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Schülerwettbewerb: Innenstadt oder grüne Wiese

Schüler regen die Diskussion um Einzelhandelskonzepte in der Region an. Denn die Kaufkraft wächst nicht so schnell wie die Einkaufszentren am Rand der Städte. Von Martin Brust

Das Main-Taunus-Zentrum
Das Main-Taunus-Zentrum
Foto: Monika Müller/FR

Die innerstädtischen Geschäftszentren in Gießen, rund um die zentrale Einkaufsstraße Seltersweg, haben seit den 60er Jahren stark an Bedeutung verloren. Gleichzeitig sind immer mehr Subzentren mit großen Einkaufszentren oder Verbrauchermärkten auf der grünen Wiese am Rand der Stadt entstanden.

So betrug die Verkaufsfläche in der Innenstadt und den randstädtischen Zentren 1980 zusammen knapp 150.000 Quadratmeter - davon etwa zwei Drittel in der City, ein Drittel am Rand. 25 Jahre später hatte sich die gesamte Fläche auf 346.000 Quadratmeter mehr als verdoppelt. Und das Verhältnis zwischen Innenstadt und Stadtrand hat sich komplett gewandelt: Nur gut ein Drittel der Geschäftsflächen lagen 2005 im Zentrum, fast zwei Drittel außerhalb.

Gießen steht mit dieser Situation nicht alleine dar - jüngstes Beispiel für große Handelsprojekte sind die beschlossene Ansiedlung des Möbelhauses Segmüller im Norden Frankfurts auf Bad Vilbeler Gemarkung, das Einkaufszentrum Loop 5 in Weiterstadt bei Darmstadt, My Zeil in der Frankfurter Innenstadt oder die großen Märkte von Ikea und Hornbach im Frankfurter Norden.

Regelmäßig lösen solche Neuansiedlungen Proteste der ortsansässigen Einzelhändler aus, die einen ruinösen Verdrängungswettbewerb auf ihre Kosten fürchten. Aber auch immer mehr Städteplaner sind skeptisch gegenüber der grünen Wiese.

Denn ein Bedeutungsverlust der städtischen Zentren führt dort oft zu Leerstand und der Vermehrung von Ramsch-Läden - mit letztlich negativen Auswirkungen auf die städtische Gesellschaft. Dem entgegen stehen die Bedürfnisse der Kunden nach einheitlichen Öffnungszeiten, umfassender Auswahl ohne lange Wege und gute Erreichbarkeit mit Auto oder Nahverkehr. Politisch bedenklich ist auch die Konkurrenz der Kommunen um die Gewerbesteuer.

Viel Fläche - wenig Kaufkraft

Deshalb ist bei der von FR-Redakteur Peter Hanack moderierten Diskussion am Montag für Frank Albrecht, Inhaber dreier Parfümerien in Frankfurt und Präsident des Landesverbandes des hessischen Einzelhandels, eines klar: "Kommunen müssen eine gründliche Analyse der Einzelhandelssituation machen, bevor sie neue Projekte genehmigen." Das Interesse der Ketten und Investoren, neue Flächen zu entwickeln, sei verständlich und legitim, müsse aber koordiniert werden.

Dem kann Joachim Haucke von der Gewerkschaft Verdi in Mittelhessen nur zustimmen. Die Flächenexpansion entspreche keineswegs einer vergleichbaren Zunahme der Kaufkraft. Verschärfter Wettbewerb schlage auf Löhne und Beschäftigungsverhältnisse durch. Gerade Discounter verstärkten mit Angebotsausweitung und temporärer Aktionsware den Druck auf den klassischen Einzelhandel.

Zwischen der grünen Wiese und der Innenstadt vermitteln könnten - so die Hoffnung mancher Diskutanten - Einkaufszentren wie die Galerie Neustädter Tor (Gießen) oder My Zeil (Frankfurt). Die müssten aber an vorhandenen Einzelhandel angebunden sein, fordert Albrecht. Geförderte Innenstadtbereiche wie in Gießen mit seinen vier BIDs können Kaufkraft im Zentrum binden und so den Strukturwandel aufhalten, glaubt Gerhard Merz, Gießener SPD-Abgeordneter im Landtag. "Eine Mall ist eine Innenstadt in der Innenstadt", zeigte sich dagegen Klaus Faulenbach, Dezernent für Siedlungsplanung beim Regierungspräsidium Gießen, skeptisch in Bezug auf innenstadtnahe Zentren.

Überörtliche Lösungen

Auch Stephan Gieseler vom hessischen Städtetag kritisierte die auf der grünen Wiese ausgetragene Konkurrenz zwischen Nachbarkommunen, wies aber darauf hin, dass in den Innenstädten meist keine oder nur wenige Flächen für neue Projekte vorhanden seien. Gegen die Konkurrenz der Kommunen um Gewerbesteuerzahler will Mario Döweling, FDP-Landtagsabgeordneter, die Abhängigkeit der Gemeinden von dieser Einnahmequelle durchbrechen. "Wir müssen überregionale Konzepte machen, dafür ist die Regionalversammlung ein gutes Gremium", glaubt Döweling. "Mit noch schärferer Regulierung hätte ich aber ein Problem."

Den Vergleich mit dem benachbarten Wetzlar zog Horst-Friedrich Skib, Stadtentwicklungsreferent in Gießen. Anders als in seiner Gemeinde habe man dort keinen Zusammenschluss der Innenstadthändler organisiert und ein citynahes Einkaufszentrum zugelassen, das nicht an bestehenden Handel angebunden sei. In der Folge sei es zu größeren Leerständen in der alten Passage gekommen.

Diese Entwicklung habe Gießen durch die Gründung der vier BID-Quartiersinitiativen vermieden, auch wenn die Zentren seit den 90er Jahren Kaufkraft aus dem Seltersweg und den angrenzenden Bezirken abgezogen hätten.

Datum:  1 | 6 | 2010
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