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Auf Sinnsuche im Vogelsberg-Camp: Schwitzen auf Schamanisch

Wer nicht nur wandern will oder baden will, kann im Urlaub seiner Psyche nachspüren. Ein "Connecting Camp" verspricht spirituelle Impulse und einfaches Leben in der Natur. Auch für Arme.

        

 Jeder Schuss ein Stück Selbsterfahrung.
Jeder Schuss ein Stück Selbsterfahrung.

Mutter Erde ist großzügig. Sie schickt eine sanfte Brise, die Gesicht und nackte Arme streichelt. Und wärmende Strahlen. „Es ist alles da, im Überfluss, Wind, Wasser, Wald“, flüstert Agniäszka, atmet tief. Ihre Arme beschreiben einen weltumspannenden Kreis. „Das Leben ist schön.“ Es klingt beschwörend. Die 39-Jährige sitzt im Yogasitz in einem Kreis aus dunklen Steinen. Zu ihren Füßen steht ein kleiner Altar mit Figuren, Zweigen und einem blauen Stein. Die Frauen des Camps haben die Spirale gemeinsam auf der Wiese angelegt. „Die Steine haben wir im Bach gesammelt.“ Dem Lauf des Flüsschens barfuß entgegenlaufen, soll Meditation sein, Kontakt mit den Elementen, auf jeden Fall aber ein Naturerlebnis. Das Wasser plätschert durch den abgeschiedenen Zeltplatz in Grebenhain im Vogelsberg, perfekte Geräuschkulisse für ein Idyll im Einklang mit Vogelzwitschern und dem Rauschen der Blätter, die am Ufer Schatten spenden.

Mutter Erde kann auch piksen. Neben der Feuerstelle kauert Anja auf dem Gras, zieht an ihrer Zigarette und sammelt Splitter und fingergroße Hölzchen in einer Plastiktüte. Hinter ihr bleibt weiches sauberes Gras zurück. Auf dem sollen heute Nacht von Rauch, Feuer und Schweiß gereinigte Menschen liegen, den Sternenhimmel betrachten und Erkenntnisse gewinnen, die ihr Leben verändern. Steine markieren den Weg zur Schwitzhütte, die solche Prozesse in Aussicht stellt. Das Loch, in dem die rotglühenden Steine liegen werden, hat Birgit Simmerick, die auch Daniela, Viviane und Shanti heißt, im Morgengrauen mit dem Spaten ausgehoben. Die 52-Jährige wird die Schwitzhütte und die strömenden Energien leiten. Sie hat den großen Altar mit schamanischen Raritäten bestückt: indianisches Gras, ein Zauberstab und die Feder einer Schneegans. „Der einzige Vogel, der fliegen kann, wenn alle anderen schon vor Kälte erstarren“, sagt Birgit. Das Symbol gefällt ihr. „Es gibt immer einen Weg, man muss ihn nur gehen.“

Hexe und Sexualtherapeutin

Das will sie den Teilnehmern des „Connecting Camps“ mitgeben. Fünf Euro am Tag kostet der Zeltplatz pro Teilnehmer, spirituelle Angebote wie Schwitzhütte, Meditation, Kräuterwandern oder Bogenschießen sind kostenlos. Birgit Simmerick ist nicht nur Hexe und Sexualtherapeutin, sondern in Wiesbaden auch Vermittlerin für Arbeitslose, die von Hartz IV leben. Das ist ein finanzielles Standbein, außerdem ein Massage-Institut in Rüsselsheim und ein Ayurveda Ressort in Sri Lanka, das als Altersruhesitz dienen könnte. „Bis dahin bin ich eine weise Frau“, lacht sie.

Am Eingang des Zeltplatzes steht ein kleines Kraftwerk aus Solarzellen, das Strom für Handy und Blackberry liefert. Die Geschäftsfrau braucht die Technik, um ihre Unternehmen zu managen. Ansonsten herrscht einfaches Leben im Camp mit Zelten, Wasch-, Koch- und Schutzhütte. Während kaltes Wasser aus der Gartendusche rinnt, kann der Blick über die sanften Hügel rund um Grebenhain schweifen.

Preiswerten Urlaub und dazu noch ein Stück Selbstfindung will Birgit mit dem Camp eigentlich auch Armen bieten. „Das Interesse ist leider nicht so groß“, bedauert sie. „Die Leute sind zu bequem“. Sie organisiert das Camp trotzdem seit sechs Jahren, „weil ich gern hier bin und die Menschen mag.“ 15 Teilnehmer sind es in diesem Jahr, es seien aber auch schon mehr als 30 gewesen.

