Aktuell: FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

17. Oktober 2014

Schule: „Ich lasse mich nicht unterbuttern“

 Von  und 
Geht gerne zur Schule: Hessens Landesschülersprecherin Fevzije Zeneli.  Foto: Rolf Oeser

Hessens Landesschülersprecherin Fevzije Zeneli setzt sich für andere ein und will deshalb Anwältin werden. Sie wünscht sich ein Parlament für jede Schule.

Drucken per Mail

Mit Selbstvertrauen und Engagement redet eine 17-Jährige an entscheidender Stelle in der hessischen Bildungspolitik mit. Fevzije Zeneli, die Zwölftklässlerin aus Gießen, war selbst überrascht, als sie Mitte September beim Bildungsgipfel von Kultusminister Ralph Alexander Lorz (CDU) die Leitung einer Arbeitsgruppe anvertraut bekam. In der Redaktion der Frankfurter Rundschau erläuterte die Landesschülersprecherin bei einigen Tassen Kaffee eloquent ihren Werdegang und ihre Pläne.

Frau Zeneli, gehen Sie gerne zur Schule?

Ja, ich gehe wirklich gerne zur Schule. Nicht nur wegen meiner Freunde, sondern auch wegen des Unterrichts.

Was für eine Schule ist das?

Eine integrierte Gesamtschule mit Oberstufe. Ich besuche da jetzt die zwölfte Klasse.

Und Ihre Leistungskurse?

Das sind Englisch sowie das Fach Politik und Wirtschaft.

Politik als Leistungskurs, Ihr Amt als Landesschülersprecherin: Sie sind offenbar ein sehr politisch denkender Mensch?

Das sollte doch jeder sein. Jeder sollte mitreden und seine eigene Stimme haben.

Wie gerecht ist Schule?

Wir haben in Hessen ein mehrgliedriges Schulsystem, da wird nach der vierten Klasse eingeteilt, ob man die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium besuchen soll. Damit wird vielen die Chance auf einen höheren Bildungsabschluss genommen, obwohl man noch gar nicht wissen kann, welche Fähigkeiten ein Kind überhaupt hat. Kinder entwickeln sich ständig und gerade während der Pubertät weiter. Wie kann man dann schon ein zehnjähriges Kind in gut und schlecht einteilen? Das ist nicht gerecht.

Ihr Name lässt uns vermuten, dass Ihre Familie nicht aus Deutschland stammt. Haben wir recht?

Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Meine Eltern kommen aus dem Kosovo, das war aber nie ein Problem für mich. Ich kenne aber andere Jugendliche mit Migrationshintergrund, bei denen ist das nicht so. Da werden Wände gebaut.

Wer baut diese Wände? Lehrerinnen und Lehrer, die diese Jugendlichen benachteiligen, oder die Jugendlichen selbst, die sich abschotten?

Viele Kinder mit Migrationshintergrund werden auf die Hauptschule geschickt, weil sie vielleicht am Anfang der Schulzeit noch Schwierigkeiten mit der Sprache haben. Dann kommen auf der Hauptschule viele Kinder und Jugendliche zusammen, die sich in Gruppen zusammenfinden und die als Schüler gesehen werden, die nicht so viel erreichen können. Das halten wir für falsch.

Ist die Gesamtschule, wie Sie sie besuchen, gerechter?

Man kann dieses Konzept nur weiterempfehlen und hoffen, dass es sich flächendeckend auf ganz Hessen ausbreitet. Bei uns lernen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam, voneinander und miteinander.

Nervt es Sie, wenn Sie auf Ihren Namen angesprochen und als Migrationskind einsortiert werden, obwohl Sie eine Mittelhessin sind wie die anderen auch?

Nein, das stört mich nicht. Wenn ich mit diesen Menschen rede, mache ich schnell klar, dass diese Vorurteile falsch sind.

Wenn Sie reden, sprechen Sie dann für sich oder für Hessens Schülerinnen und Schüler, die Sie vertreten?

Meine persönliche Meinung und die Ziele der Landesschülervertretung sind die gleichen. Ich rede aber lieber im Wir, um deutlich zu machen, dass ich hier die Meinung und Ziele der Mehrheit der hessischen Schüler vertrete.

Welche Ziele sind das?

Das gemeinsame Lernen, kostenlose Bildung, Demokratisierung und Partizipation.

