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Straßennamen in Eschwege: Schatten aus der Nazi-Zeit

In Eschwege wird erbittert über die Dr.-Beuermann-Straße gestritten. Der Stadtkämmerer war Mitglied in der NSDAP und SA-Sturmführer. Heute soll die Entscheidung fallen. Von Joachim F. Tornau

In Eschwege wird erbittert über die Dr.-Beuermann-Straße gestritten. Der Stadtkämmerer war Mitglied in der NSDAP und SA-Sturmführer.
In Eschwege wird erbittert über die Dr.-Beuermann-Straße gestritten. Der Stadtkämmerer war Mitglied in der NSDAP und SA-Sturmführer.
Foto: dpa

Aus dem Lob ist ein Vorwurf geworden. "Aufrecht und unbeirrt, wie aus Eichenholz geschnitzt", habe Dr. Beuermann "stets mehr als nur seine Pflicht erfüllt". So gab im Juni 1963 die Werra-Rundschau jene ehrenden Worte wieder, die der damalige Bürgermeister von Eschwege seinem verstorbenen Vertreter und Stadtkämmerer Alexander Beuermann widmete. Noch heute trägt eine Straße in der nordhessischen Kreisstadt den Namen des langjährigen Verwaltungsbeamten.

Ob sich das ändern soll, darüber wird derzeit erbittert gestritten. Denn nach einem Gutachten des Kasseler Historikers und Erziehungswissenschaftlers Dietfrid Krause-Vilmar tat Beuermann auch mehr, als er musste, als er von 1934 bis 1945 Bürgermeister in Eschwege war.

Weitere Fälle

Die Umbenennung von Straßen oder Schulen, die noch immer nach Parteigängern des Nationalsozialismus benannt sind, gelingt nur selten.

In Wiesbaden-Naurod ist der nassauische Heimatdichter Rudolf Dietz (1863-1942) trotz mehrerer NS-verherrlichender Werke nach wie vor Namenspatron einer Grundschule. Nach zweijährigen Diskussionen und der Einholung eines historischen Gutachtens hatte man sich 2005 gegen eine Änderung entschieden.

Im nordhessischen Witzenhausen, in Wuppertal, Bonn und Euskirchen fanden Studierende der Universität Bayreuth die Nazi-Schriftsteller Rudolf Herzog (1869-1943) und Paul Coelestin-Ettighofer (1896-1975) auf Straßenschildern. Ihr Hinweis blieb folgenlos.

Friedrich Flick, Industrieller und verurteilter Kriegsverbrecher, war bis vor kurzem Namensgeber eines Gymnasiums in Kreuztal (NRW). Im November 2008 wurde die Schule umbenannt - nach zähen Auseinandersetzungen. (jft)

Unbeirrte Pflichterfüllung also auch im nationalsozialistischen Deutschland? Krause-Vilmar meint: Ja. Der Bürgermeister - Mitglied in der NSDAP und SA-Sturmführer - sei von seinen Parteivorgesetzten als politisch "unbedingt zuverlässig" eingestuft worden. Er habe nicht nur Anordnungen von oben "glatt umgesetzt" und auftragsgemäß die Deportation der jüdischen Bevölkerung organisiert.

Er sei auch mehrfach selbst in "vorauseilendem Gehorsam" gegen Eschweger Juden vorgegangen. "Für die von Beuermann nach dem Krieg behauptete NS-gegnerische Haltung haben sich in den Unterlagen keine Belege finden lassen", schreibt Krause-Vilmar.

Heute fällt die Entscheidung

Der emeritierte Hochschullehrer wurde von den Stadtverordneten als Gutachter bestellt, nachdem die Grünen die späte Umbenennung der Dr.-Beuermann-Straße beantragt hatten. Am Montag will der Hauptausschuss des Stadtparlaments entscheiden. Dabei sind noch einmal heftige Diskussionen zu erwarten.

Zwar zeichnet sich eine deutliche Mehrheit dafür ab, sich von dem fragwürdigen Namensgeber zu verabschieden. Doch viele im Ort wollen das partout nicht verstehen - vor allem die nicht, die in der Straße wohnen: Mehr als 80 Prozent von ihnen haben mit Unterschrift bekräftigt, dass der Straßenname erhalten bleiben soll.

Beuermann habe "keine besondere Schuld" auf sich geladen, heißt es in einem Schreiben. Schließlich sei er bei der Entnazifizierung nur als "Mitläufer" eingestuft worden. Das Gutachten von Krause-Vilmar - Mitgründer der KZ-Gedenkstätte Breitenau und ausgewiesener Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus in Nordhessen - sei "höchst einseitig und einer sachlichen Diskussion wenig dienlich".

Der Ton ist scharf und wird von der lokalen Werra-Rundschau, die sich zunächst noch für eine Umbenennung stark gemacht hatte, mittlerweile angeheizt: Sogar von einem "bestellten und bezahlten" Gutachten ist die Rede. "Das macht deutlich, wie Menschen ausgegrenzt werden, die dem Mainstream widersprechen", sagt Gerd Strauß, Studiendirektor am Oberstufengymnasium. Der studierte Historiker hat die Debatte um die Beuermann-Straße angestoßen und muss sich dafür nun als "selbst ernannter Historiker" verhöhnen lassen.

Autor:  Joachim F. Tornau
Datum:  26 | 10 | 2009
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