Schamanismus, das sei „der Weg der Liebe“, verbunden mit „viel Achtsamkeit“. Dass Buddhisten und Christen solche Grundsätze auch unterschreiben, sei kein Widerspruch. „Jeder soll seine Religion finden“, sagt sie.

Ihre Qualifikation nennt sie „ein Diplom in Lebenserfahrung“. Mit 19 Jahren stieg Birgit Simmerick aus, ging nach Afrika, lebte bei Indianern und Inuit, wurde Ehefrau und Mutter, war in Hexenzirkeln und Ökoprojekten aktiv. Dennoch sei sie keine Aussteigerin, eher eine moderne Selbstfinderin, „eine Waldfrau“ mit gutem Draht zu den Elementen.

Mutter Erde kann auch gemein sein. In manchen Jahren prüfte sie ihre Schützlinge mit Dauerregen, der die Gruppenprozesse in der Enge der Hütten vorantrieb. Diesmal schickt sie nachts Waschbären in Scharen. Wer nicht diszipliniert Vorräte wegräumt, muss morgens Abfälle sammeln.

Wieder Mut gewinnen

Verpflegung wird gemeinsam organisiert. Herbert (Name geändert) sitzt auf der mit Schaffell ausgelegten Bank in der Schutzhütte und reibt Käse. Zum zweiten Mal nimmt der 48-Jährige an dem Camp teil. Er lebt mit seiner Mutter zusammen, hatte jahrelang psychische Probleme, die seine chronische Krankheit verschlimmerten. „Viviane hat mir wieder Mut gegeben“, sagt er. Die Einstellung zum Leben habe sich geändert, auch wenn die schwierigen Umstände gleichblieben. „Ich nehme es, wie es kommt und bin nicht mehr so aufbrausend.“

Ein buntes Völkchen hat sich in diesem Jahr versammelt. Das Paar, das gerade Holzstämme für die Schwitzhütte aus dem Kofferraum lädt, ist zum ersten Mal hier. „Ich bin so kopfgesteuert“, sagt sie, die eigentlich nicht gern zeltet. „Ich will Kontrolle abgeben.“ Stefan sucht nach einem guten Leben in Gemeinschaft und ist bekennender Neuheide im Rabenclan, ein Verein, der sich die Weiterentwicklung naturreligiöser und heidnischer Traditionen auf die Homepage geschrieben hat. Der 43-Jährige arbeitet im Backwarenvertrieb. 30 Jahre lang hat er im Urlaub an den Stränden des Südens gelegen. Jetzt sucht er Entspannung und Impulse beim Aktivurlaub der spirituellen Art.

Klack – zwischen den Zelten bohrt sich ein Pfeil in die Zielscheibe. Birgit lässt ihren großen Bogen sinken. „Ich war mal Xenia, eine Kriegsgöttin“, sagt sie und man weiß nicht, wie ernst sie das meint. In ihrer großen Lebenskrise, in der sie ohne Mann mit den Kindern auf einem Berg von Schulden saß, fing sie mit Kampfsport an. „Zum Abreagieren.“ Mit dem Bogen habe sie mal einen Hirsch erlegt, bei Indianern. Eindrucksvoll. Die 52-Jährige reißt die Augen auf, redet eindringlich, schüttelt oft die schwarzen Locken und lacht sehr viel. Ihre Geschichten klingen gut, jetzt soll ein Buch daraus werden.

Ein Schuss Selbsterfahrung

Klack – der zweite Pfeil sitzt. Es sieht einfach aus. Beim Selbstversuch schießt das Geschoss dennoch weit über das Ziel hinaus. Das soll Rückschlüsse auf den Charakter erlauben – jeder Schuss ein Stück Selbsterfahrung.

Norbert will mehr. Der Katholik, der seit seinem 18. Lebensjahr Yoga praktiziert, möchte Gott näher kommen und mag die ungezwungene Atmosphäre im Camp. Der Volkswirt wurde mit Anfang 50 entlassen und ist seitdem freiberuflicher Unternehmensberater. „Der Stress in der Arbeitswelt macht die Leute krank“, glaubt Norbert. Der 57-Jährige meditiert täglich in der Natur, schätzt den Austausch mit spirituell Andersdenkenden. Da ist er tolerant und Mutter Erde auch.

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Autor:  Regine Seipel
Datum:  5 | 8 | 2010
Seiten:  1 2 3 4
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