Geduld und Gelassenheit angesichts der saufenden Jugendlichen in Marburgs neuer Mitte empfiehlt Jugendforscher Benno Hafeneger. Keinesfalls solle man sie von ihrem Treffpunkt rund um den Elisabeth-Blochmann-Platz vertreiben: "Die Stadt kann froh sein, dass sie so einen attraktiven Ort hat", sagt Hafeneger. Auch von Alkoholverboten rät er ab. Dann werde nur andernorts getrunken: "Die Jugendlichen müssen ja lernen, mit Alkohol umzugehen", meint der Erziehungswissenschaftler.
Hafeneger hat die Milieustudie über die jungen Leute erarbeitet, deren Saufgelage seit zwei Jahren zum politischen Zankapfel in der Universitätsstadt geworden sind. Dabei handele es sich um die bundesweit erste Studie dieser Art, berichtet der Forscher. Überraschend: Die meisten Befragten sind Gymnasiasten - zwischen 15 und 19 Jahren, mehr als zwei Drittel männlich. Sobald es wärmer wird, bevölkern sie den Platz in kleinen und großen Gruppen. Aber nur etwa ein Drittel verbringt den ganzen Abend auf dem "Chillerplatz" zwischen Kino, Kneipen und Supermärkten. Die meisten nutzen den Ort nur als Treffpunkt zum "Vorglühen", also für die ersten Drinks.
Dass die Jugendlichen insgesamt viel mehr trinken als frühere Generationen, bestreitet Hafeneger. Es gebe nur eine kleine Gruppe von Komasäufern. Dass die Erwachsenen dies anders erleben, liege vor allem an einem neuen Phänomen der Jugendkultur: "Früher haben nur die Penner in der Öffentlichkeit getrunken. Heute trauen sich immer mehr Jugendliche, sich mit der Bierflasche in der Hand zu zeigen." Sich während der Kirmes zu besaufen und zu raufen, sei aber immer schon üblich gewesen.
Hafeneger rät der Stadt Marburg, nicht hektisch neue Projekte anzustoßen. Er empfiehlt lediglich, Streetworker häufiger in die Szene zu schicken. Allerdings hat die rot-grün regierte Kommune auch schon viel ausprobiert. Marburg war die erste hessische Stadt, die ein Alkoholverbot verhängte. Von Dezember 2007 bis Mai 2008 durfte auf den Straßen rund um den Platz nach 18 Uhr niemand mehr eine Bierflasche an die Lippen setzen. Das Verbot war erfolgreich. Trotzdem wollte Oberbürgermeister Egon Vaupel es nicht fortsetzen: "Das ist immer nur das letzte Mittel", sagt er.
Kein Schnaps-Verkauf
Seitdem sucht die Stadt nach anderen Wegen, an die Jugend heranzukommen. Unter dem Motto "Ohne Alkohol gehts auch" gibt es Fußball und Hip-Hop zu nächtlicher Stunde. Mit den Marktleitern der nahegelegenen Supermärkte vereinbarte die Stadt, dass nach 20 Uhr kein Schnaps mehr verkauft wird. In einem Markt wird weder Bier noch Wein an 16- bis 18-Jährige abgegeben.
Suchtberater gehen noch am Krankenbett zu den Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Jugendkonflikthilfe stattet den Familien einen Besuch ab, wenn ihre Kinder durch Pöbeleien, Randale oder Schlägereien auffallen. Zudem patrouilliert die Polizei deutlich häufiger.
Mit diesem Mix liege die Stadt richtig, meint Hafeneger. Die Situation hat sich seitdem auch nach Einschätzung der Jugendlichen entspannt. Die Polizei registriert weniger Straftaten. Schlägereien, umgeworfene Müllcontainer, zerdepperte Flaschen und krakeelende Teenies sind seltener geworden. Indes werde es immer einen Teil Jugendlicher geben, die auch mit Angeboten der offenen Jugendhilfe nicht zu erreichen seien, sagt Hafeneger.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Facebook | Twitter überregional | Google+
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.