Der Kultusminister hat Sie zur Leiterin der größten Arbeitsgruppe des Bildungsgipfels berufen. Sind Sie nervös, wenn Sie an die Sitzungen denken, die da auf Sie zukommen?

Wir waren überrascht. Und wir sehen das als Chance, dass wir uns als Landesschülervertretung besser einbringen können. Ich würde nicht sagen, dass ich nervös bin. Ich bin gespannt, was passiert. Ob am Ende wirklich ein handfestes Ergebnis herauskommt. Und ob die Landesregierung mit diesem Ergebnis weiterarbeitet, auch wenn es anders ausfällt, als es im Koalitionsvertrag steht.

Sie sind 17, in der Arbeitsgruppe sitzen viele Menschen, die viel mehr Erfahrung in der Politik haben als Sie. Haben Sie Angst, dass man Sie unterbuttern könnte und Sie nur noch als Alibi für die Ergebnisse des Bildungsgipfels dienen?

Ich werde mich nicht unterbuttern lassen. Ich vertrete 840.000 Schülerinnen und Schüler und will dieser Aufgabe gerecht werden. Wenn ich merke, dass wir eingeschüchtert werden sollen, werde ich mich schon wehren.

Eines Ihrer Ziele ist kostenlose Bildung? Was gehört dazu?

Wir wollen beispielsweise ein kostenloses Schülerticket auch für Oberstufenschüler. Ich zum Beispiel muss im Jahr 538 Euro für meine Bahnfahrkarte zahlen. Das können sich nicht alle leisten. Dann aber können sie vielleicht nicht mehr die Schule besuchen, die sie besuchen wollen, oder mit Freunden ins Kino oder Theater gehen, weil die Fahrt dahin zu teuer wäre. Man kann dann an diesem Sozialisationsprozess nicht teilnehmen.

Sie wohnen außerhalb Gießens?

Ja, in einem Dörfchen, in Saasen. Das ist 20 Minuten von Gießen entfernt.

Ist Ihnen das politische Engagement in die Wiege gelegt?

In der zweiten Klasse war ich Klassensprecherin. In der siebten Klasse Stufensprecherin, dann stellvertretende Schulsprecherin, Landesschülerrats-Delegierte und jetzt eben Landesschulsprecherin. Ich wollte schon immer mitreden und habe auch in der Schule und zu Hause vieles hinterfragt. Ich glaube, manchmal war das für meine Eltern ein bisschen anstrengend.

Das Kultusministerium hat der Landesschülervertretung die Hoheit über die eigene Kasse entzogen. Hat das Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Wir sehen die Auslagerung als ungerechtfertigt an. Außerdem fangen unsere Befürchtungen jetzt langsam an, sich zu bestätigen. Die Bürokratisierung hat deutlich zugenommen. So ist der Zeitraum, in dem wir Materialien bestellen und erhalten, nun wesentlich länger. Außerdem sind sie meist teurer und bei unserem viel zu knappen Budget tut es dann mal weh, wenn wir für Computer und Software etwa 600 Euro mehr bezahlen müssen, bloß um Formalien des Kultusministeriums einzuhalten.

Wobei werden Sie zum Beispiel behindert?

Wir haben bald eine richtig schöne Aktion. Wir spannen ein großes Betttuch auf. Jeder, der gegen Rassismus und Sexismus ist, taucht seine Hände in Farbe und hinterlässt seinen Abdruck als Zeichen auf dem Tuch. Wir wissen jetzt gar nicht: Dürfen wir die Sachen kaufen, dürfen wir sie nicht kaufen? Müssen wir erst zum Staatlichen Schulamt? Computer dürfen nur noch bis November angeschafft werden. Was ist, wenn der Laptop im Dezember kaputtgeht?

Nun geht es ja um Steuergeld. Haben Sie Verständnis für das Argument, dass dann auch genau kontrolliert werden muss, wofür es ausgegeben wird?

Uns wird vorgeworfen, dass wir es sinnlos verprassen. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis, denn das stimmt nicht. Alles, was wir getan haben mit dem Geld, war für die Schülerschaft, für die Demokratisierung und Weiterbildung der Schülerinnen und Schüler. Man soll überprüfen, wofür wir es verwenden, aber nicht so, dass man uns einschränkt in unserer Arbeit.

