Es ist das erste und einzige Haus, das sich Nicole und Ilja Knöpfler angeguckt haben. Dann steht für das junge Paar fest: Hier wollen sie wohnen, in Rüsselsheim, dieser 60 000-EinwohnerStadt in Hessens Süden, im Dreieck zwischen Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt.
Acht Jahre und zwei Töchter später sind die Knöpflers immer noch hier. "Es ist nicht leicht, den Leuten zu erklären, warum wir hier leben", sagt Nicole Knöpfler. "Aber selbst wenn wir ganz viel Geld bekämen, wir würden hier nicht mehr wegziehen." Zugegeben: Es ist ein außergewöhnliches Domizil, das sie bewohnen. Ein großes Glashaus verbindet acht Reihenhäuschen, die sich in zwei Zeilen gegenüberstehen. Zitronenbäumchen und Palmen wachsen dort. Das Haus steht in einer jungen Siedlung im Westen der Stadt, direkt an einem Wassergraben, der sich durch die Stadt schlängelt. Schrebergärten und einen Reitstall gibt es, Spielplätze - und viele Kinder.
Wie lebt es sich in einer Stadt, die vor allem mit dem Automobilwerk Opel in Verbindung gebracht wird, einen Ausländeranteil von 23 Prozent hat und Hochhausghettos für 20 000 Menschen? Deren Fußgängerzone verödet, die unter dem Flugzeuglärm leidet und auch noch bundesweit in die Schlagzeilen gerät, weil Nicht-Rüsselsheimer hier unlängst eine blutige Familienfehde führten? Der erste Eindruck ist tatsächlich wenig ermutigend: Läden stehen leer. Rewe und Schlecker dominieren die Stadtteilzentren, ansonsten gibt es viel Kitsch und Kram in kleinen Geschäften. Dabei war Rüsselsheim bis in die 70er Jahre eine prosperierende Arbeiterstadt, zerteilt von riesigen Straßen, auf denen der Verkehr auf vier Spuren zügig rein- und rausrollte. Als die Stadt noch im Takt der Firma Opel pulsierte, wo 40 000 Menschen arbeiteten, waren diese Straßen bei Schichtwechsel verstopft. Viele Gastarbeiter kamen, die in Werkswohnheimen lebten und später in Sozialwohnungen zogen. Der Stadt ging es gut, ein Theater musste her, zwei Bäder wurden gebaut.
Doch dann kam der wirtschaftliche Abschwung. Die Ölkrise schüttelte die Automobilbranche. Opel baute Stellen ab, die Gewinne flossen an den US-Mutterkonzern GM. Da füllte sich auch das Stadtsäckel nicht mehr so üppig. Die gesamten Gewerbesteuereinnahmen fielen von etwa 50 bis auf zwölf Millionen Euro jährlich; aktuell sind es 24 Millionen. So stockten die Investitionen; eines der Schwimmbäder liegt heute trocken, dafür wuchsen die sozialen Probleme in den Hochhäusern.
Auch das Bürgerengagement lag am Boden. Und das habe mit dem Streit um die Startbahn West am Frankfurter Flughafen in den 80er Jahren zu tun, vermutet Stefan Wehrum. "Früher waren die Menschen politischer", sagt der Mann, der seit fast 25 Jahren als Gemeindepädagoge in der evangelischen Kirchengemeinde im Hochhausviertel Dicker Busch und als Familientherapeut arbeitet. Die Gegner der Startbahn gehörten zu einer Generation, die noch die Illusion hatte, etwas verändern zu können, sagt er. Dass dieser Protest niedergeschlagen wurde, habe zu Desillusionierung und Entpolitisierung geführt. Die Menschen hätten gelernt, dass es sich nicht lohnt, "Herzblut zu geben, wenn sie dafür an die Wand geklatscht wurden", sagt er.
Dennoch hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert - zumindest optisch. Die Hochhäuser sind bunter geworden, die Eingänge sehen edel aus, Videoüberwachung sorgt für mehr Sicherheit und weniger Randale. Fast alle Häuser der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft werden derzeit saniert. Ein Teil der Sozialwohnungen ist privatisiert worden. Schicke Einkaufszentren sind entstanden, mit Discountern und Fast-Food-Ketten.
Nicole Knöpfler findet in der Stadt alles, was sie braucht. "Ich gehe hier auch ins Kino", sagt sie, lobt die Kinderschauspielreihe im Stadttheater und freut sich über die wachsende Kulturszene, die auch überregional auf Interesse stößt. Da sind die Opelvillen, Stätte herausragender Ausstellungen. Die Jazz-Fabrik, die zu großartigen Konzerten einlädt. Junge Theatergruppen, die sich kritisch mit der Stadt auseinandersetzen. "Gerade in meiner Generation gibt es viele, die Lust haben, was anzupacken", sagt Knöpfler.
Für die Innenstadt wird Kosmetik allein nicht reichen; da müssen neue Konzepte her. Das weiß auch die Stadt, die hinter der alten Opel-Fassade am neuen, schicken Bahnhof eine Shoppingmall bauen will. Das könnte die letzte Chance für die Innenstadt sein, sagen viele. Die Händler in der City sind da skeptisch. Buchhändler Jürgen Jansen kann die Argumente der Befürworter nicht nachvollziehen. Die Konkurrenz werde schlicht ausgeblendet, sagt er. Allein am Flughafen, keine 15 Autominuten entfernt, entsteht ein neues Einkaufszentrum, das dreimal größer werden soll als das in Rüsselsheim geplante. Jansen sieht weder eine Chance für die neuen Läden noch einen Sog, der sich auf die Innenstadt-Geschäfte auswirken könnte. "Das Potenzial ist schlichtweg nicht da", sagt er.
Und doch gibt es viele, vor allem aus der Mittelschicht, die gerne hier leben, die die schönen Seiten der Stadt sehen. Eigentlich sind es vor allem die Menschen in den ärmeren Stadtvierteln, die Rüsselsheim schrecklich finden. Wie etwa Saya Nezih, der gleich einen Termin im Bürgerbüro Dicker Busch hat. Nächsten Monat will er herziehen mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Die Schwiegereltern wohnen hier und helfen bei der Betreuung des Kleinen. Aber er hat Angst, dass sein Kind später in schlechte Gesellschaft gerät. "Nein, Rüsselsheim ist für junge Leute nicht gut", stimmt eine Frau zu. Ihre beiden erwachsenen Söhne haben keine Arbeit und sind auch nicht dahinter her; auch sie schiebt das aufs schlechte Umfeld.
Und so ist Rüsselsheim noch mittendrin im Wandel. Die Knöpflers wollen hier alt werden und hoffen, dass sich die Probleme lösen lassen. Die Zukunft liegt für sie im Engagement der Rüsselsheimer selbst. "Die Vereine und Verbände stellen hier tolle Sachen auf die Beine", sagt Ilja Knöpfler.

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