Lebensmittelketten und Telekom rufen auch die Landespolitik auf den Plan. Im hessischen Landtag gibt es Bestrebungen, private Unternehmen besser zu überwachen. Der "Missbrauch von Arbeitnehmer- und Kundendaten" müsse verhindert werden, sagte etwa der FDP-Innenpolitiker Wolfgang Greilich. Der Datenschutzbeauftragte Michael Ronellenfitsch spricht von einer "wachsenden Herausforderung" und fordert eine Bündelung des Datenschutzes.
Die allerwenigsten der befragten Manager jedoch, nämlich nur fünf Prozent, sehen Handlungsbedarf in Bezug auf den Ausbau von Daten- und Persönlichkeitsschutz in ihren Unternehmen. Angesichts dieser Zahl kommt der Rhein-Main-Kompass zu dem Schluss: "Es scheint, als wären den meisten Entscheidern angesichts der wirtschaftlichen Herausforderungen in einem globalisierten Markt die Anstrengungen um dauerhafte Konkurrenzfähigkeit weitaus wichtiger als Fragen individueller Rechte von Mitarbeitern."

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