Herr Dörfel, Sie leiten eine Schule, an der Kinder mit und ohne Behinderungen seit 20 Jahren gemeinsam unterrichtet werden. Nun ist diese Art des Unterrichts als Ziel im neuen Schulgesetz verankert. Gehen Sie zufrieden in den Ruhestand?
Überhaupt nicht. Ich bin im Gegenteil sehr beunruhigt.
Warum?
In den vergangenen Wochen und Monaten musste ich erleben, dass sowohl im neuen Schulgesetz als auch in der aktuellen Stundenzuweisung Inklusion nicht wirklich mit Leben erfüllt und nicht wirklich umgesetzt werden soll.
Wie zeigt sich das?
Die Mittel für den gemeinsamen Unterricht wurden empfindlich und schmerzlich gekürzt. Bisher hatten wir 480 Förderlehrerstunden, 2009 mussten wir schon fünf Prozent abgeben. Jetzt zum neuen Schuljahr sollen es nur noch 396 Stunden sein, die wir bekommen, und das bei gleicher Schülerzahl und unverändertem Förderbedarf. Insgesamt hat man uns so 17,5 Prozent der Stunden weggenommen. Dieser Eingriff ist meiner Überzeugung nach rechtswidrig.
Wie gehen Sie damit um?
Ich habe als Schulleiter dagegen remonstriert beim Staatlichen Schulamt, weil ich diesen Mangel nicht mehr verantworten kann. Eine Antwort habe ich aber noch nicht bekommen.
Wie begründet man die Kürzung?
Besonders empfindlich gekürzt wurde im Jahrgang 10. Man sagt einfach, für Förderschüler mit dem Förderschwerpunkt Lernhilfe gebe es nach Klasse 9 auch keine Förderung mehr, weil die Schullaufbahn dort in der Regel endet Aber unsere Schüler sind Schüler einer IGS, und die hat eben zehn Schuljahre. Nirgends steht, dass sie in der Klasse 10 ihr Recht auf Förderung verlieren. Gerade Schüler mit Förderbedarf benötigen aufgrund ihrer besonderen Situation oft mehr Zeit zum Lernen und zum Erreichen eines Schulabschlusses.
Knut Dörfel, Leiter der Ernst-Reuter-Schule II in Frankfurt, geht heute in den Ruhestand.
Kinder mit und ohne Behinderungen werden an der Ernst-Reuter-Schule II seit 20 Jahren gemeinsam unterrichtet, länger als an anderen Schulen im Land.
Der Protest von 40 Frankfurter Schulleitern für mehr inklusive Bildung ist am Montag per offenem Brief an Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) gegangen. Die Schulleiter fordern, Inklusion in hoher Qualität zum Standard zu machen, wie es die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vorsieht. Hessen muss diese umsetzen.
Im neuen Schulgesetz ist Inklusion zwar als Ziel genannt, soll aber nur umgesetzt werden, wenn dafür die Ressourcen vorhanden sind. Einen Rechtsanspruch von Kindern mit Behinderungen, an einer Regelschule unterrichtet zu werden, gibt es nicht. Letztlich entscheidet darüber das Staatliche Schulamt. (pgh)
Was sagen die Eltern dazu?
Seit März ist sich die gesamte Schulgemeinde einig in ihrem heftigen Protest gegen die Kürzungen. Inzwischen haben die Eltern der betroffenen Schülerinnen und Schüler begonnen, jetzt auch einzeln für ihre Kinder juristische Schritte einzuleiten. Aktuell fordern viele in einem Schreiben einen rechtsmittelfähigen Bescheid vom Staatlichen Schulamt über dieses Zusammenstreichen der Lehrerversorgung zu Lasten ihrer Kinder.
Was hören Sie von dort?
Das Schockierendste ist, dass man dort bestreitet, dass diese Kinder diese Förderung in Klasse 10 brauchen. Man will offenbar möglichst vieles im Bildungssystem billiger machen. Man sieht ja auch, dass etwa ein schon zugesagter Schulversuch zur Inklusion in Wiesbaden wieder vom Ministerium gestrichen wurde. Man tut bei der Landesregierung so, als wolle man den Auftrag zur Inklusion erfüllen, tatsächlich aber spart man gerade da.
Die Kultusministerin soll knapp 70 Millionen Euro weniger ausgeben. Irgendwoher muss das Geld doch kommen, oder?
Stellen Sie sich vor, man würde ankündigen, weil gespart werden muss, soll jede Gymnasialklasse um zehn Prozent größer werden, also bis zu 35 Schüler haben. Da gäbe es einen Sturm des Protests. Tatsächlich kürzt man bei uns und allen anderen Schulen mit gemeinsamem Unterricht ganz erheblich und lässt uns darüber hinaus völlig im Unklaren, wie wir künftig arbeiten sollen. Erst im Dezember soll es dazu die Verordnungen geben. Das ist grotesk. Das ganze Agieren der Landesregierung verstößt ganz offensichtlich gegen die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.
Wie kann man das ändern?
