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08. März 2016

Schule: Beim Abitur sind die Hessen Mittelmaß

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Jeder schreibt für sich allein. In fünf Fächern werden Hessens Schüler und Schülerinnen geprüft. In manchen anderen Bundesländern sind auch vier Prüfungen genug.  Foto: picture alliance / dpa

Heute beginnen die Klausuren. Die Hessen schneiden regelmäßig schlechter ab als ihre Nachbarn in Thüringen oder Bayern. Woran liegt das? Und ist das schlimm?

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Los geht es mit Physik. Heute morgen, 9 Uhr. Die ersten Abiturprüfungen in Hessen in diesem Jahr. 26 000 Schülerinnen und Schüler treten an. Bis 23. März noch werden sie ihre Klausuren schreiben. Doch egal, wie gut sie sich vorbereitet haben mögen, wie sie sich anstrengen, bangen und hoffen: Die Thüringer werden auch in diesem Jahr wieder besser sein. Keine Frage.

Seit Jahren schon sind die Unterschiede der Abiturnoten im Vergleich zwischen den Bundesländern augenfällig. An der Spitze steht regelmäßig Thüringen, zuletzt mit einem Notenschnitt von 2,17. Die Hessen kommen gerade einmal auf 2,42, die Niedersachsen auf 2,61. Mit dem Leistungsvermögen der Schüler und Schülerinnen allein lässt sich das nicht erklären. Womit aber dann?

Zeit der Prüfungen
Beginn
Mathe
Noten

Rund 26 000 Schülerinnen und Schüler stellen sich dieses Jahr in Hessen der Abiturprüfung.

Die Prüfungen beginnen am heutigen Mittwoch um 9 Uhr mit den Klausuren in Physik. Am 23. März enden die schriftlichen Prüfungen mit
den Fächern Geschichte, Politik, Wirtschaft, Erdkunde, Religion und Ethik. Die mündlichen Prüfungen beginnen Mitte Mai und ziehen sich bis in den Juni hinein.

Mathematik ist das Fach mit den meisten schriftlichen Prüfungen. Rund 19 000 Abiturienten legen diese ab. Alle anderen werden in Mathematik mündlich geprüft.

Die Abiturnote setzt sich zusammen aus den Leistungen, die in den letzten beiden Jahren der Oberstufe sowie in der Abiturprüfung erbracht worden sind. pgh

Noch deutlicher werden die Differenzen beim Blick auf die Spitzennoten. Fast 40 Prozent der Thüringer haben am Ende eine Eins vor dem Komma, in Hessen sind es 25 Prozent, auch hier ist Niedersachsen mit knappen 16 Prozent wieder Schlusslicht.

Die eklatanten Unterschiede sind jenseits individueller Begabungen oder der Unterrichtsqualität das Resultat der unterschiedlichen Bewertungsverfahren und Berechnungsmodelle, wie sie die Länder in ihrer Kultushoheit, zu der auch die Schulen gehören, pflegen.

Ein Beispiel: Braucht man in Bayern 40 Mal eine Eins im Abiturzeugnis, um mit einer Gesamtnote von 1,0 abzuschließen, genügt dafür in Nordrhein-Westfalen 32 Mal die Note Eins. Während in manchen Ländern ein externer Zweitkorrektor die Bewertung einer Abi-Klausur nach unten drücken kann, gibt es dies in anderen Ländern nicht. Und während etwa die Bayern oder die Brandenburger die Schüler zwingen, auch schwächere Noten aus der Oberstufe in die Endabrechnung einzubringen, können die Hessen und Hamburger schlechte Kurse viel einfacher streichen.

Die Angelegenheit hat längst eine politische Dimension erreicht. So hat die FDP-Fraktion im Landtag bei Kultusminister Alexander Lorz (CDU) angefragt, wie es um die Bemühungen bestellt sei, ein bundesweit vergleichbares Anforderungs- und Bewertungsniveau bei den Abiturprüfungen zu erreichen.

Einheitliche Bildungsstandards

Das Ministerium verweist dazu auf die bundesweit einheitlichen Bildungsstandards für Deutsch, Mathematik und die fortgeführte Fremdsprache, die von 2017 an gelten sollen. Zudem solle es von 2017 an Abituraufgabenpools für diese Fächer geben. Im Übrigen sorgten die von der Kultusministerkonferenz beschlossenen diversen Richtlinien wie etwa die „Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung“ (EPA) für Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit. Sehr ähnlich fiel die Antwort des Ministeriums bereits im Juni vergangenen Jahres auf eine entsprechende Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Lothar Quanz aus.

