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Schulverweigerer in Hessen: ABC aus der Bibel

Jürgen und Rosemarie Dudek unterrichten ihre sieben Kinder daheim in Archfeld bei Herleshausen. Wegen Verstoß gegen die Schulpflicht stehen sie jetzt vor Gericht. Von Katja Schmidt

Einen Schulranzen brauchen die Kinder der Familie Dudek (noch) nicht: Die Eheleute aus in Archfeld bei Herleshausen unterrichten ihren Nachwuchs daheim in der Familienschule.
Einen Schulranzen brauchen die Kinder der Familie Dudek (noch) nicht: Die Eheleute aus in Archfeld bei Herleshausen unterrichten ihren Nachwuchs daheim in der "Familienschule".
Foto: dpa

Die große Rede im Gerichtssaal überlässt Rosemarie Dudek (43) ihrem Mann. Jürgen Dudek klingt predigt-erfahren, als er am 16. November im Kasseler Landgericht erklärt, warum die Eheleute ihre sieben Kinder nicht in eine staatlich anerkannte Schule schicken wollen. Bis in die letzte Zuschauerreihe ist der 48-Jährige gut zu verstehen. Dort sitzen die Kinder, um die es geht. Der Älteste, Jonathan (17), hat die Kleinste (2) auf dem Schoß.

Die Dudeks bestehen darauf, ihre Kinder in einer "Familienschule" zu unterrichten - zu Hause in Archfeld bei Herleshausen (Werra-Meißner-Kreis). "Unser Wertesystem ist der christliche Glaube", erklärt der Vater dem Richter. "Wir leiten sie darin an, der Bibel ihr uneingeschränktes Vertrauen zu geben." So entwickelten sich die Kinder "sehr gut". In anderen Schulen aber sei es normal, die Existenz Gottes und letztgültige Wahrheiten abzustreiten.

Der Berufungsprozess gegen die Dudeks wird am Mittwoch fortgesetzt. Verstoß gegen die Schulpflicht wird ihnen vorgeworfen. 2008 hatte das Landgericht sie zu drei Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. In der Revision wurde das aufgehoben. Nun wird neu verhandelt.

Die Eheleute haben selbst staatlich zugelassene Schulen besucht. Auch studiert haben beide - sie Musik, er Geschichte, Anglistik und Politik. Eine Zeit lang arbeitete Jürgen Dudek als Journalist. Jetzt lebt die Familie nach eigenen Angaben vom Kindergeld und Einnahmen für Nachhilfeunterricht. Ihr Haus in Archfeld sei schuldenfrei. Hartz IV zu beziehen, lehnen sie ab.

Wer ungewöhnliches Aussehen erwartet, wird enttäuscht. Nur das Kopftuch der Mutter fällt auf - nicht der bärtige hagere Vater im Jackett, nicht die Jungs in Jeans, Shirts und Hemden oder die Zöpfchen und Kleidchen der Mädchen. Die Dudeks sind oft fotografiert worden, in den letzten drei Jahren der Gerichtsstreite und Medienberichte. Jürgen Dudek hat versichert, die Familie lebe nicht abgeschottet. Die Kinder spielten im Dorf, seien bei den Pfadfindern, im Schwimmverein oder der Feuerwehr.

Die beiden Töchter sind noch nicht alt genug für Schule. Sie dürfen schlafen, so lange sie wollen, berichtete ihre Mutter dem Richter vom Alltag in Archfeld. Für den Rest der Familie beginne der Unterricht gegen 7 Uhr. Den Grundschulstoff lehrt sie, ab Klasse 5 übernimmt ihr Mann. Die 15, zwölf, neun und sechs Jahre alten Söhne kennen es nicht anders.

Lediglich Jonathan war 1998/99 kurz auf einer christlichen Bekenntnisschule. Und wenige Monate auf der Südringgauschule in Herleshausen brachten ihm 2008 seinen Realschulabschluss. Das Abitur stand offen, er macht aber eine Schreinerlehre - sein Entschluss, sagen die Eltern.

Die Dudeks sind stolz auf das Abschneiden des Sohnes. Mit Notendurchschnitt 1,1 gehörte er zu den Besten des Jahrgangs. "Jonathan hat im Elternhaus das Lernen gelernt", wurde die Schuldirektorin in der Lokalzeitung zitiert. Der Junge selbst fand die anderen Schüler passiv: "Meine Eltern haben immer sehr genau darauf geachtet, dass ich viel selbst untersuche und herausfinde", erklärte er.

Vater Jürgen argumentiert vor Gericht auch pädagogisch, beklagt Druck im staatlichen Schulsystem, mangelnde individuelle Förderung. "Wir sehen das ganze Kind - nicht das fächerbezogene Kind", beteuert er und rührt so an Sorgen vieler Eltern. Auch noch größere Fässer werden geöffnet: "Diese Kinder sind nicht diejenigen, die später wegen Problemen aller Art das Gemeinwesen belasten." Es wirkt, als sähen die Dudeks Schulen als Quell von Übel - nicht als Ort, an dem gesellschaftliches Miteinander geübt werden könnte.

Mit einigen Schülern in Herleshausen habe er sich "richtig gut" verstanden, berichtete Sohn Jonathan 2008 in einem Interview. Viele Vergnügungen der "anderen jungen Leute" seien für ihn aber keine. Er brauche keine Disco, kein Handy, keinen Fernseher. "Ich lese viel, arbeite im Garten und helfe bei der Hausarbeit", wird er zitiert: "Ich habe viel mehr als die anderen."

Autor:  Katja Schmidt
Datum:  24 | 11 | 2009
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