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Spaziergangswissenschaft: Gut zu Fuß

Martin Schmitz erklärt, warum Frankfurt einen Kongress über die Spaziergangswissenschaft braucht.

Einen Fuß vor den anderen setzen, das ist eine Wissenschaft für sich. Und die heißt: Promenadologie.
Einen Fuß vor den anderen setzen, das ist eine Wissenschaft für sich. Und die heißt: Promenadologie.
Foto: FR/Surrey

Herr Schmitz, gehen Sie gerne spazieren?

Ja, sehr. Ich befürchte nur, die Frage geht in die falsche Richtung.

Zur Person

Martin Schmitz aus Berlin ist Kurator des Internationalen Kongresses über Spaziergangswissenschaft - auch Promenadologie genannt - am 12. und 13. September. Veranstalter ist das Umweltamt der Stadt Frankfurt, Tagungsort die Johann Wolfgang Goethe-Universität.

Der Kongress im Casino auf dem Campus Westend geht am Freitag von 10 bis 18 Uhr und am Samstag von 9.30 bis 13 Uhr. Anschließend gehen die Teilnehmer gemeinsam spazieren. Wer dabei sein will , kann sich bis zum 5. September unter 069 / 21 23 91 00 anmelden. Die Teilnahmegebühr beträgt 75 Euro, Studenten zahlen 30.

Wieso das? Sie sind doch Kurator eines Kongresses über Spaziergangswissenschaften.

Schon. Aber dabei geht es nicht etwa darum, wie oft jemand in welcher Kleidung spazieren geht. Die Spaziergangswissenschaft ist eine sehr junge Wissenschaft - und sie ist nicht meine Erfindung. Der Schweizer Soziologe und Planungstheoretiker Lucius Burckhardt hat sie in den 80er Jahren entwickelt. Sie beschäftigt sich mit unserer Wahrnehmung und Mobilität sowie deren Auswirkungen auf das Planen und Bauen.

Das heißt konkret?

Schauen Sie sich aktuelle Reiseprospekte an. Sie werden feststellen: Geografie spielt überhaupt keine Rolle mehr.

Bitte? Es ist doch ein Unterschied, ob ich meinen Urlaub in Italien oder Spanien verbringe.

Für manche Menschen gibt es diesen Unterschied eben nicht mehr. Die verbringen ihren Urlaub im Badeparadies, am Traumstrand, im Paradies mit Palmen... so wird geworben. Wo diese Orte liegen, ist absolut sekundär. Ein Veranstalter bietet Fjord-Urlaub in Bayern an. So etwas hätten wir mal im Erdkunde-Unterricht sagen sollen. Wir hätten eine Sechs bekommen, weil es in Bayern Binnenseen, aber eben keine Meerengen gibt.

Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

Das hat viel mit der deutlich gestiegenen Mobilität zu tun. Wir fahren an einem Tag durchs gesamte Burgund.Wir fliegen so billig wie noch nie - und vermutlich so billig wie in Zukunft nie wieder. Das führt dazu, dass wir die Welt anders wahrnehmen, und es eben nicht mehr so wichtig ist, ob wir nach Italien oder Spanien reisen. Hauptsache: Sonne, Strand und Meer, was wir erwarten.

Heißt das, der Mensch nimmt seine Umgebung nicht mehr wirklich wahr?

Ja, und noch mehr: Er bringt seine Bilder und Vorstellungen mit. Das sieht man in Frankfurt. Da gibt es die große Diskussion um den Wiederaufbau der Altstadt. Die hätte vor 30 Jahren niemand geführt. Damals war so etwas wie das Technische Rathaus der Inbegriff der Moderne.

Sie haben also eine Sehnsucht nach Idylle festgestellt?

Ja. Unsere Vorstellungen und die Realität stimmen immer seltener miteinander überein. Letztlich machen Sie sich aber etwas vor. Wenn Sie wirklich Urlaub auf dem Bauernhof machen wollten, müssten sie ihre Ferien eigentlich mit mehreren tausend Mastschweinen verbringen.

Aber was hat das bloß alles mit Spazierengehen zu tun?

Ein Spaziergang ist die einfachste und natürlichste Form, sich die Welt zu erschließen. Und darum geht es bei unserer Wissenschaft. Bei einem Spaziergang lässt sich die Umgebung am besten erkunden und vor allem neu interpretieren.

Interview: Georg Leppert

Datum:  14 | 8 | 2008
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