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04. November 2015

Tierschutz in Hessen: Protest gegen Bouffier-Jagd

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Tierschützer protestieren in der Nähe von Mörfelden-Walldorf gegen die traditionelle Gesellschaftsjagd des Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU).  Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lädt zur "Gesellschaftsjagd". Dagegen protestieren Tierschützer. Die Rechtfertigung der Grünröcke, Jagd sei wichtig für einen artenreichen und gesunden Wildbestand, lassen sie nicht gelten.

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An diesem nebligen Morgen möchte man im farbenfrohen Forst von Mörfelden kein Wildschwein-Frischling sein und kein „Kurzspießer“ unter den Hirschen. Denen geht es bei der Jagd auf Einladung von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nämlich an den Kragen.

Man möchte an diesem frischen Morgen aber auch nicht zu den 45 Jägern gehören, die sich im grünen Jägerrock mit übergestreifter orangener Warnweste zu ihren Hochsitzen begeben. Denn die bewaffneten Herren – nur eine Frau befindet sich unter ihnen –, werden von rund 150 Tierschützern mit einem gellenden Pfeifkonzert und „Haut ab, Mörderpack“-Rufen verabschiedet. Mehrere Dutzend Polizisten schirmen die Jagdgesellschaft von den Demonstranten ab.

Das sei heute „eine etwas andere Jagd“, formuliert Carsten Wilke daher bei der Begrüßung der „lieben Jagdfreunde“ am Mittwochmorgen. Der Abteilungsleiter aus dem Umweltministerium der Grünen Priska Hinz ist in den Mönchbruch gekommen, um den Jägern im Namen des Landes „Waidsmannsheil“ zu wünschen. Ministerpräsident Bouffier stoße am Abend zur Gesellschaft, verspricht er.

Eine solch große Veranstaltung sei „das effektivste Mittel, um möglichst viel Strecke zu machen“, berichtet der Rheingauer Jäger Martin Möllmann. In den vergangenen Jahren sind nach Angaben der Veranstalter stets 50 bis 100 Tiere bei der Gesellschaftsjagd erlegt worden. CDU-Politiker wie Ex-Fraktionschef Christean Wagner und der jagdpolitische Sprecher Walter Arnold nehmen auch in diesem Jahr teil.

„Jagd gehört zu unserer Kultur“, betont Arnold, der sonst gerne in seinem Revier bei Fulda jagt, um „mal abzuschalten“. Es sei notwendig, Tiere zu schießen, um die Artenvielfalt zu erhalten, argumentiert er. So müssten Hermeline und Iltisse erlegt werden, wenn man bestimmte Vogelarten in Hessen erhalten wolle.

Seit Jahren lädt die hessische Staatskanzlei zur „Gesellschaftsjagd“ ein. Bisher hat die breite Öffentlichkeit davon nie etwas mitbekommen. Das ist in diesem Jahr anders, seit die Linkspartei im Landtag die Kosten erfragte. Sie summieren sich nach Angaben von Ministerin Hinz inklusive Abendessen auf 22 000 Euro, wovon aber der Verkauf des Wildfleisches abzuziehen sei.

Die öffentliche Debatte in Hessen hat bundesweit Tierschützer auf den Plan gerufen. Adriane Schulz und ihr Vater Rudolf sind gemeinsam mit drei Freundinnen von Duisburg in den hessischen Wald gereist. Sie tragen Protestschilder mit Aufschriften wie „Jäger sind Terroristen“. „Wir wollen, dass gar kein Tier getötet wird“, beschreibt Adriane Schulz ihre Haltung. Niedersachsen und Hamburg hätten ihre Gesellschaftsjagden eingestellt. Bouffier sei aber „unbelehrbar“.

Die Rechtfertigung der Grünröcke, Jagd sei wichtig für einen artenreichen und gesunden Wildbestand, weisen die Tierschützer als „wissenschaftlich widerlegt“ zurück. „Wenn man die Natur in Ruhe lässt, reguliert sich der Bestand von alleine“, sagt Barbara Simon aus Heidelberg, die mit Trommeln und einem „Jagd ist Mord“-Schild angereist ist.

Landtags-Linke unterstützen Protest

Frauen verteilen Kuchen, der natürlich ohne tierische Produkte wie Ei oder Milch hergestellt wurde. „Ich bin Veganer“, sagt auch Volker Arndt. „Das ist selbstverständlich für uns.“

Der parteilose Kreistagsabgeordnete aus Mörfelden-Walldorf, der sich dort der Linken-Fraktion angeschlossen hat, hat die Mahnwache angemeldet. Mit seiner „Bürgerinitiative Tierrecht EU 21“ will Arndt politisch Einfluss nehmen. Es gebe zwar eine große Zahl von Tierschutz-Organisationen, die sich aber bisher zu wenig in die Politik einmischten, sagt er.

Unterstützung erhält Arndt von den Landtags-Linken, deren Abgeordnete Hermann Schaus und Barbara Cárdenas zum Protest gekommen sind. Die Linken wenden sich gegen das „Töten als Freizeitvergnügen“ und dessen Kosten für die Steuerzahler, erläutert Schaus. Anders als die meisten Demonstranten sprechen sich die Linken aber bisher nicht für ein generelles Verbot der Jagd aus. „Wir diskutieren das in der Fraktion“, sagt der Linken-Abgeordnete auf Nachfrage.

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Während Schaus und die meisten anderen Demonstranten jenseits der Polizeiabsperrung bleiben, gesellt sich Tim Saueressig mitten im Fernsehinterview mit dem CDU-Abgeordneten Arnold hinzu. „Würden Sie gerne morgens auf die Lichtung getrieben werden, wo ein paar Leute stehen, die auf Sie schießen“, fragt der bärtige junge Mann ganz ruhig. Dann setzt er einen Vergleich mit der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) drauf: Treibjagd sei doch „nicht anderes, als der IS macht“, behauptet Saueressig.

Auch Arnold bleibt äußerlich ruhig, aber er empört sich. Solch ein Vergleich sei „eine bodenlose Unverschämtheit“, hält er dem Demonstranten entgegen. Es sei sein gutes Recht, die Jagd auszuüben, betont Arnold.

Dann blasen die Hörner zum Aufbruch. Der Förster erläutert die Regeln. Wer Hirsche mit zu großem Geweih schießt, müsse „Abschussgebühren“ bezahlen, denn es gehe nicht um Trophäen. Natürlich dürfe man auch „nur bleifrei schießen“.

Tim Saueressig ist längst voran in den Wald geeilt. Der bärtige junge Mann und seine Freundinnen haben für diesen Morgen ein Ziel. Sie wollen die Jagd stören.

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