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Spielsucht: Bis zum Abgrund

Das Frankfurter Drogenreferat und die Suchtberatung versuchen, an Menschen ranzukommen, die vom Zocken abhängig wurden. Von S. Amaral Anders

Null Jackpot ist unausweichlich.
Null Jackpot ist unausweichlich.
Foto: dpa/zb

Der Abgrund ist immer nur eine Armeslänge entfernt. Eine Armeslänge bis zum nächsten Einsatz. Claus, der sich wie alle in der Runde nur mit Vornamen vorstellt, stand schon einige Male an diesem Abgrund. Claus ist Glücksspieler. Am Automaten verliert er die Kontrolle. Und Claus ist Alkoholiker. "Spielen und saufen, das ist eine tödliche Kombination", sagt Thomas, der neben ihm sitzt und in seiner 16-jährigen Zocker-Karriere gut gerne 180.000 Euro an Automaten verjubelt hat.

Die anderen, die zum Treffen der Anonymen Spieler in das Café am Dominikanerkloster gekommen sind, schauen bei solchen Summen nicht mal auf. Weil sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn man spielt, vielleicht anfangs ein paar Mal gewinnt und dann in den Sog gerät. Getragen von der trügerischen Hoffnung, das Spielen kontrollieren zu können.

Glücksspiel

In Deutschland gilt seit 2008 ein Staatsvertrag, der dem Staat das Monopol für Glücksspiele zuspricht.

Spielhallen fallen nicht unter den Staatsvertrag, da sie nicht als Glücksspiel, sondern als "Gewerbe mit Gewinnmöglichkeit" eingestuft werden.

Spielsüchtige finden Hilfe bei der Ev. Suchtberatung (069/15059030) oder dem Drogenreferat (069/21230124).

Eine neue Selbsthilfegruppe trifft sich Donnerstag, 21. Januar, 19 Uhr, im Café Alte Backstube, Dominikanergasse 7. (ral) www.gamblersanonymous.de

Und die Hoffnung stirbt auch hier zuletzt. "Manchmal sind es 15 Jahre", sagt Ralf Hölzel, "bis einer so weit unten ist, dass er zu uns in die Beratung kommt." Hölzel berät in der Evangelischen Suchtberatung Menschen, die er als "pathologische Glücksspieler" bezeichnet. Menschen, die an keiner Spielhalle vorbeikommen, ohne den Inhalt ihres Portemonnaies umzusetzen. Menschen wie Claus und Thomas.

Rund 700 Glücksspielsüchtige sind im vergangenen Jahr in die 15 hessischen Beratungsstellen gekommen, um Hilfe zu suchen. Keine große Zahl angesichts der geschätzten 47.000 Menschen in Hessen, deren Spielverhalten die Landesstelle für Suchtfragen als krankhaft oder zumindest als problematisch einstuft.

Rankommen ist schon schwer

An diese Süchtigen heranzukommen, ist die größte Herausforderung. In die vier Beratungsstellen des Frankfurter Drogen- und Suchtreferats verirren sich jedes Jahr gerade einmal gut zehn Spielsüchtige, sagt Koordinatorin Renate Lind-Krämer.

Dabei wächst die Zahl derer, die Hilfe und Beratung dringend nötig hätten, immer weiter an, davon ist Ralf Hölzel überzeugt. Schuld daran sind vor allem zwei Entwicklungen: Der Boom des Online-Glücksspiels, etwa auf Poker-Websites, und die wachsende Zahl der Spielhallen. "90 Prozent der Betroffenen spielen in Spielhallen", sagt Hölzel. "Das ist das größte Problem." Seit dem Jahr 2000 hat sich in Frankfurt die Zahl der Hallen nach Angaben der Evangelischen Suchtberatung verdoppelt. Auf 63 Standorte verteilt, standen im Jahr 2008 mehr als 1000 Spielautomaten, der Umsatz geht in die Millionen.

Kontrolle ist eine Illusion

Andreas musste keine Spielhalle betreten, um 15.000 Euro zu verzocken. Der junge Mann, Anfang 20, hat im Internet auf den Ausgang von Sportereignissen gewettet, "durchaus mit Gewinnen im fünfstelligen Bereich", wie er erzählt. Irgendwann wurden die Gewinne kleiner, der Einsatz dafür umso größer. Bis alle Kreditkarten ausgereizt waren und Andreas immer mehr darunter litt, seine Spielsucht hinter einem Konstrukt aus Lügen und Ausreden zu verheimlichen.

An diesem Nachmittag im Café kann er endlich offen reden. Und sich die Ratschläge der anderen anhören. Thomas, der schon mehrere Rückfälle hinter sich hat, hat einen parat: "Komm´ in die Selbsthilfegruppe", sagt er dem jungen Mann. "Vor allem dann, wenn du glaubst, die Sache im Griff zu haben."

Autor:  Sebastian Amaral Anders
Datum:  15 | 1 | 2010
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