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Siedlung Im Mainfeld: Neue Wege zum Fluss

Es ist vieles besser geworden im Mainfeld, aber die architektonischen Sünden lasten schwer. Massige, mit Waschbeton verschalte Türme wachsen gen Himmel. Von Jutta Ochs

Die Hochaussiedlung ist kein Ort, an dem man sich nicht kümmert: Die Spielplätze zwischen Blocks sind mit viel Holz und Phantasie gestaltet.
Die Hochaussiedlung ist kein Ort, an dem man sich nicht kümmert: Die Spielplätze zwischen Blocks sind mit viel Holz und Phantasie gestaltet.
Foto: Grimm/FR

Auf dem Weg über die Kelsterbacher und Schwanheimer Straße, da ist noch alles wie gewohnt. Einfamilienhäuser, dreigeschossige Gebäude mit Etagenwohnungen, meist älter, alles dicht bebaut. An den Zugängen Richtung Mainfeldstraße, da bleibt es bis zu "Manfreds Schänke" noch homogen und harmonisch flach, dann schießt die Bebauung fast explosionsartig nach oben, bis zu 22 Etagen in den Himmel. Die ganze Siedlung Im Mainfeld, insgesamt zehn Hochhäuser und eine Altenwohnanlage, ist dem eher niedrigen Wohnstandort Niederrad aufgepfropft worden.

Sie ist aber niemals mit ihm verwachsen. Schon zu spüren an dem Fuß- und Radweg, der am Hochhausquartier entlang führt. Da sind die schönen Hinterhausgärten von älteren Einfamilienhäusern zu sehen. Der Flieder blüht lila. Allerdings an einem kräftigen Zaun. Über die gesamte Länge des Weges trennt Maschendraht die Siedlung vom Rest der Welt.

Pläne von Stadt und ABG

Sozialer Wohnungsbau in großem Stil auf engem Raum: Unter diesem Motto sind in den 70er Jahren eine Altenwohnanlage und zehn Wohnhochhäuser, zwischen 16 und 22 Stockwerke hoch, am Ortsrand von Niederrad Richtung Main errichtet worden.

Drei Blocks im Westen sind zu Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Die übrigen sieben gehören der Wohnheim GmbH, einer Tochter der städtischen Wohnungsgesellschaft ABG Frankfurt Holding.

Es sind 854 Sozialwohnungen mit insgesamt rund 2800 Mietern. Die Pläne der ABG: Sie möchte die Hochhäuser bis auf sechs Stockwerke abtragen.

Zudem soll auf großen Freiflächen in der Siedlung neu gebaut werden. Weiterhin denkt die ABG daran, zusätzlichen Wohnraum in der Bürostadt Niederrad zu errichten. Das Stadtplanungsamt würde gerne das gesamte Viertel einem städtebaulichen Ideenwettbewerb unterziehen.

Unter anderem soll es neue Wege Richtung Main geben, damit der Stadtteil nicht so abgekapselt ist vom Fluss. Auch über Veränderungen an der Uferstraße wird nachgedacht.

Jenseits des Zauns ist es aber auch schön. Die Hochhausturm-Siedlung ist keinesfalls ein Ort, an dem man sich nicht kümmert. Es gibt keine Vernachlässigung, die Spielplätze zwischen den Betonblocks sind mit viel Holz und Phantasie gestaltet. Großzügige Grünanlagen vermitteln an einem sonnigen Tag das Gefühl von Frieden in einer Vorort-Idylle.

Wenn da nur nicht diese massigen, mit Waschbeton verschalten Türme in die Wolken wachsen würden. Alle nahezu identisch. Nur dass bei den einen Balkone in verschiedenen Schattierungen von Gelb und Grün gestrichen sind, die anderen changieren in Ocker, Braun- und Rottönen.

