Klotzig erhebt sich die zwölfgeschossige Senioren-Wohnanlage neben von Brombeerhecken umschlossenem Grün. Ein Eichhörnchen huscht über die Straße, die vom Niederräder Ufer zu den Hochhäusern Im Mainfeld führt. 210 Wohneinheiten auf engem Raum, sozialer Wohnungsbau für Ältere. Schräg gegenüber, wie auf einer Kette aufgezogen, liegen die öffentlich geförderten Wohnungen für Jüngere, waschbetonverkleidet und mit farbigen Balkonen versehen.
Rund 2000 Menschen leben Im Mainfeld, dicht an dicht in sieben Hochhäusern. Neben dem sozialen Wohnungsbau stehen drei von Privat errichtete Hochhäuser mit Eigentumswohnungen. Alles wurde Mitte der 70er Jahre erbaut.
Ahmad Ben Zaid schmeißt die Wagentür zu. "Ein Drecksloch" sei das, sagt der junge Schwanheimer, der am Haus Nummer 5 geparkt hat. Er selbst wohnt nicht Im Mainfeld, aber fast täglich besuche er seinen Freund. Der lebt mit seinen Eltern seit 18 Jahren im Hochhaus und hört den Attacken Ben Zaids gequält lächelnd zu: "Ich krieg nicht so viel mit, ich geh arbeiten von morgens bis abends," sagt der 30-Jährige.
"Wer geht denn hier arbeiten außer Dir", fragt Ben Zaid provokativ. Er erzählt von "Junkies", die ein- und ausgehen in dem Haus. "Nadeln habe ich noch keine gesehen", beschwichtigt sein Freund. Aber wegziehen möchte er. Im Sommer würden Jugendliche im Wendehammer bis vier Uhr morgens laut Musik hören. Anwohner hätten schon Teller auf sie geschmissen: "Wenn man morgens aufstehen muss, wird man sauer", sagt der 30-Jährige. An einen ruhigeren Ort will er ziehen, nach Kalbach vielleicht.
Ein Mann mit Hut rollt in seinem Elektromobil die Straße herunter. Vorne im Einkaufskorb hat er einen Sack Kartoffeln liegen. "Ich ziehe nicht raus, mein Leben ist im Mainfeld", sagt der 77-Jährige und hält am Straßenrand. Von Anfang an, seit 33 Jahren, lebt er hier, als Spätaussiedler erhielten er und seine inzwischen verstorbene Frau eine der damals von Arbeitern wie Angestellten begehrten Wohnungen: "Die Wohnungen sind wunderbar." Doch die Familien von damals seien "alle raus". Es wohnten "noch fünf bis sechs deutsche Familien im Haus".
Der Blick wandert in die Höhe, bleibt an abgeblättertem Putz hängen, an Satellitenschüsseln, die in den grauen Himmel ragen. Ein älterer Mann winkt vom Balkon. In der Ecke des mit Waschbetonplatten verkleideten Müllplatzes vor dem Haus lehnt ein Paar Langlaufskier. Eine freundliche junge Frau mit Aktentasche will gerade in einen Wagen steigen. Seit 15 Jahren lebt die 18-Jährige Im Mainfeld: "Früher, als ich klein war, war das viel besser hier, es hat sich harmonischer gelebt." An Wegziehen denkt sie aber nicht: "Ich bin gerne hier, hier sind meine Wurzeln."
Es ist Mittag. Dunkle Glockentöne von ferne mischen sich mit hellen. Mütter holen ihre Kleinen vom Kindergarten ab. Drei neu gestaltete Spielplätze liegen wie Oasen zwischen den Hochhäusern. Ahmet, eineinhalb, lässt sich hin- und herschaukeln. Seine Mutter findet die Blocks "nicht familienfreundlich". Sie sind ihr "zu unübersichtlich: Im Aufzug ist man mit irgendwelchen skurrilen Leuten unterwegs. Die Leute halten Hunde, die sie nicht versorgen können, es gibt Leute mit Alkoholproblemen." Multi-Kulti im Viertel findet die junge Frau "okay". Aber sie freut sich trotzdem auf den Umzug aus ihrem Haus mit 17 Stockwerken und fast 100 Wohnungen in ein niedrigeres und übersichtlicheres in Niederrad: "Es wird hier immer schlimmer, die Wohnheim investiert nichts mehr." Durch die ständigen Umzüge seien auch die Beziehungen weniger intensiv. "Man lebt sich so auseinander, man kennt den eigenen Nachbarn nicht, der gegenüber wohnt."
Friedrich Berndt weiß um all das. Seit 2005 ist die Siedlung in das Frankfurter Programm "Soziale Stadt, Neue Nachbarschaften" aufgenommen. Der Mann vom Caritasverband ist mit dem Quartiersmanagement beauftragt. Am 31. Dezember 2009 endet der Vertrag. Bis dahin will Berndt an weiteren Verbesserungen im sozialen Netzwerk der Siedlung arbeiten.
Er weiß um die Fluktuation von jährlich bis zu zehn Prozent der Bewohner in den rund 880 Wohneinheiten. Er weiß um die Anonymität, die "Hochhaussiedlungen per se" innewohne. Und er weiß auch, dass es bei einer sinkenden Zahl von Sozialwohnungen "schwierig" ist, die angestrebte "Durchmischung" der Bevölkerung zu erhalten. Nachdem sich die Zahl solcher Wohnungen innerhalb von 20 Jahren halbierte, "kumulieren die Negativeffekte".
Von einem sozialen Brennpunkt will Berndt aber nicht sprechen: "Das gibt es in Frankfurt nicht." Das Viertel leide darunter, "dass mehr Menschen mit weniger sozialer Handlungskompetenz herziehen". Im städtischen Projekt "Aktive Nachbarschaften" geht es vor allem darum, Potenziale der Bewohner zu fördern. Die Stärken der türkischen und marokkanischen Eltern etwa, die sich beim Spielplatzbau engagierten. Oder die von Frauen, die im neuen Jugendhaus Mainfeld-Villa einen Müttertreff eröffnen möchten.
Jugendtreff, Kindertagesstätte und Kirchengemeinden nennt Berndt als Partner, die mit den Bewohnern weiter arbeiten, Auch dann, wenn es kein Quartiersmanagement mehr gibt. 25 000 Euro macht die Stadt derzeit, neben Sach- und Personalkosten, für die Projekte Im Mainfeld locker. Der Quartiersmanager fragt sich, ob die sehr verdichtete Wohnbebauung, die ohne Busanbindung, ohne Läden und sechs Jahre lang ohne Jugendtreff auszukommen hatte - ob diese Konstellation nicht einen "ständigen Integrationsauftrag" bedeuten müsste. Um längerfristig "in überdurchschnittlichem Grad in soziale Angebote im Stadtteil zu investieren". Auf dass auch Kinder aus benachteiligten Familien gleiche Chancen bekommen.

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