Die Beschäftigten haben uns auf den letzten Betriebsversammlungen richtiggehend den Kopf gewaschen", sagt Kai-Uwe Hemmerich, Betriebsratsvorsitzender bei Clariant in Höchst. Das hat offenbar gewirkt, denn danach seien die Beschlüsse im Gremium einstimmig gefasst worden. Der Clariant-Betriebsrat ist zudem einen ungewöhnlichen Schritt gegangen: Er ist geschlossen zurückgetreten.
Neben Hemmerich und seinen Kollegen von der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) sind im Betriebsrat die angestellten Akademiker und leitenden Angestellten in der VAA-Liste sowie die Liste Standort-Forum - hier haben sich IG BCE-Kritiker zusammengeschlossen - vertreten.
Dank rigiden Sparkurses schreibt Clariant wieder schwarze Zahlen. Im abgelaufenen dritten Quartal schrieb der Konzern einen Reingewinn von 16,5 Millionen Euro. Analysten hatten einen Verlust erwartet.
In Rhein-Main beschäftigte Clariant zu Jahresbeginn 2300 Mitarbeiter an den vier Standorten Frankfurt-Höchst, Wiesbaden, Griesheim, Sulzbach. Ende September waren es noch 2150. (ust)
Mit dem Rücktritt protestierten sie gegen das Verhalten des Unternehmens im Zuge des aktuellen Stellenabbaus. Bisher sei Personalabbau - bereits zwei Runden hat es 2009 gegeben - immer einvernehmlich geschehen, klagt Hemmerich. Nun habe der Arbeitgeber aber den Druck auf die Beschäftigten drastisch erhöht. Dem hätten fast alle betroffenen Mitarbeiter nachgegeben.
Alle Personalmaßnahmen seien auf Grundlage des 2007 mit dem Betriebsrat vereinbarten und noch bis Ende 2010 gültigen Rahmensozialplans erfolgt, sagt Clariant-Sprecher Ulrich Boller. Der Stellenabbau sei zwar hart für die Mitarbeiter, die wirtschaftliche Lage aber erfordere dies.
Neue Geschlossenheit
Bei solchen Argumenten platzt Hemmerich der Kragen: "Seit 2001 haben wir alle zwei Jahre einen neuen CEO, und jeder macht Personalabbau. Jetzt soll vor allem bei Forschung und Entwicklung gekürzt werden. Dann werden wir bald keine wettbewerbsfähigen Produkte mehr haben - diese Strategie geht nicht auf."
Das sieht Boller nicht so. Derzeit sei die Aufrechterhaltung der Liquidität wichtig, Forschung und Entwicklung im Hintergrund. "Aber wenn die Restrukturierung gelungen ist, werden wir auch die Forschung wieder mehr in den Vordergrund rücken", sagt Boller.
Der Rücktritt und die damit erzwungenen Neuwahlen im Dezember - regulär würde kommendes Frühjahr gewählt - sollen dem Betriebsrat auch den Rücken stärken, hofft Hemmerich. Die neue Geschlossenheit in der Arbeitnehmervertretung zeige sich etwa im gemeinsamen Wahlaufruf der verschiedenen Fraktionen im Betriebsrat - ein Novum. Zumindest für die IG BCE hat sich der Rücktritt offenbar gelohnt, denn mit 425 Kandidaten seien so viele auf der Liste wie noch nie.
Bei Clariant stehen derzeit Produktionsanlagen und Standorte auf dem Prüfstand; das bestätigt der neue Deutschland-Chef Ulrich Ott. Noch im laufenden Quartal wolle die Zentrale in der Schweiz entscheiden, wo gekürzt oder gar dichtgemacht werden soll. Laut Ott sind die Höchster Produktionsanlagen aktuell nur zur Hälfte ausgelastet. Frankfurt werde aber ein wesentlicher Produktionsstandort bleiben.
Betriebsrat Hemmerich verweist darauf, dass zuletzt Fertigung aus Großbritannien und den USA nach Höchst verlegt wurde. Das widerspreche der These von den zu hohen Lohnkosten. "Was wir teurer sind, das sind wir auch besser." Die deutschen Standorte seien die effizientesten und hätten die besten Anlagen innerhalb von Clariant. Auch deshalb sei es nicht sinnvoll, hier zu kürzen.
Im März wurden 59 Jobs im Rhein-Main-Gebiet gestrichen, im Sommer folgten weitere 55 Stellen. Jetzt sollen nochmal 129 Arbeitsplätze in der Region und 180 im restlichen Deutschland wegfallen. Bei der Clariant Produkte (Deutschland) GmbH in Höchst arbeiten 1800 Menschen - in Produktion, Forschung, Entwicklung sowie Verwaltung. Zu Jahresbeginn hatte Clariant Kurzarbeit eingeführt, aktuell wird aber nicht mehr kurzgearbeitet.

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