Sie fordern mehr Partizipation. Was meinen Sie damit?

Wir würden uns ein Schulparlament wünschen, an jeder Schule. Dann könnten Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrer und Verwaltungskräfte mitgestalten.

Sie fordern auch längeres gemeinsames Lernen. Ein Gegenargument lautet, bessere Schüler kämen nicht so gut voran, weil sich das Tempo nach den schlechteren Schülern richtet. Was entgegen Sie?

Man kann nicht sagen, ob ein Schüler gut oder schlecht ist. Jeder Schüler hat Fähigkeiten und Eigenschaften, die besser ausgeprägt werden. Man kann nicht sagen, dass der Gute vom Schlechten runtergezogen würde. Beim gemeinsamen Lernen sollen die Schülerinnen und Schüler mit- und voneinander lernen. Wenn ich eine Matheschwäche hätte und eine andere Schülerin würde mir das erklären, dann würden wir davon beide profitieren. Sie würde ihren Wissensstand stabilisieren. Gut wäre auch eine Ganztagsschule mit einem rhythmisierten Ablauf. Also nicht: Erst sechs Stunden Schule und danach lebe ich. Sondern Ganztagsschule mit Zeiten, wo man entspannen oder an einem Projekt arbeiten kann.

Würden Sie sich wünschen, dass die Ganztagsschule das Standardmodell an Hessens Schulen würde?

Natürlich wäre eine flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen wünschenswert. Es ist gut für die Schülerinnen und Schüler überall in Hessen.

Viele Eltern wollen selbst bestimmen, wo ihre Kinder den Nachmittag verbringen, welches Instrument sie lernen oder welchen Sport sie ausüben. Bei einer verpflichtenden Ganztagsschule würden die Eltern dieses Recht einbüßen. Was sagen Sie dazu?

Die Eltern müssten nichts einbüßen. Es wäre ganz im Gegenteil sogar sehr gut für Eltern und Kind. Ganztagsschule bedeutet nicht „Schule den ganzen Tag“, sondern eine Rhythmisierung des Schulalltags. Das stellt eine Mischung aus Leben und Lernen dar. Man hat genug Zeit zu lernen, aber auch seine kreativen Fähigkeiten zu entfalten. Da können sowohl Eltern als auch Lehrerschaft und Schülerschaft bei dem Prozess mitgestalten, da viele verschiedene Angebote an Freizeitaktivitäten, seien es künstlerische, sportliche oder naturwissenschaftliche, an den Schulen vorgeschlagen werden. Mit einer guten Kooperation mit den örtlich gelegenen Vereinen ziehen sowohl Schule als auch die Vereine Vorteile daraus. Immer mehr Vereine, Organisationen oder Kirchen beschweren sich wegen der geringen Teilnehmeranzahl. Leider liegt es daran, dass Schülerinnen und Schüler durch Schule immer weniger Zeit für ehrenamtliches Engagement und die eigene Persönlichkeit haben.

Was kommt für Sie nach der Schule?

Ich möchte Jura studieren.

Warum?

Seit der fünften Klasse möchte ich Anwältin werden, weil man sich damit für Menschen einsetzen kann. Das möchte ich weiterhin tun.

Sie könnten ja auch Politikerin werden.

Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich gehöre gar keiner Partei an und unterstütze, was ich für richtig halte. Ich glaube, innerhalb einer Partei ist das schwierig. Da darf man die Ideen einer anderen Partei nicht besser als die der eigenen finden und das auch sagen.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Von Hanau über Offenbach bis Wiesbaden, von Friedberg über den Taunus bis nach Darmstadt: Die Frankfurter Rundschau berichtet mit ihren Redaktionen vor Ort aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.


Auch unterwegs auf dem Laufenden:
„FR News“ –
die App für Ihr Smartphone.

Für iPhone und Android-Handys.
Jetzt downloaden!

In eigener Sache

FR erweitert den Regionalteil

Aus der Produktion unseres neuen Regionalteils.

Darf’s ein bisschen mehr sein? Kein Scherz, vom Wochenende an bekommen Sie in Ihrem Lokal- und Regionalteil mehr Frankfurter Rundschau als bisher. Und etwas anders wird sie auch, ihre FR.  Mehr...

Twitter

Anzeige

Altenhilfe der FR
Altenhilfe

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

ANZEIGE
- Partner