Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

20. Dezember 2015

Schule und Bildung: „Ich befürchte Bildungsabbau“

 Von 
Um den Stoff fürs Abi zu bewältigen, lernen manche auch noch abends, wie hier in der Offenbacher Stadtbücherei.  Foto: Monika Müller

Jürgen Hartmann, Vorsitzender des hessischen Philologenverbands, spricht im Interview mit die Frankfurter Rundschau über das Bulimie-Lernen fürs Abi, überzogenen Ehrgeiz von Eltern und Lehrerstreiks.

Drucken per Mail

Mitteilungen des Philologenverbands lesen sich mitunter, als steht die Abschaffung des Gymnasiums bevor. Sehen Sie das Gymnasium tatsächlich bedroht?
Das Gymnasium als Schulform sicher nicht, aber die gymnasiale Bildung sehe ich schon unter Druck.

Was heißt das?
Auf die Gymnasiallehrerinnen und -lehrer prasselt vieles ein. Zum Beispiel müssen wir neben der Studienorientierung immer mehr Berufsorientierung leisten, dazu gehört neuerdings auch ein zweites Berufspraktikum in der Oberstufe. Das halte ich nicht unbedingt für sinnvoll, schließlich ist unser zentrales Anliegen die allgemeine Studienbefähigung durch das Abitur, nicht die Vorbereitung auf eine Berufsausbildung.

Eine Leitfrage ihres jüngsten Verbandstags war, ob die Schülerschaft eingegrenzt werden müsse, um weiterhin dem gymnasialen Anspruch gerecht werden zu können. Besuchen zu viele ungeeignete Jungen und Mädchen das Gymnasium?
Wir freuen uns natürlich über den Zuspruch, den die Gymnasien haben. Wir müssen aber darauf achten, dass die Qualität gehalten wird.

Was bedroht diese Qualität?
Wenn Sie sich die neue Abiturverordnung ansehen, da fallen in vielen Fächern ganze Teile von Aufgabenfeldern weg. In meinem Fach Mathematik etwa, werden die seitherigen Inhalte in Themenfelder überführt, von denen dann einige nicht verbindlich für das Abitur vorzusehen sind.

Wie ist das in anderen Fächern?
In Geschichte wird im neuen Kerncurriculum die Verbindlichkeit gar dermaßen eingeschränkt, dass die Schüler unter Umständen mit zentralen Themen wie der „Weimarer Republik“ nicht konfrontiert werden. In Politik und Wirtschaft erfolgen teilweise bedenkliche Verengungen, so dass die Gefahr besteht, gestaltende Politik auf Wirtschaftspolitik zu reduzieren. Diese Verengungen und Kürzungen ziehen sich, so scheint es, durch alle Fächer hindurch. Das halte ich für eine Form von Bildungsabbau.

Genügen die bisherigen Maßnahmen zur Qualitätssicherung nicht? Mathematik und Deutsch müssen bis zum Abitur belegt werden, Abwählen ist nicht mehr möglich. Es gibt Vergleichsarbeiten in der Mittelstufe und das Landesabitur, bei dem die Ergebnisse in den letzten Jahren nicht schlechter geworden sind.
Seit Einführung des Landesabiturs kann man beobachten, dass alles dafür getan wird, dort gut abzuschneiden. Aber das heißt ja nicht, dass insgesamt besser gelernt wird. Es gibt da den Begriff des Bulimie-Lernens, also dass man alles möglichst schnell in sich aufnimmt, um es dann aber auch ganz schnell wieder loszuwerden.

Zur Person

Jürgen Hartmann (42) ist Lehrer am Gymnasium Michelstadt. Ende November hat er den Vorsitz des hessischen Philologenverbands von Knud Dittmann übernommen, der den Verband 17 Jahre lang führte. Hartmann lebt mit Frau und Tochter im Odenwald.

Der hessische Philologenverband vertritt rund 4000 Lehrkräfte an Gymnasien und gymnasialen Bildungsgängen anderer Schulen. (pgh)

Soll man es also wieder den Schulen weitgehend überlassen, wie sie das Abitur gestalten?
Wenn man den Schulen diese Freiheiten gibt, wird die Bildung an vielen Schulen sicher nicht schlechter. Der Philologenverband wollte ja auch von Anfang an bei der längeren Gymnasialzeit G9 bleiben, den Kindern mehr Zeit zum Lernen und Reifen geben.

Jetzt kehren die meisten Schulen zu G9 zurück, lassen das Abitur in acht Jahren hinter sich.
Ja, wir haben hier seinerzeit Recht gehabt, über die Jahre Recht behalten und durch die Entwicklung Recht bekommen. Das war ein großer Erfolg für unseren Verband und ein Fortschritt für bessere Bildung. Dass am Ende der Schulzeit eine einheitliche Leistungsüberprüfung erfolgen sollte, ist im Philologenverband aber weitestgehend Konsens.