Vielleicht braucht es eine andere Landesregierung, damit der Gedanke der UN-Konvention Wirklichkeit werden kann. Heute gibt es dazu aus Wiesbaden ein beunruhigendes Schweigen. Man wirbt nicht für die Idee der Inklusion im Schulwesen, aber das ist nötig. Es kann doch nicht sein, dass künftiger inklusiver Unterricht in der Fläche schlechter ausgestattet ist und weniger Förderung bietet als der gemeinsame Unterricht, wie wir ihn heute betreiben. Man kann aber nicht dann sparen, wenn man ein System umbauen will, das kostet erst einmal mehr.
Sie haben remonstriert, die Eltern schreiben Protestbriefe. Und wenn das alles nichts hilft?
Die Eltern können gegen die Kürzungen klagen, doch dafür brauchen sie erst einmal einen Bescheid, aber auch der lässt auf sich warten. Es wird einfach alles verzögert, wo es geht. Es wird mit einer aufreizenden Verzögerung gearbeitet, man hat den Eindruck von Ignoranz und Verantwortungslosigkeit. Zum Glück stehen wir nicht allein, in Frankfurt gibt es beispielsweise einen Arbeitskreis von mehr als 40 Frankfurter Schulleiterinnen und Schulleitern, der das neue Schulgesetz kritisiert und Verbesserungen fordert, und der Allendorfer Appell, der in die gleiche Richtung geht, wurde inzwischen hessenweit von mehr als 5000 Lehrkräften unterschrieben.
Wie erklären Sie sich die Haltung der Landesregierung?
Man will formal der UN-Konvention genügen, setzt aber darauf, dass die Kinder weiterhin in die Förderschulen geschickt werden. Aber auch die beste Förderschule bleibt eine Sonderschule und ist mit dem Gedanken der Inklusion nicht vereinbar. Das sage nicht ich, sondern der CDU-Politiker Hubert Hüppe, der Bundesbehindertenbeauftragte, der in dieser Rolle und in seiner Haltung zur Bildungspolitik im Sinne der UN-Konvention im gleichen Gegensatz zur Schulpolitik in Hessen steht, wie wir. Man hat offenbar bei FDP und CDU in Hessen Angst, dass es künftig mehr Interesse an Schulen wie der ERS II gibt, also an Integrierten Gesamtschulen, die insgesamt inklusiv arbeiten wollen und sich darum auch für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen offen stehen.
Warum das?
Man will das Gymnasium schützen, die so genannte Leistungselite dort in aller Ruhe fördern, und deshalb will man überall die Kinder sortieren. Man ignoriert dabei, dass die Durchmischung der Schulen und die Öffnung für die Vielfalt allen Kindern nützt. Ich arbeite seit 35 Jahren als Lehrer, bin als Gymnasiallehrer ausgebildet und habe sehr viele Erfahrungen an IGS gesammelt. Jede Lerngruppe ist heterogen, auch am Gymnasium, wo die Schülerinnen und Schüler ebenfalls sehr unterschiedliche Begabungen haben, sehr unterschiedlich lernen, gut mitarbeiten oder fast gar nicht.
Welche Kinder werden bei Ihnen unterrichtet?
Wir nehmen im 5. Jahrgang stets Schülerinnen und Schüler mit ganz unterschiedlichen Lernvoraussetzungen auf, deren Grundschulleistungen etwa zu je einem Drittel als Prognose den Hauptschulabschluss, den Realschulabschluss oder den gymnasialen Abschluss Abitur erwarten lassen. Daneben haben wir an unserer Schule insgesamt fast 100 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf beziehungsweise mit Behinderungen. Die Hälfte davon mit Förderbedarf Lernhilfe, die andere Hälfte besteht aus Menschen mit ganz verschiedenen, zum Teil auch sehr schweren und mehrfachen Behinderungen, zum Beispiel mit Körperbehinderungen, mit geistigen Behinderungen, eingeschränkter Sinneswahrnehmung oder Beeinträchtigung in der psychischen und emotionalen Entwicklung. Wir sind quasi auch eine kleine Förderschule, nur dass diese Schüler in unsere Klassen integriert sind.
Geht das? An einer weiterführenden Schule Kinder mit so unterschiedlichen Fähigkeiten zu unterrichten?
Wenn das in der Grundschule geht, und das tut es, dann geht es auch in der weiterführenden Schule. Natürlich wird es komplizierter, etwa weil die Pubertät anfängt und die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. Aber gerade an dieser Stelle können wir sehr viel erreichen, etwa was die gegenseitige Akzeptanz und Toleranz angeht. Wir haben das Ziel, auch die Kinder mit Behinderungen zur größtmöglichen Selbstständigkeit zu führen, sie auf weitestgehende Teilhabe am Berufsleben, am kulturellen Leben und auf das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Dazu gehört, dass sie auch die Vielfalt erleben, die es eben gibt und wie sie in unseren Klassen Wirklichkeit ist. In Förderschulen bewegen sich die Schüler immer in einem Schutz- und Schonraum. Man redet nicht umsonst von der Schonraumfalle, wer sich immer dort bewegt, gewinnt nicht die Fähigkeiten, die er später braucht.
Hänseln gehört zum Leben außerhalb dieses Schonraums?
