Wie befasst man sich mit dem Unfassbaren? Mit dieser Frage sieht man sich augenblicklich konfrontiert, wenn man über das Thema Auschwitz nachdenkt. Heute, am 27. Januar, jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers durch sowjetische Truppen zum 64. Mal. Seit 1996 ist dieser Tag in Deutschland der offizielle Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, proklamiert vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog. Wie wird man einem solchen Tag gerecht?
Ich bin Schüler der zwölften Klasse. Der Holocaust wurde bei uns im Unterricht sehr ausführlich behandelt. Uns wurden in vielen Fächern Filme zu dem Thema gezeigt, wir lasen viele Texte und redeten darüber. Der Umgang mit diesem Kapitel der Geschichte war unangenehm und verstörte uns. In der neunten oder zehnten Klasse erdrückte uns das Thema fast ein bisschen, weil es so ausgiebig behandelt wurde. Häufiger höre ich, dass Leute nun der Meinung sind, man habe das Thema ausreichend behandelt. Gibt es also keinen Bedarf mehr an Unterricht zum Thema Auschwitz?
Der Gedanke, dass der Holocaust ein Abschnitt der Vergangenheit sei, den man langsam mal zu den Akten legen müsse, ist in der Gesellschaft weit verbreitet. In einer 2003 durchgeführten Forsa-Studie stimmten 61 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass 58 Jahre nach Kriegsende nicht mehr so viel über Judenverfolgung geredet werden, sondern endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden sollte. Gleichzeitig bescheinigte die Studie 23 Prozent der Befragten einen latenten Antisemitismus.
Doch ist die Geschichte nicht Mahnung genug, um Antisemitismus und Fremdenhass endlich auf den Müllhaufen der Geschichte zu verbannen? Neue Zahlen sind nicht ermutigender. In einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung stimmte ein hoher Anteil der Befragten fremdenfeindlichen Aussagen zu. So waren 39 Prozent der Meinung, Deutschland sei von Ausländern "überfremdet".
Der heutige Gedenktag bietet Anlass, sich der Verantwortung des Nachdenkens zu stellen. Ein Nachdenken über die damals in Auschwitz begangenen Verbrechen. Leider findet dies in vielen Schulen kaum Resonanz. Das ist wohl auch Symptom eines Bildungssystems, das für individuelle Zugänge im Unterricht immer weniger Zeit lässt. Dadurch vernachlässigt die Schule eine ihrer zentralen Aufgaben.
Christian Kipp ist Schüler der zwölften Klasse mit den Leistungskursen Geschichte und Mathematik. Er ist 18 Jahre alt und macht gegenwärtig ein Praktikum in der Lokalredaktion der FR.

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