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Tibet in Frankfurt: Eine ungewöhnliche Freundschaft

Zum Auftakt seines Besuchs gibt der Dalai Lama eine Pressekonferenz. Zusammen mit seinem guten alten Freund Roland Koch. Von Astrid Ludwig

Der Dalai Lama und Ministerpräsident Roland Koch.
Der Dalai Lama und Ministerpräsident Roland Koch.
Foto: FR/Arnold

Sie sind ein ungleiches Paar, der freundlich lächelnde alte Herr mit großer Brille und roter Mönchskutte und der korrekt gekleidete Politiker in Anzug und Krawatte. Der Dalai Lama, Oberhaupt der Tibeter, und Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen. Schon rein optisch könnte der Unterschied kaum größer ausfallen zwischen diesen beiden Männern, die am Mittwochabend zum Auftakt des viertägigen Besuch des Dalai Lamas am Konferenztisch eines Nobel-Hotels in Neu-Isenburg Platz genommen haben.

Der friedfertige Asket und der hemdsärmelige, keineswegs zimperliche Berufspolitiker. Der Buddhist und der Katholik. Man könnte sie für Kontrahenten halten, für entgegengesetzte Pole, für Menschen, zwischen denen Welten liegen. Doch im Gegenteil: Den Tibeter und den Hessen verbindet eine Jahrzehnte lange Freundschaft. "He is my dear friend", er ist mein guter Freund, sagt der Dalai Lama lächelnd.

Eine ungewöhnliche Freundschaft, die auch so manchem CDU-Parteifreund Rätsel aufgibt. Was verbindet den Friedensnobelpreisträger, den pazifistischen Mönch, der für die Unabhängigkeit seines Landes von der chinesischen Besatzung kämpft und den Politiker, der mit einer Unterschriftenaktion gegen Ausländer und die doppelte Staatsbürgerschaft die Wahl gewann?

Koch lernte "Seine Heiligkeit" vor über 20 Jahren kennen. Da war der Ministerpräsident noch Bundesvorsitzender der Jungen Union, der Dalai Lama aber schon lange im indischen Exil und jeder Aufenthalt des Tibeters im Ausland der chinesischen Regierung ein Dorn im Auge. Weil offizielle Besuche schon damals diplomatische Drohgebärden Pekings nach sich zogen, sprang der Nachwuchspolitiker als "Lückenbüßer" ein, damit wenigstens ein Union-Mann den Streiter für Tibet empfangen sollte. Koch begeisterte sich für den Mönch und sein friedfertiges, ausdauerndes Engagement. Beide sprechen heute von "echter Freundschaft".

An diesem Nachmittag, bei der Pressekonferenz im Luxus-Hotel, ist etwas von dem Gefühl spürbar, das die beiden verbinden muss. Eine Herzlichkeit und ungewohnte Leichtigkeit umgibt den Politiker. Der Dalai Lama, der wie ein freundlicher Großvater aussieht und wie ein Kind lacht, scheint die weichen, sanften Seiten der Menschen hervorzulocken. Er sorgt dafür, dass Journalisten von einem ansonsten hart gesottenen Roland Koch so Sätze notieren wie: "Ich bin fasziniert von der spirituellen Persönlichkeit." Koch schwärmte schon früher von der "Aura" des Tibeters, seiner Freundlichkeit und Bescheidenheit. Das gebe ihm Kraft. Weisheit verberge sich beim Dalai Lama in einfachen Sätzen. Der Dalai Lama zieht die Massen an. Bei seinen Besuchen 2005 und 2007 in Wiesbaden und im Hessenpark kamen 10.000 Besucher.

Koch war der Erste

Für die kommenden vier Tage, an denen der Tibeter im WM-Stadion in Frankfurt zu Gast ist, erwarten die Veranstalter bis zu 40.000 Zuhörer und Anhänger aus ganz Deutschland. Dass sich Koch lediglich der Nähe und Popularität des Dalai Lama bedient, das können selbst Kritiker ihm in diesem Fall nicht unterstellen. Sogar die grünen Bundestagsabgeordnete Antje Vollmer bescheinigte dem CDU-Mann in der Tibetfrage "seit zwei Jahrzehnten unbeirrt an seiner Linie festzuhalten". Koch, der Tibet-Aktivist. Der Politiker, der im heimischen Hessen so stark auf Wirtschaftsinteressen hört, stellt bei Interventionsversuchen der Chinesen auf stur. Zumindest, wenn es um Besuche seines Freundes geht.

Nachdem der Empfang des Dalai Lama von Kanzlerin Angela Merkel bei den Chinesen für eine längere Irritation der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen sorgte, und im Mai 2008 weder der Bundespräsident noch Mitglieder der Bundesregierung den Tibeter empfangen wollten, sprang der Hesse erneut in die Bresche. Die Verärgerung der Chinesen lässt Koch unbeeindruckt. Deutschland hat der Dalai Lama so oft wie kein anderes Land in Europa besucht. 35 Mal war er seit 1973 zu Gast.

"Ich liebe Deutschland", beantwortet der Tibeter die Frage nach dem Warum. Er bewundere die Zielstrebigkeit der Deutschen und die Entschlossenheit, mit der sie ihr Land nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg aus den Ruinen wieder aufgebaut und eine gefestigte Demokratie und ein starkes Wirtschaftssystem errichtet hätten. Im Bundesland seines Freundes Roland schlug er am häufigsten die Zelte auf. 1995 sprach der Tibeter erstmals vor einem deutschen, damals noch rot-grünen Parlament in Wiesbaden. Weitere Besuche in der Landeshauptstadt und in Frankfurt folgten, allein sechs seit 2001. Den Hessischen Friedenspreis erhielt der Tibeter 2005 verliehen.

Vor vier Jahren hat sich Roland Koch einen Traum erfüllt. Er besuchte den Dalai Lama in dessen indischen Exil, in Dharamsala. Er war der erste deutsche Spitzenpolitiker, der das Oberhaupt der Tibeter zu Hause aufsuchte. 40 Minuten war er da. Den weißen Gebetsschal, den der Dalai Lama ihm vor Jahren gab, trug er über dem dunklen Anzug.

Autor:  Astrid Ludwig
Datum:  29 | 7 | 2009
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