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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

07. November 2014

Tierversuche: Illegale Tierversuche in Hessen

 Von 
Labormäuse (Symbolbild).  Foto: dpa

Vier Wissenschaftler quälen Mäuse und Schweine in illegalen Tierversuchen. Das Verfahren gegen die Angestellten einer mittelhessischen Klinik wird gegen eine Geldauflage von 72.000 Euro eingestellt. Eine derart hohe Geldstrafe wegen illegaler Tierversuche ist in Deutschland einmalig.

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Sie haben Mäuse fast zu Tode bestrahlt und danach einer Knochenmarktransplantation unterzogen. Andere Nager auf dem Rücken fixiert, um sie unter Stress zu setzen – an sieben aufeinanderfolgenden Tagen für je zweieinhalb Stunden: Jahrelang haben Angestellte einer mittelhessischen Klinik gegen das Tierschutzgesetz verstoßen. Ohne Genehmigung quälten und töteten sie Mäuse und Schweine. Rund zwei Jahre ermittelte die Staatsanwaltschaft Gießen gegen die Wissenschaftler. Im September wurde das Verfahren mit Zustimmung des Gerichts gegen eine Geldauflage eingestellt, bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Hauburger, auf Anfrage der Frankfurter Rundschau. 72.000 Euro hätten die vier Beschuldigten an Organisationen bezahlt, die sich um den Schutz von Tieren oder Kindern kümmern. „Das ist eine erhebliche Summe und das öffentliche Interesse ist damit befriedigt.“

Tierschutzgesetz

Paragraf 17: Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder einem Wirbeltier aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.

Paragraf 18: Ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig einem Wirbeltier, das er hält, betreut oder zu betreuen hat, ohne vernünftigen Grund erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügt. jur

72.000 Euro Strafe wegen illegaler Tierversuche ist deutschlandweit einmalig, sagt Edmund Haferbeck, Leiter der Rechtsabteilung der Tierrechtsorganisation Peta. „Dies verdeutlicht den enormen Verwerflichkeitsgrad dieser strafrechtlich relevanten Taten in einer der renommiertesten Forschungsinstitutionen Deutschlands.“ Gleichwohl wäre eine Gerichtsverhandlung besser gewesen, findet Haferbeck. „Sie hätte der Öffentlichkeit die Möglichkeit zu Einblicken in den von ständiger Tierquälerei geprägten Alltag tierexperimenteller Forschung ermöglicht.“

Auch die Genehmigungsbehörde für Tierversuche in Hessen wollte mehr, als sie 2013 die Wissenschaftler wegen Abweichen vom genehmigten Versuchsverfahren anzeigte: „Das Regierungspräsidium Darmstadt (RP) hatte sich schon im Vorfeld gegen eine Einstellung des Verfahrens ausgesprochen“, so Sprecher Dieter Ohl. Die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin sieht darin System: „Viel zu viele Verfahren werden eingestellt, bevor es überhaupt zu einer Anklageerhebung kommt.“ Als Konsequenz fordert sie eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Tierschutz.

Whistleblower packt aus

Der FR liegen Aussagen eines Insiders vor, der sich anonym an Peta gewandt hatte. Demnach führten die von ihm namentlich genannten Wissenschaftler immer wieder nicht genehmigte Tierversuche durch. Oder sie setzten mehr Tiere ein oder verabreichten eine höhere Dosis an Medikamenten, als das RP gestattet hatte. Um neue Erkenntnisse über Herzinfarkt zu gewinnen, wurden Schweinen teils über zwölf Stunden bei offenem Brustkorb Gewebe entnommen. Auch zu diesem Versuch existierte kein Antrag, gibt der Whistleblower an. Um das Vorgehen zu verschleiern manipulierten die Wissenschaftler demnach Unterlagen. Ihr Ehrgeiz überwog jedoch ihre Vorsicht. Bei Tagungen der deutschen Gesellschaft für Kardiologie präsentierten sie ihre Forschungsergebnisse, obgleich sie zumindest zum Teil illegal zustande gekommen waren.

Mit dem Profilieren auf Kosten hilfloser Kreaturen ist jetzt erstmal Schluss: „Die betroffenen Verantwortlichen führen keine Tierversuche mehr durch, da die Klinik auf alle bestehenden Genehmigungen der Arbeitsgruppe verzichtet hat“, so RP-Sprecher Ohl. Was nicht bedeutet, dass sie nicht mehr forschen dürfen. Die Einstellung gegen eine Geldauflage hat sie vor Berufsverbot bewahrt. Ein Ordnungswidrigkeitsverfahren der Veterinärbehörde müssen sie auch nicht mehr fürchten, so Ohl. „Hier ist schon Verjährung eingetreten.“

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