Das Semester beginnt mit Tofu-Cordon-Bleu. Für 2,30 Euro gibt es in der Zentralmensa auf dem Bockenheimer Campus noch zwei Beilagen nach Wahl dazu. Reis oder grüne Bohnen oder beides? Das ist die Frage, doch die stellen sich nur wenige. Die Schlange ist kurz, die Tischauswahl groß. Die Uni zieht weg aus Bockenheim, das weiß jeder, das ist ein alter Hut. Noch nie hat man das allerdings so deutlich vor Augen gehabt wie heute: Das Wintersemester geht los, und das Studentensekretariat ist zu.
Das Wintersemester geht los, und es stehen kaum Grüppchen vorm Brunnen und vergleichen Stundenpläne. Das Wintersemester geht los, und die U-Bahn-Rolltreppen an der Bockenheimer Warte sind fast leer. Wer hier heute rumläuft, gehört in der Regel zu den BWL- und VWL-Studierenden, die vor dem baldigen Umzug ins Westend unerwartet doch noch ein paar Tage Bockenheimer Luft atmen dürfen.
Im Westend haben sich die Bauarbeiten verzögert, doch spätestens in zwei Wochen dürfen die beiden größten Fachbereiche der Goethe-Uni, Jura und Wirtschaftswissenschaften, endgültig ihre neuen, schicken Häuser auf dem IG-Farben-Campus beziehen, beide dezent sandfarben wie das übrige Ensemble. Für die Juristen verlängern sich die Semesterferien um zwei Wochen. Es ist ihr Fehlen, dass sich so drastisch bemerkbar macht. Fast ausgestorben steht das graue elfstöckige Juridicum im Herbstnebel.
Ob es also eine tolle Idee war, jetzt noch Zettel ans Schwarze Brett zu pinnen? Dort sucht, wahrscheinlich vergeblich, ein Team von Psychiatern der Uniklinik nach Probanden, die von ihrem Partner betrogen wurden, für "eine Kernspinstudie zum Thema Eifersucht" ("Als kleines Dankeschön für die Teilnahme erhalten Sie ein Bild Ihres Gehirns!").
Ypsilanti steht hoch im Kurs
Allein im Turm an der Robert-Mayer-Straße ist es wie immer. Die Aufzüge ruckeln und knirschen und brauchen ewig. Und Jan Wegener bestellt im Erdgeschosscafé einen Lachs-Bagel. Das wird er wohl die nächsten vier Semesteranfänge auch noch tun. Politikwissenschaftler und Soziologen ziehen erst 2010 auf den neuen Campus. "Es werden halt Prioritäten gesetzt", sagt Wegener, 22 Jahre alt und im dritten Semester, "aber die Insellage hat schon Vorteile.
Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft." Hauptsache, eine Sorge weniger: "Die Studiengebühren sind weg, das macht das Leben leichter. Das vergesse ich der Ypsilanti nie." Um 3,5 Prozent ist die Studentenzahl in Frankfurt gestiegen im Vergleich zum vergangenen Herbst, als die kurze Episode einer Campus-Maut begann.
Zwei Kilometer Luftlinie entfernt im Westend merkt man den Semesterstart selbst als Unbeteiligter. "Bis wann muss man sich fürs Empiriepraktikum eintragen?" fragt eine den anderen im Bus Nummer 36. Aus großen Umhängetaschen werden hastig auf Karopapier gekrakelte Stundenplan-Skelette gefriemelt.
Im IG-Farben-Haus hetzt man noch nicht in letzter Sekunde zu "Einführung in die Linguistik II", sondern steht herum - oder schleicht herum: um die neuen Gebäude, die bald keine Geisterhäuser mehr, sondern neue Homebase für tausende Studierende sind. Leute im Blaumann kommen aus der Tür, doch es liegt kaum noch Schutt rum.
Was in Bockenheim zu Ende ging, geht hier bald los. Unübersehbar.

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