Zufrieden damit sind weder Quanz noch der FDP-Bildungspolitiker Wolfgang Greilich. „Auch der Jahrgang, der nun in die Abiturprüfung geht, muss damit rechnen, dass er gegenüber Absolventen aus anderen Ländern benachteiligt wird“, kritisiert Greilich. Schuld sei die Untätigkeit des Kultusministers. „Da fehlt offenbar die Dringlichkeit“, schimpft auch Lothar Quanz. Dabei könne die Note entscheidend für die Zulassung zu einem Studium sein und damit für den weiteren Lebensweg, sagt der SPD-Bildungspolitiker. Das gesamte Abitur müsse bundesweit weiter vereinheitlicht werden, auch müssten die Länder dazu verpflichtet werden, Aufgaben aus dem neuen Pool zu verwenden, die nicht die eigenen sind. „Sonst“, so Quanz, „muss man eben den Bundesdurchschnitt nehmen und den Ländern einen Bonus oder Malus zuteilen.“

Danach gefragt, wie die Landesregierung es bewerte, dass die Zensurschnitte und der Anteil der Spitzennoten in den Ländern dennoch bislang so unterschiedlich ausfielen, heißt es sinngemäß aus dem Kultusministerium: Die Ergebnisse seien gar nicht so unterschiedlich, das könne schon an den Leistungsunterschieden der Abiturienten liegen.

Aber wie bedeutsam sind die Noten überhaupt? „Da muss man unterscheiden, was ein Abiturient will“, sagt Dieter Leonhard, Berufsberater für Abiturienten und Hochschüler bei der Arbeitsagentur in Frankfurt. Fürs Studium ist die Note oft entscheidend, da viele Fächer mit einem Numerus clausus belegt sind. Ist die Note zu schlecht, gibt es keinen Platz. „Jedenfalls nicht an der Wunsch-Uni“, sagt Leonhard.

BWL mit einem NC von 1,9

Wer etwas mobil ist, komme dennoch unter. „Betriebswirtschaftslehre beispielsweise hatte in Frankfurt zuletzt einen Numerus clausus von 1,9, in Ostdeutschland kann man mit 3,9 noch einen Platz bekommen“, sagt Leonhard.
Anders sehe das beim Dualen Studium aus, das Ausbildung mit Hochschulbesuch kombiniert. „Dort schauen die Arbeitgeber vor allem auf die Noten in Deutsch, Mathe und Englisch“, sagt der Berufsberater. Und suche der Abiturient einen Ausbildungsplatz, „dann relativiert sich die Bedeutung der Abi-Note sehr“, so Leonhard. „Selbst mit einer 4 in Mathe wird ein Gymnasiast noch eher genommen als der Realschüler mit einer 2.“ Das Abitur als solches genüge vielen Betrieben als Qualitätsmerkmal.

Ganz so tragisch müssen die Hessen die Sache mit der unterschiedlichen Bewertung aber ohnehin nicht nehmen. „Im Ländervergleich haben sie ja sogar noch leichte Vorteile und damit gute Startchancen in Studium und Beruf“, sagt Jörg Feuchthofen, Geschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU). Mehr Vergleichbarkeit wäre aus Sicht der Wirtschaft dennoch wünschenswert, sagt Feuchthofen. Man wolle als Unternehmer ja schließlich wissen, wie leistungsfähig ein Bewerber tatsächlich sei.

Sehr optimistisch, dass diese Vergleichbarkeit in absehbarer Zeit hergestellt wird, ist Feucht-hofen indes nicht. Der Aufgabenpool jedenfalls bringe in der jetzt vorgesehenen Form, die es den Ländern anheimstellt, wie sie ihn nutzen wollten, wenig. „Wenn sich da jedes Land nach Gutdünken bedienen kann und im Zweifel ausschließlich die selbst beigesteuerten Aufgaben herauspickt, dann ist das Ganze nicht mehr als eine Fassade“, sagt der Bildungsfachmann. Und davon, die Prüfungsordnungen und die Bewertungsverfahren in der Oberstufe zu vereinheitlichen, ist ohnehin keine Rede. Auch künftige Schülergenerationen werden mit den Unterschieden leben müssen.

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