kalaydo.de Anzeigen

Schülerstreiks in Frankfurt: Dann eben Musik

In Frankfurt beteiligen sich Schüler an den bundesweiten Demos für mehr Bildung. Sie wollen weg vom Turbo-Abi und fordern kleinere Klassen. Von Sebastian Amaral und Peter Hanack

Kein Turbo-Abi, kleinere Klassen und mehr Lehrer - Forderungen hessischer Schüler wie hier in Frankfurt.
Kein Turbo-Abi, kleinere Klassen und mehr Lehrer - Forderungen hessischer Schüler wie hier in Frankfurt.
Foto: Christoph Boeckheler

Die beiden Jungs stehen etwas ratlos an einer Ecke der Konstablerwache. "Warum sind wir eigentlich hier?", fragen die Schüler einen Reporter, der gerade in Erwartung der Schülerdemonstration angekommen ist. "Ihr protestiert gegen das dreigliedrige Schulsystem", erklärt er ihnen. "Und gegen G 8 an den Gymnasien." Die beiden nicken bedeutsam. "Und wo kriegen wir Bescheinigungen, dass wir heute hier und nicht im Unterricht waren?"

Zu diesem Zeitpunkt, es ist kurz nach neun Uhr an diesem Mittwochmorgen, ziehen die drei Züge der Schülerdemonstration noch durch Frankfurt. Der eine ist im Dornbusch gestartet, ein anderer im Nordend. Auch aus dem Westen laufen Schüler von acht Uhr an Richtung Römer, wo ein Bühnenlaster für die zentrale Kundgebung bereitsteht. Seit dem frühen Morgen mobilisiert Olaf Matthes dafür unermüdlich. Mit einen Megaphon steht der Student von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend im Pausenhof von Elisabethen- und Fürstenbergerschule. Nach Matthes' Aufruf versammeln sich diejenigen auf dem Hof, die sich heute Demo statt Unterricht in den Stundenplan geschrieben haben.

Bundesweiter Schülerstreik

70.000 Schüler sind am Mittwoch bundesweit für bessere Bildungschancen auf die Straße statt in den Unterricht gegangen. In Berlin demonstrierten 10.000 Teilnehmer, 1000 hielten die Humboldt-Universität zeitweise besetzt. In Hannover durchbrachen Schüler die Bannmeile vor dem Landtag. In Hamburg beteiligten sich laut Polizei 6000, in Stuttgart 5000. Hessenweit blieben etwa 7000 Schüler dem Unterricht fern.

Die Demonstranten fordern kosten- lose Bildung für alle, Abschaffung des Turbo-Abiturs, mehr Lehrer, kleinere Klassen und die Einführung der Gemeinschaftsschule.

Unter ihnen ist Jakob Heuke, Schülersprecher der Elisabethenschule. "In der Oberstufe waren viele skeptisch", berichtet der 18-Jährige von der Einstellung seiner Mitschüler gegenüber der Demo. Viele hätten sich gefragt, wer denn überhaupt die Organisatoren der Demo seien. Dass die vor allem aus dem linken Spektrum kommen, hat die Streikbereitschaft nicht unbedingt erhöht. Selbst der Stadtschülerrat hat sich im Vorfeld von dem bundesweiten Streiktag distanziert. "Trotzdem", gibt sich Heuke kämpferisch, "sollte man diese Plattform nutzen, wenn sie einem gebten wird."

Mit der Verstärkung aus den beiden Schulen wächst der nördliche Demonstrationszug auf rund 300 Schüler an. Hinter einem Musikwagen laufen und tanzen sie in Richtung Innenstadt. Die Sprechchöre wecken Erinnerungen an die Proteste gegen die Studiengebühren. Nur leiser sind sie. Und sie verstummen oft nach wenigen Sekunden. Statt "Bildung für alle, und zwar umsonst!", dröhnt zunehmend Musik aus den Lautsprechern. Noch einmal versucht der junge Mann am Mikrofon einen Sprechchor für mehr Bildungsausgaben zu initiieren. Vergeblich. "Dann machen wir eben mit Musik weiter." Bis zum Römer.