Bei uns gilt: Jeder hat Respekt verdient und ein Recht darauf, dass seine Würde geachtet wird.
Kann man das verordnen?
Je besser man sich kennt, desto mehr schließt es sich aus, dass man den anderen vor lauter Fremdheit herabwürdigen muss. Wir haben den Eindruck, dass das Abwerten anderer zum Aufwerten der eigenen Person bei uns sehr viel weniger stattfindet als andernorts. Wir versuchen das zu stärken etwa durch das förmliche Unterzeichnen einer Schulverfassung und das soziale Lernen etwa in der wöchentlichen Klassenratsstunde mit dem Klassenlehrer.
Was ist nötig, damit gemeinsamer Unterricht funktioniert?
Es braucht natürlich das Personal und die pädagogischen Fähigkeiten, um den Kindern gerecht zu werden. Bei uns sind das ausgebildete Sonderpädagogen, die gezielt an eine Regelschule gewechselt sind, um hier den Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderungen mitzugestalten - im Unterschied zur Arbeit an Förderschulen, wo ja ausschließlich Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zusammengefasst werden.
Und die Lehrer einer Regelschule, die künftig auch inklusiv unterrichten sollen?
Die müssen sich öffnen für Erfahrungen mit Menschen, mit denen sie sonst im Alltag nicht ständig in Berührung kommen. Und sie müssen lernen, im Team zu arbeiten, statt wie üblich allein vor der Klasse zu stehen. Für Lehrer an einer IGS ist das kein besonders großer Schritt. Wir haben ja den Anspruch, „eine "Schule für alle" zu sein. Lediglich die Spanne des Leistungsvermögens wird größer. Es war deshalb für uns auch nur konsequent und völlig klar, dass wir uns, wie vor vier Jahren geschehen, als Schule qualifizieren, die auch Hochbegabte besonders fördert.
Welche zusätzliche Ausstattung haben Sie an der Ernst-Reuter-Schule II?
Es ist so, dass wir je Jahrgang acht Parallelklassen haben, vier davon mit GU. Jede GU-Klasse hat eine herkömmliche Klasse als Partnerklasse. Beide haben ihre Klassenräume nebeneinander, die Lehrkräfte wechseln zwischen den Klassen, es gibt gemeinsame Unterrichtsstunden und Ausflüge. In Fächern, in denen Kurse mit unterschiedlichen Leistungsniveaus oder verschiedenen Themenschwerpunkten gebildet werden, geschieht das aus beiden Klassen, so dass alle in der Schule in Kontakt mit den Kindern mit Förderbedarf kommen und mit ihnen zusammen unterrichtet werden und arbeiten.
Was brauchen Sie sonst?
Das wichtigste an unserer Ausstattung sind die Menschen mit unterschiedlichen Professionen, die Lehrkräfte für die verschiedenen Bildungsgänge, die Förderschullehrkräfte, die Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen und die Therapeuten, die hier in enger Kooperation zusammenwirken und dabei ihre unterschiedlichen Kompetenzen weitergeben und weiterentwickeln, die alle für eine inklusive Schule notwendig sind.
Und die Räume?
Die Partnerklassen haben einen gemeinsamen dritten Raum, der als Differenzierungsraum für die Schüler des Partnerklassensystems für Einzel- und Gruppenarbeit, Recherche am Computer und zur zeitweisen Differenzierung für die Förderkinder für individuelle Lernprogramme genutzt werden kann. Dort gibt es auch eine kleine Küche, um auch alltägliche Verrichtungen im Haushalt einüben zu können. Dort kann auch gemeinsam gekocht werden. Wir haben mit Zustimmung des Schulträgers, der Stadt Frankfurt, Therapieräume, bieten in Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt Sprach-, Physio- und Ergotherapie und haben zwei Sozialarbeiterstellen speziell zur Begleitung des GU. Die Klassen im GU haben 22 Schülerinnen und Schüler, davon 4 mit Behinderungen oder sonderpädagogischem Förderbedarf. Die Regelklassen haben jeweils 27 Schülerinnen und Schüler. Von den früher 20 Förderlehrerstunden je GU-Klasse, sind uns nach den Kürzungen noch 18 erhalten geblieben, in denen eine Förderlehrkraft zusammen mit der Fachlehrerin beziehungsweise dem Fachlehrer den Unterricht gemeinsam gestalten kann.
Das kostet eine Menge Geld. Wie soll das für alle Schulen finanziert werden?
Das teuerste Modell ist es, gemeinsamen Unterricht und Förderschulen parallel zu betreiben. Studien, wie zum Beispiel von Professor Katzenbach von der Universität Frankfurt, haben nachgewiesen, dass ein Konzept für inklusiven Unterricht nicht teurer ist als das heutige System. Inklusion ist ein Menschenrechtsthema. Andere Länder zeigen ja, dass das geht. Man kann die Einführung der Inklusion vergleichen mit der Einführung der Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland oder der Abschaffung der Rassendiskriminierung in den Vereinigten Staaten. Es braucht Zeit und es gilt, Widerstände zu überwinden, aber es wird kommen.
Interview: Peter Hanack

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