Hallo, schön, dass Du da bist." Rund 400 Sozialarbeiter und -Pädagogen kommen an diesem Dienstagmorgen ins Bürgerhaus Gallus. Die Gewerkschaft Verdi hat zu einem "Tag der Sozialen Arbeit" eingeladen. Dass nicht nur die Erzieherinnen streiken, sondern auch die Sozialarbeiter ist bislang kaum aufgefallen. "Die soziale Arbeit ist genau so wichtig wie der Erziehungsdienst. Deshalb haben wir heute Euch in den Mittelpunkt gestellt", erklärt Verdi-Sekretärin Kirsten Frank.
Die Begrüßung ist freundlich, die Stimmung kämpferisch. Viele Teilnehmer sind hin- und hergerissen: Sollen sie sich um ihre Klienten kümmern oder streiken? Eigentlich hätte er heute drei Termine bei "kleinen Leuten" gehabt, sagt Uli K., "aber man muss für seine Rechte eintreten." Also ist er in die Frankenallee 111 gekommen. So, wie die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus der Stadtverwaltung Offenbach. Sie haben einen Offenen Brief mitgebracht: "Auch bei uns ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht."
4400 Beschäftigte haben sich nach Angaben der Gewerkschaft Verdi gestern in Hessen am Ausstand beteiligt. Betroffen waren über 200 Einrichtungen. Es war der achte Streiktag.
Erzieher und Sozialarbeiter wollen mehr Anerkennung und mehr Geld für ihre Arbeit erhalten. Es geht aber auch - ganz wesentlich - um einen verbesserten Gesundheitsschutz.
Bei den Tarifverhandlungen für die bundesweit 220 000 Erzieher und Sozialarbeiter haben die Arbeitgeber ein neues Angebot vorgelegt. Eine schnelle Einigung ist eher unwahrscheinlich.
Die Eltern zeigen nach Gewerkschaftsangaben vorwiegend Verständnis. Die Taktik, keine ganze Woche, sondern nur einige Tage zu streiken und eine Notversorgung anzubieten, werde akzeptiert.
"Ich zahle bei der Berufsunfähigkeitsversicherung die höchsten Beiträge", sagt Jennifer K. - "wegen der Burn-Out-Gefahr". Die 25-Jährige hat in Berlin Sozialarbeit und Sozialpädagogik studiert. Jetzt verdient sie als Berufsanfängerin 2480 Euro brutto. Jennifer K. betreut verwahrloste Kinder, muss entscheiden, ob sie bei den Eltern bleiben können - kein leichter Job. Für Wolfgang Heil (55) ist es schon der 8. Streiktag. Heil gehört zur Teamleitung im Sozialrathaus Frankfurt-Dornbusch. Der 55-Jährige berät die Kollegen und Kolleginnen in besonders schwierigen Fällen. Morgens geht er "ein bisschen ins Büro", dann zum Streik. Es gebe immer mehr Familien, die Hilfe benötigen. Viele Eltern seien psychisch krank oder würden zu viel Alkohol trinken. Die Gewalt in der Familie nehme zu. "Wir brauchen mindestens zehn Prozent mehr Leute." Die Jugendlichen, denen Martin D. (45) als Streetworker im Bahnhofsviertel hinterherläuft, "haben resigniert". Der 45-Jährige versucht, die, die sich in der Drogenszene herumtreiben, doch noch zu erreichen. "Das geht auf die Knochen."
Als die ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Ursula Engelen-Kefer, spricht, findet sie sofort den richtigen Ton. Die Gewerkschafterin wettert gegen Hartz IV, den Abbau des Sozialstaats, die misslungene Bildungspolitik. Sie fordert mehr soziale Gerechtigkeit, den Zusammenhalt der Gesellschaft und wird mit viel Beifall belohnt.
Im Kolpinghaus, dem Streiklokal, haben sich die Erzieherinnen eingenistet. Belegte Brötchen gibt es im Erdgeschoss, im ersten Stock die Streiklisten. "Wir sind mit der Resonanz sehr zufrieden", meint Karola Stötzel von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft .
Zur gemeinsamen Kundgebung um 17.30 Uhr finden Erzieherinnen und Sozialarbeiter wieder zusammen und halten bunte Luftballons in den Händen. Es wird gesungen. "Reden die noch was?", fragt eine Erzieherin.
Tatsächlich berichtet Verdi-Landeschef Jürgen Bothner von den Verhandlungen. Die Arbeitgeber hätten ein neues Angebot für den Gesundheitsschutz vorgelegt. Genaueres wisse man noch nicht..
Dann sind Donner und Regen lauter als Bothner. Wieder gestreikt wird dann frühestens am 15. Juni.

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