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05. August 2010

Schuleingangsuntersuchung: Dick in die erste Klasse

 Von Jutta Rippegather
10,6 Prozent der Schulanfänger in Hessen haben Übergewicht. Schuld ist auch falsche Ernährung. Foto: dpa

Alarmierende Zahlen: Jedes zehnte hessische Kind ist bei der Einschulung zu dick. Das Familienministerium sieht Handlungsbedarf.

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Schwere Jugend

Seit Beginn der 1980er Jahre nimmt die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen weltweit zu.
Deutschlandweit sind 15 Prozent aller Drei- bis 17-Jährigen übergewichtig, jeder zweite bis dritte davon stark. Gerade diese Gruppe wird immer schwerer.
Zu körperlichen Belastungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und frühen Gelenkverschleiß kommen seelische. Übergewichtige Kinder sind oft Opfer von Hänseleien. Häufig besteht ein Zusammenhang mit Essstörungen.
Weitere Informationen: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Telefon O49 / 221 89920, Internet www.bzga.de jur

Manche schleppen Süßigkeiten in ihren kleinen Rucksäcken an. Andere bringen Gemüse und Obst mit. „Es kommt stark auf die soziale Schicht an“, hat Katharina Gutzeit beobachtet, die stellvertretende Leiterin der ASB-Kindertagesstätte in Offenbach. Damit alle Kinder sich ausgewogen ernähren, gibt es dort jetzt ein gemeinsames Frühstück.

Die Kita steht mit ihren Anstrengungen nicht alleine da. Die Bemühungen, den Trend zum Übergewicht zu brechen, sind so zahlreich, dass man den Überblick verliert. Doch die Quote der Kinder, die schon in frühen Jahren zu viele Kilos auf die Waage bringen, bleibt seit nunmehr acht Jahren nahezu konstant: 10,6 Prozent der Schulanfänger in Hessen haben Übergewicht. 4,4 Prozent von ihnen sind sogar fettleibig. Jedes sechste Kind mit Migrationshintergrund ist zu schwer. Das ist das am Donnerstag von Hessens Familienministerium veröffentlichte Ergebnis der Schuleingangsuntersuchungen 2009. Sein Fazit: „Diese Daten sind alarmierend und zeigen Handlungsbedarf.“

Den sieht Josef Geisz, Vorsitzender des Berufsverbands der hessischen Kinderärzte aus Wetzlar, schon lange. Er vermisst eine Anlaufstelle um die Ecke, wo die jungen Patienten samt Eltern von Sporttrainern und Ernährungsexperten zu gesünderem Verhalten angeleitet werden. „Es gibt tausend Programme, bei denen einige auch gut verdienen. Aber es gibt keine Systematik.“ Der ganzheitliche wohnortnahe Ansatz fehle: Eine Alleinerziehende könne ja nicht ständig mit ihrem Kind weite Wege fahren. Und: „Solange die Mutter nicht kochen kann, braucht man gar nicht anzufangen.“

Gehen beide Eltern arbeiten, bleiben Kinder aus sozial schwachen Familien oft unbetreut vor Fernseher oder Computer, sagt Hartmut König, Ernährungswissenschaftler bei der Verbraucherzentrale. „Dabei essen sie Chips.“ Hinzu komme die veränderte Umwelt: „Über stark befahrene Straßen lässt man die Kinder nicht gerne allein gehen.“ Also fährt das Mama-Taxi – wieder eine Bewegungs-Chance vertan.

Zum mangelhaften Wissen um gesunde Ernährung trägt auch die Lebensmittelindustrie mit falschen Versprechungen bei: Kindermilchschnitte, Süßgetränke – „das nimmt zum Teil suchtmäßige Züge an“, sagt König. Die Politik bleibe tatenlos: In vielen anderen europäischen Ländern sei Quengelware an der Kasse verboten. Und die Ampel-Kennzeichnung für Lebensmittel wurde hier auch abgelehnt.

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