"Achtung Kinder", hat der Quartiersmanager auf sein Plakat an den Eingang vom Block Nummer 3 geschrieben. Am heutigen Freitag, ab 14 Uhr, wird der "Briefkastenraum" bemalt. Mit Motiven aus der Serengeti, Löwe, Giraffen, Elefant und Flamingos. In der Auswahl ist auch ein Südsee-Inselparadies mit weißer Palmenbucht und chagall-blauem Meer. Alle sollen mitmachen. Wie schon im Block 19, da hat sich der von der Eingangshalle aus separat zu betretende Raum mit den Postfächern bereits in eine lustige Landschaft verwandelt.

Jungen lungern

"Die Grünflächen sind ja wirklich gepflegt", gibt eine Hausbewohnerin mit vier Kindern auf Nachfrage zu. "Aber sonst!?" Die Schilderungen einiger Bewohner laufen auf Folgendes hinaus: Unhöfliche bis beängstigende Jugendliche, ständige Ein- und Auszüge mit Lärm und Schmutz, unter Alkoholeinfluss randalierende Nachbarn, Vermutungen über kriminelles Treiben. Von den Jungen, die an den Eingängen "lungern", ist nichts zu sehen. Ein etwas älterer mit Kapuzenjacke ist aber da und freut sich spürbar, Schauergeschichten zu erzählen. Die klingen, als berichte er aus dem Horrorsiedlungs-Song des Rappers Sido, "Mein Block".

Die Polizei ist zwar häufiger präsent, gibt aber stetig an, dass die Kriminalitätsrate Im Mainfeld nicht höher sei als andernorts in Frankfurt. Es ist vieles besser geworden in und zwischen den Hochhäusern. Es gibt Bewohner, die sind stolz auf ihre in den Himmel gewachsene Heimat.

Es gibt Quartiersmanagement im Programm Soziale Stadt, es gibt einen Jugendtreff, der wunderschöne Spielplatz hat rund 50 000 Euro gekostet. Und doch hat die Eigentümerin, die Wohnheim GmbH, Tochter des städtischen Wohnungskonzerns ABG Frankfurt Holding, die Zuversicht verlassen, dass es Im Mainfeld einmal richtig gut werden könnte. Die Sünden der 70er, in erster Linie die architektonischen, wiegen zu schwer. Der Plan, die Hochhäuser "flach zu legen", sie also auf etwa sechs Stockwerke abzutragen und auf großen Grünflächen flach neu zu bauen, ist eine "enorme Herausforderung", weiß ABG-Chef Frank Junker.

Das beinhalte nicht nur die Kosten, ein "sensibler Umgang" mit den Mietern sei ebenfalls vonnöten. Da die ABG ohnehin ein großes Wohnungskontingent in Niederrad hat und ja auch noch Neubauten hinzukommen, könnte jeder, der will, auch in Niederrad bleiben, nimmt Junker an. "Erste Vorgespräche" mit dem Land über eine "Beteiligung" an diesem gewaltigen Umbau hat es bereits gegeben. Das ist auch notwendig, weil ein Teil der insgesamt 854 Sozialwohnungen noch für einige Jahre in der Sozialbindung sind. Einen Termin, wann mit dem Rückbau begonnen wird, gibt es derzeit noch nicht.

Städtebaulicher Wettbewerb

Auch das Stadtplanungsamt klinkt sich ein in die Ideen der ABG. Ein städtebaulicher Wettbewerb soll das gesamte Viertel, vom Bruchfeldplatz bis zum Mainfeld, "näher an den Main bringen", sagt Planungsamtsleiter Dieter von Lüpke. Um dies zu erreichen, soll es "neue Nord-/Südverbindungen" zum Fluss geben. Man widmet sich dem "zentralen Problem": Der stark befahrenen Uferstraße, die eine schier unüberwindliche Mauer zwischen Mensch und Main bedeutet. Teuerste Lösung wäre ein Tunnel, aber davon möchte im Moment keiner reden.

Die Mutter mit den vier Kindern aus dem Betonklotz findet die Idee mit den flachgelegten Hochhäusern gut, weil nach ihrer Ansicht oben die schlimmsten wohnten. Aber sie hat nichts mehr zu gewinnen: "Im nächsten Jahr ziehe ich ohnehin hier weg."

Autor:  JUTTA OCHS
Datum:  22 | 4 | 2009
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