Hessens einziges geschlossenes Kinderheim spaltet die Landespolitik. Die Regierungsfraktion von CDU und FDP befürwortet die intensivpädagogische Wohngruppe. Die Opposition aus SPD, Grünen und Linken kritisiert die Einrichtung. Die Grünen finden, dass es keinen Bedarf für ein geschlossenes Heim gibt. Ein flächendeckendes Präventions- und Interventionsangebot sei wichtiger, der scheinbar einfachere Weg des Wegsperrens hingegen falsch.
Der Junge ist erst zehn Jahre alt, muss aber schon in die von vielen Kritikern als „Kinderknast“ bezeichnete Einrichtung. Bereits seit drei Wochen lebt der Junge aus Kassel in Hessens einzigem geschlossenen Kinderheim in Sinntal (Main-Kinzig-Kreis), einer sogenannten Jugendhilfe-Einrichtung. „Der Betrieb läuft, wir haben auch noch drei weitere Anfragen aus Nordrhein-Westfalen vorliegen“, sagte der Heimleiter Christian Vahlhaus.
Acht kriminell gewordene, aber strafunmündige Kinder zwischen zehn und 13 Jahren können im Heim untergebracht werden. Die intensivpädagogische Wohngruppe bekam Mitte September nach einigen Verzögerungen die Betriebserlaubnis von Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU). Dieser hatte bei der Eröffnung gesagt: „Wir müssen die Kinder im Blick behalten, die Probleme mit der Selbst- und Fremdgefährdung haben.“
Der Zehnjährige, der in dem Heim in Sinntal untergebracht ist, war bereits mehrfach gewalttätig. Er stammt aus schwierigen, familiären Verhältnissen, ist traumatisiert und zudem drogengeschädigt. Das Kind verhalte sich äußerst aggressiv gegenüber seinen Betreuern und habe zuletzt auch wiederholt Tiere gequält. „Er hat ein Kaninchen auf einem Holzpfahl aufgespießt“, nannte Vahlhaus ein Beispiel. Der Junge war bereits in unterschiedlichen Einrichtungen, die ihm helfen sollten, lief aber häufig davon. Zuletzt habe er damit gedroht, sich umzubringen. „Bei uns fühlt er sich recht wohl“, berichtet der Heimleiter.
Seit der Schließung des letzten Heims dieser Art 1978 hatte es in Hessen keine vergleichbare Einrichtung gegeben. Das Land sah aber zuletzt wieder Bedarf: Laut Sozialministerium hat eine Umfrage unter den Jugendhilfeträgern ergeben, dass von 2005 bis 2011 45 minderjährige Straftäter in Einrichtungen von Nachbarländern untergebracht wurden.
In das geschlossene Kinderheim sollen bis zum Jahresende vier weitere Kinder und Jugendliche eingewiesen werden, kündigte Vahlhaus an. Bis Ende März 2013 sollten dann alle acht Plätze belegt sein. Der Bau des geschlossenen Traktes innerhalb des bestehenden Jugendhilfezentrums kostete fünf Millionen Euro. Für die Betreuung eines Bewohners fallen pro Tag in etwa 300 Euro an.
Die Kinder wohnen in 12,5 Quadratmeter kleinen Einzelzimmern. Die Einrichtung wirkt wie ein Landschulheim mit verschließbaren Türen. Auf dem Hof sind diverse Sportgeräte installiert, und der lichtdurchflutete Bau bietet einen Fitness-Raum, in dem sich die Kinder beim Boxen abreagieren können. Alle Möbel in den Zimmern sind fest verankert, um möglichen Vandalismus zu verhindern. (dpa)
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