Dort blickt Jochen Nagel, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, bei seiner kämpferischen Ansprache dennoch auf rund 1500 Schüler, wie die Polizei schätzt. Die Veranstalter sprechen gar von 4000 und einer "sehr erfolgreichen Aktion". Das Politische, das zuvor in der Tanz- und Partystimmung bei den friedlichen Demonstrationszügen etwas untergegangen war, kommt bei der Abschlusskundgebung zu seinem Recht.

Banzer gesprächsbereit

So fordert Nagel die Einführung einer sechsjährigen Sekundarstufe 1 in allen Schulformen und ein Ende des "G 8-Experiments". Unterstützung in ihren Forderungen nach kleineren Klassen und gerechten Bildungschancen erhalten die streikenden Schüler nach der Demo auch aus den Fraktionen von SPD, Grünen und Linkspartei. Der geschäftsführende Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) kritisiert am Nachmittag die Streikaktionen, bietet aber zugleich an, die Gespräche mit den Schülervertretungen fortzusetzen.

Am Römer löst sich die Demonstration gegen Mittag langsam auf. Nach einer guten Stunde hat auch die 18-jährige Lisa Stab, die mit ihren Freundinnen aus Hattersheim angereist ist, genug. "Vieles wiederholt sich", findet sie. "Jetzt würde ich gerne noch hören, was ich selbst machen kann, um das Bildungssystem zu verbessern."

Autor:  SEBASTIAN AMARAL ANDERS UND PETER HANACK
Datum:  13 | 11 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Regionale Startseite
Ressort

Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick


Nachrichten aus der Region

Anzeige

 
Spezial

Die heiße Phase naht: Termine, Reportagen, Bilder - vom Kinderfasching bis zur Prunksitzung.

Fastnacht in Rhein-Main
Der Flörsheimer Zug ist einer der größten der Region.
Fastnacht im Main-Taunus-Kreis 
        

Als Tänzerin muss Julia Koch gelenkig sein.
Fastnacht in Bad Soden 
        

Thorsten Schweinhardt liebt es, Leute zu überraschen.
Fastnacht in Hattersheim 

Anzeige

Spezial
Beschäftigte des Druckmaschinen-Herstellers Manroland demonstrieren vor der Allianz-Niederlassung in Frankfurt. Allianz und MAN haben dem angeschlagenen Konzern den Geldhahn zugedreht.

Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Spezial
Wer zieht im März in den Römer ein?

Wer folgt Petra Roth? Mitte März wählt Frankfurt einen neuen OB. Alles über die Kandidaten im Spezial.

OB-Wahl in Frankfurt
        

Rechnet mit einer Stichwahl: Ursula Fechter.
FAG-Kandidatin Fechter 
Das zentrale Themenplakat der Piraten (für ganzes Bild bitte klicken).
Piraten in Frankfurt 
OB-Bewerber Oliver Maria Schmitt setzt sich für ein nichtraucherfreies Frankfurt ein.
OB-Wahl Frankfurt 
        

Ganz großes grünes Kino: OB-Kandidatin  Heilig und der Berliner Fraktionsvorsitzende  Trittin in der Harmonie.
OB-Wahlkampf bei den Grünen 
Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Spezial

Mit gutem Gewissen investieren und gleichzeitig Geld verdienen? Die FR schaut, wie erfolgreich Firmen und Fonds dabei sind.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

Fotostrecke 1. Derpart Familien-Reise-Tag

Staumelder

Staumelder 12 Staus mit einer Gesamtlänge von 43km
Zu den Staumeldungen
Meistgeklickt
Die Szene, die zum umstrittenen Strafstoß führte.
Eintracht gegen Düsseldorf 
Auch Bettina Wulff wirkt müder als sonst - hier besichtigt sie Leonardo da Vincis
Bundespräsident Wulff in Italien 
Sascha Rösler, Agent Provocateur
Sascha Rösler 
Marktplatz

"Wir wünschen uns einen großen Garten um unser Frühlingsglück zu genießen." Über 25.000 Bauplatz- und 6.000 Baugebiet-Angeboten.