Kann man die mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs, die nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln, zum Abitur führen?
Da spielt sicher hier und da auch der überzogene Ehrgeiz von Eltern eine Rolle. Dieser ist mit Sicherheit nicht gut. Wenn man sich die Studienabbrecher-Quoten von teils mehr als 30 Prozent ansieht, erscheint die Vorstellung, es auf direktem Weg über das Abitur ins Studium schaffen zu wollen, bei so manchem in die falsche Richtung zu führen. Diese Kinder hätten vielleicht besser einen anderen Bildungsweg eingeschlagen, statt von Anfang an überfordert zu sein. Das ist weder für die Kinder noch die Eltern oder Lehrkräfte gut.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang das Bemühen von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften, verstärkt Menschen mit einem Berufsabschluss den Weg an die Hochschulen zu ebnen, auch ohne Abitur?
Es gibt ja schon heute viele Wege, die an die Hochschule führen. Wenn es da für qualifizierte und motivierte Menschen weitere Möglichkeiten gibt, kann ich das nur begrüßen. Diese Wege sind oft noch zu unbekannt.

Das Land Hessen hat seinen Beamten eine Nullrunde verordnet, danach sollen die Bezüge nur langsam steigen, zudem ist die Arbeitsverpflichtung mit 42 Wochenstunden höher als in anderen Bundesländern. Wie ist die Stimmung bei den Lehrkräften?
Die Stimmung ist schlecht. Vor allem die Arbeitsbelastungen sind viel zu hoch und noch gewachsen. Gleichzeitig gibt es nicht nur keine Gehaltserhöhung, sondern Kürzungen, etwa bei der Beihilfe. Generell lässt sich sagen, dass es den Anschein hat, als koppele man den öffentlichen Dienst von der allgemeinen Einkommensentwicklung ab. Der Deutsche Beamtenbund als einer unserer Dachverbände prüft hier gerade eine Klage wegen der Verletzung des Alimentationsprinzips.

Werden Sie Ihre Mitglieder zu einem Streik aufrufen wie die GEW?
Das werden wir nicht tun. Wir werden uns auf die Grundprinzipien des Beamtentums berufen, da kann man nicht während der Dienstzeit einfach mal die Arbeit niederlegen. Hier ist unsere Position klar. Demonstrieren kann man außerhalb der Dienstzeit. Man kann Dienst nach Vorschrift tun, remonstrieren oder sich in einem Berufsverband engagieren und die Öffentlichkeit ansprechen, etwa über die Medien.

Jetzt gab es einen Abbau von Lehrerstellen in der Oberstufe. Wie gravierend war das? Das Ministerium rechnet vor, dass es dabei um einen Schüler mehr pro Kurs geht.
Das hat wehgetan, weil diese Durchschnittsberechnung des Ministeriums nicht die Wirklichkeit, also die tatsächliche Schülerzahl in den Kursen abbildet.

Wie sieht diese Wirklichkeit Ihrer Einschätzung nach aus?
In der Konsequenz fallen ganze Kurse weg, weil für kleine Gruppen kein Kurs mehr zustande kommen kann. Oder es gibt nur noch drei statt vier Englischkurse, entsprechend größer wird die Gruppe, und die Aufgaben für die Lehrkräfte werden umfänglicher. Die Arbeitsbelastung wird deutlich größer. Wo es sicher Einschnitte geben wird, sind die Angebote in Mathematik, Informatik, Technik und den Naturwissenschaften, obwohl dort der Nachwuchs jetzt schon fehlt.

Sind das nicht Luxusprobleme, wenn man sieht, dass Inklusion am Gymnasium kaum umgesetzt werden muss, dort wenige Intensivklassen mit Flüchtlingskindern existieren, während Grundschulen die Angebote in Deutsch als Zweitsprache umsetzen müssen?
Die Belastungen sind überall schon lange Zeit recht hoch. Deshalb finde ich es nicht in Ordnung, die Schulformen gegeneinander auszuspielen. Das hat ja auch nicht funktioniert, diese Umschichtungen haben nahezu alle Gruppen in der Lehrerschaft als unsäglich bezeichnet. Schulen brauchen insgesamt mehr Ressourcen, nicht weniger. Zusätzliche Aufgaben, die Schulen umsetzen sollen, benötigen deshalb auch zusätzliche Ressourcen.

Jetzt soll es in Hessen 800 neue Lehrerstellen geben; die GEW lobt die Landesregierung. Und Sie?
Es ist ja wunderbar, dass dafür jetzt die Mittel zur Verfügung stehen. Vielleicht wäre es ja auch möglich gewesen, das drastische Mittel der Umschichtungen im Sommer diesen Jahres zu vermeiden. Jedenfalls sollte es jetzt gelingen, diese rückgängig zu machen. Auch das wird eine unserer Forderungen sein.

Interview: Peter Hanack

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Von Hanau über Offenbach bis Wiesbaden, von Friedberg über den Taunus bis nach Darmstadt: Die Frankfurter Rundschau berichtet mit ihren Redaktionen vor Ort aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Twitter

Anzeige

Altenhilfe der FR
Altenhilfe

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

ANZEIGE
- Partner