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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

02. Juli 2013

Studie zu Fluglärm: Fluglärm schadet den Gefäßen

 Von Fabian Scheuermann
 Foto: Rolf Oeser

Eine neue Studie der Mainzer Uniklinik zeigt, wie und bei welchem Lärmpegel Fluglärm zu Bluthochdruck, Herzinfarkten und Schlaganfällen führen kann. Die Probanden gewöhnen sich nicht an den Lärm.

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Für Thomas Münzel gleichen die Forschungsergebnisse, die am Dienstag in der Mainzer Universitätsklinik vorgestellt wurden, einem kleinen Durchbruch im Bereich der Fluglärmforschung. „Wir wissen, dass Fluglärm Bluthochdruck, Herzinfarkte und auch Schlaganfälle auslösen kann“, so der Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik. Dank der vorliegenden Ergebnisse könne man auch Aussagen über die genauen Mechanismen treffen, die zu diesen Herz-Kreislauf-Erkrankungen führten. „Diese Studie zeigt ganz konkret auf, wie und bei welchen Schallpegeln Gefäßschäden entstehen.“

Für die Studie wurden 75 gesunde Erwachsene in ihren Wohnungen verkabelt und während des Schlafs mit am Düsseldorfer Flughafen aufgenommenem Fluglärm beschallt. Dabei wurden sie drei unterschiedlichen Szenarien ausgesetzt. „Mal waren es 30, mal 60 simulierte Nachtflüge. Zur Kontrolle hatten wir auch ein lärmfreies Nacht-Szenario“, erklärt Frank Schmidt, der an der Studie beteiligt war. Dabei entsprachen 30 Flüge einem äquivalenten Dauerschallpegel von 43 Dezibel, 60 Flüge etwa 46 Dezibel. Werte, wie sie in Rhein-Main regelmäßig erreicht werden.

Die Mainzer Wissenschaftler stellten fest, dass Nachtfluglärm bei den Probanden das Stresshormon Adrenalin steigerte und die Funktion der Blutgefäße signifikant verschlechterte. „Unsere Studienergebnisse belegen, dass in gleicher Weise wie die Fluggeräusche zunehmen, die Erweiterungsfähigkeit der Arterien abnimmt“, so Schmidt. Viele der Probanden entwickelten zudem eine Funktionsstörung der Blutgefäßinnenwand, wie sie Schmidt zufolge beispielsweise auch bei Rauchern zu beobachten sei.

Keine Gewöhnung an den Lärm

„Fluglärm führt schon bei gesunden Probanden in nur einer Nacht zu einer Verschlechterung der Gefäßfunktion“, fasste Münzel den Hauptbefund der Untersuchung zusammen. Bei erneuter Beschallung in der Folgenacht trete keine „Gewöhnung“ an den Lärm ein. Zudem sei steigender Blutdruck nicht zwangsläufig an ein Aufwachen gekoppelt. Die Ergebnisse stoßen auf internationales Interesse: Klinikangaben zufolge soll die Studie im renommierten „European Heart Journal“ veröffentlicht werden.

In der Bewertung der Forschungsergebnisse waren sich die Klinikvertreter am Dienstag einig. „Es kann sein, dass die Lehrbücher neu geschrieben werden müssen“, sagte Norbert Pfeiffer, Medizinischer Vorstand und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Mainz. Die Ergebnisse dieser „lebensnahen Forschung“, so Pfeiffer, zeigten auf, „warum Fluglärm uns belastet und auf welchem Wege“. Bisherige Studien seien nicht derart konkret geworden.

Das heiße Pfeiffer zufolge aber auch, dass Politiker nun „Konsequenzen ergreifen“ müssten: „Es müssen alle Bereiche geschützt werden, wo gewohnt, geschlafen, gelebt wird.“ Dieser Einschätzung stimmten die anwesenden Politiker weitgehend zu. Die Studie gebe der Politik in der Tat „eine neue Argumentationsgrundlage an die Hand“, so die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz, Kathrin Anklam-Trapp. Ihr Kollege von den Grünen, Rahim Schmidt, bezeichnete die „präsentierten Fakten“ als „nicht mehr ignorierbar“.

Seinen Unmut äußerte auch Gerd Schreiner, der für die CDU im Landtag den Wahlkreis Mainz vertritt: „Die Politik muss die Schützengräben verlassen“. Die Landesregierungen von Rheinland-Pfalz und Hessen hatten sich beim Thema Fluglärm zuletzt nicht auf ein gemeinsames Vorgehen im Bundesrat einigen können. Die hessischen Grünen sehen sich in ihrer Forderung nach mehr Fluglärmschutz und einer Ausweitung des Nachtflugverbots bestätigt. „Lärm macht krank. Es geht um die Gesundheit der betroffenen Menschen im Rhein-Main-Gebiet“, sagte Fraktionschef Tarek Al-Wazir.

Noch mehr Rüstzeug für Fluglärmgegner könnte die Mainzer Universitätsklinik in Zukunft liefern: Entsprechende Folgestudien – unter anderem mit vorgeschädigten Probanden und zu Tagesrandzeiten – sind geplant oder laufen bereits. mit jur

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