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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

17. Oktober 2012

Sprachförderung: Die Welt mit Worten öffnen

 Von Sabine Hamacher
Eine Sprach-Spiel-Fördergruppe in Neu-Isenburg.  Foto: Rolf Oeser

Immer mehr Kinder im Vorschulalter haben Probleme mit Deutsch. Woher kommen die Defizite? Das Programm KiSS soll sie in Hessen aufdecken. Aber wird die Sprachfähigkeit wirklich immer schlechter?

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Immer mehr Kinder im Vorschulalter haben Probleme mit Deutsch. Woher kommen die Defizite? Das Programm KiSS soll sie in Hessen aufdecken. Aber wird die Sprachfähigkeit wirklich immer schlechter?

Mehr als 170 Sprachen werden in Frankfurt gesprochen, Deutsch bleibt da manchmal auf der Strecke. Immer mehr Kinder im Einschulungsalter haben Sprachdefizite – und das trotz diverser Vorschulprogramme, wie das erste Integrationsmonitoring gezeigt hat.

Ein Weg, eventuellen Förderbedarf aufzudecken, ist das Kindersprachscreening KiSS des Landes. Damit werden alle Vierjährigen einer Kindertagesstätte auf ihr Sprachvermögen getestet. Werden Defizite festgestellt, soll gezielte Förderung folgen. Hessenweit nehmen mehr als 800 Kitas teil. In Frankfurt kommt das Programm allerdings nicht so gut an: Nur neun von mehreren hundert Kitas machen hier mit.

Alles zu aufwendig

„Das Screening bringt nicht so viel, die Einschätzung kann jede Einrichtung im Prinzip selber vornehmen“, sagt zum Beispiel Michael Burbach, Geschäftsführer des Verbands der freien Träger BVZ. Ähnlich sieht es Rita Spanier, im Stadtschulamt zuständig für Sprachförderung. Sie fragt sich, ob wirklich alle Kinder „so aufwendig“ erfasst werden müssten. Auch eine Erzieherin könne den Sprachstand der Kinder beurteilen; sie sei der Schlüssel zur Förderung im Spracherwerb.

Monika Berkenfeld, Leiterin des Eigenbetriebs Kita Frankfurt, findet schon den Zeitpunkt des Screenings zweifelhaft: „Wie fertig ist ein Kind mit vier Jahren in der Sprachentwicklung?“ Auch Stefanie Wiese vom Arbeitsbereich Kindertagesstätten der Diakonie ist von KiSS nicht überzeugt. „Sprachförderung muss in den Kita-Alltag integriert sein“, sagt sie. Das Hauptargument aber lautet: Der Ansatz passt nicht zum Konzept der evangelischen Kitas. KiSS orientiere sich am Defizit, „wir haben aber einen ressourcenorientierten Ansatz“. Dem entspreche viel besser etwa das Sprachförderprojekt „Wortstark“.

Aussprache und Melodie

„Wortstark“ ist ein trägerübergreifendes städtisches Projekt. Es sieht die intensive Qualifizierung jeweils einer Erzieherin einer Einrichtung vor, die ihr Wissen dann weitergeben soll. Die Fachkräfte lernen zum Beispiel, wie wichtig es im Kontakt mit zweisprachigen Kindern ist, die eigene Aussprache zu beachten, mehr Pausen einzulegen und bewusst auf die Sprachmelodie zu achten. „Sprachförderung lässt sich nicht auf den Erwerb eines möglichst umfassenden Wortschatzes reduzieren“, so Projektleiterin Mechthild Dörfler. Sprachförderung müsse den gesamten Alltag durchziehen. „Es geht darum, Zeit zu haben für jedes einzelne Kind, in direktem, sprachlichem, zugewandtem Kontakt mit ihm zu sein und ihm die Welt mit allen Sinnen zu eröffnen.“

„Sprachliches Handeln sprachlich begleiten“ – das ist auch der Grundsatz des Sprachförderkonzepts „Meine, Deine, Unsere Sprache“ der städtischen Kitas. Leiterin Berkenfeld nennt ein Beispiel: „Hier ist dein blauer Becher, den habe ich dir mit Tee gefüllt.“ Gezielt werde in Kleingruppen zum Sprechen angeregt. Pro Kita gibt es eine Sprachförderbeauftragte, die sich immer weiter fortbildet. Insgesamt stehen für Fortbildung jährlich etwa 100.000 Euro zur Verfügung. Die BVZ hat dagegen kein einheitliches Sprachförderkonzept. „Es kommt auf die Kita und die Zusammensetzung an“, sagt Geschäftsführer Burbach.

Mangelnde Sprachkompetenz

Die Schlüsselrolle der Erzieherin – darauf basiert auch das bundesweite Projekt „Offensive Frühe Chancen“. Es fördert deutschlandweit 4000 halbe Stellen für zusätzliche Fachkräfte, davon eine Reihe auch in Frankfurt. Sie sollen sich in ausgewählten Kitas um die sprachliche Bildung von Kindern unter drei Jahren kümmern. Flächendeckend setzen dagegen die sogenannten Vorlaufkurse an. An ihnen nehmen Kinder teil, die bei der Einschulungsuntersuchung aufgefallen sind.

Die Wirksamkeit solcher Kurse und formaler Lernprogramme zweifeln allerdings viele Forscher an. Immer öfter ist zu hören, dass man eine Sprache am besten beim ständigen Zuhören und Sprechen lerne. Doch dazu braucht es auch Erzieherinnen, die gut Deutsch sprechen. Das wird aber zunehmend schwierig, denn Fachkräfte werden so händeringend gesucht, dass dieses Kriterium häufig unter den Tisch fällt.

„Da haben wir zwar ein Augenmerk “, sagt Burbach von der BVZ. „Wir gehen aber mit unseren Ansprüchen weiter zurück“. So kommt es vor, dass Kinder aus arabischem Elternhaus plötzlich Deutsch mit russischem Akzent sprechen. Berkenfeld von Kita Frankfurt sieht es gelassen: „Kinder können damit umgehen, dass nicht alle perfekt sprechen.“ Es müsse aber sichergestellt sein, dass es Sprachvorbilder gebe. Welche Schwerpunkte sie bei der Sprachförderung setzen wollen, entscheiden die Einrichtungen jeweils selbst.

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