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15. Januar 2013

Spionage-Prozess: Spionage-Pärchen aus Marburg vor Gericht

 Von Andreas Förster
Der mutmaßliche russische Agent muss sich am 15. Januar 2013 vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit verantworten. Foto: dpa

Sie sollen als harmlose Familie getarnt mehr als 20 Jahre lang von Deutschland aus Informationen an den russischen Geheimdienst weitergegeben haben: ein mutmaßliches russisches Agenten-Ehepaar aus Marburg. Nun steht es vor Gericht - und die Anklageschrift liest sich wie ein Spionage-Thriller.

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Sie sollen als harmlose Familie getarnt mehr als 20 Jahre lang von Deutschland aus Informationen an den russischen Geheimdienst weitergegeben haben: ein mutmaßliches russisches Agenten-Ehepaar aus Marburg. Nun steht es vor Gericht - und die Anklageschrift liest sich wie ein Spionage-Thriller.

Im Jahre 1984 werden in einem Standesamt in der Steiermark zwei Pässe ausgestellt. Der eine lautet auf Andreas Anschlag, geboren am 6. Dezember 1959 in dem argentinischen Städtchen Valentin Alsina. Der andere Pass zeigt eine Heidrun Freud, Geburtsort Lima, Geburtstag 4. Dezember 1965. Später, im September 1990, werden die beiden im österreichischen Altaussee heiraten – wenn sie zu diesem Zeitpunkt nicht schon längst verheiratet waren.

Denn wenn zutrifft, was die Bundesanwaltschaft in der Anklageschrift erklärt, die an diesem Dienstag vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht verlesen wird, dann hat es nie einen Andreas Anschlag und eine Heidrun Freud gegeben. Dann waren die beiden Namen nur die Tarnidentitäten für zwei „Illegale“ – so nannte das KGB seine in das jeweilige Zielland entsandten Spione, die dort ein normales Leben führen und gleichzeitig für die Sowjetunion spionieren sollten. Das KGB gibt es nicht mehr, sein Nachfolger, der Auslandsgeheimdienst SWR, hat aber viele der noch im Kalten Krieg geknüpften Agentennetze übernommen und weitergeführt.

Anklageschrift liest sich wie Spionagethriller

Die mehr als 130 Seiten umfassende Anklageschrift liest sich wie ein Spionagethriller. Im Juni 1988, heißt es dort, sei der Mann, der sich Andreas Anschlag nennt, mit seinem österreichischen Pass aus Mexiko nach Deutschland gekommen und habe sich in Aachen angemeldet. Heidrun Freud sei ihm zwei Jahre später gefolgt. Ihren leichten Akzent im Deutschen hätten sie damit erklärt, dass sie in Lateinamerika aufgewachsen seien.

Als die Welt, aus der sie ursprünglich stammen, zusammenbricht, beginnt Andreas Anschlag im Wintersemester 1990/91 mit einem Maschinenbaustudium an der Technischen Hochschule in Aachen. Im März 1998 bekommt er sein Diplom. Inzwischen ist er Vater geworden, seine Frau bleibt zu Hause, kümmert sich um die gemeinsame Tochter.

Im Juni 1998 zieht die kleine Familie nach Meckenheim bei Bonn. Anschlag arbeitet jetzt bei einem Autozulieferer. Er reist viel umher, betreut Standorte seiner Firma in Brasilien, Mexiko, den USA, Spanien und der Slowakei. Aus dieser Zeit stammen auch Straßenkarten aus dem Großraum Bonn, die die Anklageschrift als Beweismittel vorlegen will. Auf ihnen sind einzeln stehende Bäume markiert, Findlinge, Holzkreuze – tote Briefkästen für geheime Nachrichten und Mikrofilme?

Im Jahr 2002 zieht die Familie nach Landau in der Pfalz. Anschlag wechselt den Arbeitgeber, bleibt aber in der Automobilbranche. Und er reist weiter in der Welt umher: Tschechien, Spanien, die USA, Portugal, Brasilien. Der Diplomingenieur steigt auf in seinem Job, betreut Auslandsprojekte von BMW, VW und DaimlerChrysler. Er ist zuverlässig, freundlich, unauffällig.

Spätestens ab Februar 2009 – so die Ankläger – fährt Anschlag regelmäßig in die Niederlande. Dort trifft er sich angeblich mit einem Beamten des dortigen Außenministeriums. Der habe ihm gegen Geld geheime Regierungsunterlagen übergeben: über Nato-Strukturen, Rüstungsprojekte, Militäroperationen des Bündnisses in Libyen und Afghanistan sowie EU-Interna. Dem Beamten droht in den Niederlanden jetzt ebenfalls ein Prozess.

Anweisungen via Kurzwellenempfänger

Die beiden Angeklagten schweigen bislang eisern zu allen Vorwürfen. Auch beim Prozessauftakt am Dienstag in Stuttgart. Sie nickten nur ab, dass der Strafsenat 4b sie mit den Aliasnamen ansprechen soll. Selbst auf der Anklagebank wirken sie unauffällig. Sie blond, er grau meliert, Größe und Statur durchschnittlich, besondere Kennzeichen: keine. Doch als der Reisepass der Tochter an die Wand projiziert wird, fließen bei der Mutter die Tränen. Die heute 20-jährige gemeinsame Tochter wusste nach Zeitungsberichten nichts von den geheimen Machenschaften ihrer Eltern. Nicht einmal das Gericht kennt ihre wirkliche Identität.

Ihre Erkenntnisse über den Fall verdanken die Ermittler vor allem den US-Geheimdiensten, denen es gelungen war, den codierten Funkverkehr Moskaus mit seinem Agentenpärchen zu knacken. Über einen Kurzwellenempfänger empfingen laut Anklage die Anschlags, die die Decknamen „Pit“ und „Tina“ getragen haben sollen, ihre Anweisungen aus Moskau. In die entgegengesetzte Richtung hätten sie unter anderem das Internetportal Youtube benutzt und unter dem Nutzernamen „Alpenkuh1“ zu bestimmten Filmen Kommentare mit versteckten Botschaften verfasst.

Im August 2011 war das Bundesamt für Verfassungsschutz nach Hinweisen der Amerikaner und eines osteuropäischen Dienstes dem Paar auf die Spur gekommen. Es war höchste Zeit, denn Moskau wollte die Anschlags offenbar zurück in die Heimat holen. Nach dem Auffliegen eines Agentenringes in den USA im Sommer 2010 fürchtete der SWR wohl, von dort könnten auch Spuren zu den Illegalen in Deutschland führen.

Die Anschlags, die ein Jahr zuvor nach Marburg in ein hübsches Einfamilienhaus umgezogen waren, begannen mit ihrem Rückzug. Der Vater gab zum Ende Oktober seinen Job auf, der Mietvertrag wurde gekündigt, die Familie begann, den Haushalt aufzulösen. Aber es war zu spät: Am 18. Oktober 2011, früh um sechs Uhr, stürmte ein GSG-9-Kommando das Haus in Marburg. Heidrun Anschlag saß gerade in der Küche am Kurzwellenempfänger.

Deutschland hätte auf den Prozess gegen das Agentenpaar gern verzichtet. Im März 2012 nahm man diskrete Verhandlungen mit Moskau auf. Berlin wollte die Anschlags gegen zwei inhaftierte Russen austauschen, die für einen westlichen Dienst spioniert hatten. Aber der SWR lehnte vorerst ab. Offenbar wollen die Russen erst noch den Prozess abwarten. (mit dpa)

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