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Tod im Klinikkeller: Pieper am Patienten

Nachdem eine tagelang gesuchte Frau tot im Keller des Offenbacher Klinikums gefunden wurde, testet das Krankenhaus ein Funksystem zur Ortung von Patienten. Es soll verhindern, dass Demenzkranke sich verlaufen. Von Marie-Sophie Adeoso

In langen Klinikgängen können sich orientierungslose Patienten leicht verlaufen. Im Klinikum Offenbach wird nun ein Funksystem zur Ortung vermisster Personen getestet.
In langen Klinikgängen können sich orientierungslose Patienten leicht verlaufen. Im Klinikum Offenbach wird nun ein Funksystem zur Ortung vermisster Personen getestet.
Foto: Andreas Arnold

Noch rollen die Baufahrzeuge über das Gelände des Klinikums Offenbach. Patienten und Besucher laufen durch einen umrüsteten Gang zum Zentralgebäude. Hinter den Bauzäunen werkeln die Arbeiter trotz Schnee und Eis. Doch für Mitte April ist der Umzug der Kliniken in den leuchtendroten Neubau geplant. Dann soll hier alles moderner, einladender, besser sein. "Zukunftsfähige Gesundheitsversorgung auf höchstem medizinischen Niveau", will die Klinikleitung ihren Patienten bieten.

Teil dieser Zukunft könnte ein Ortungssystem für Patienten sein. "Hätten wir das am Wochenende schon gehabt, hätten wir den tragischen Unglücksfall verhindern können", sagt der Geschäftsführer des Klinikums, Hans-Ulrich-Schmidt. Dann wäre die alte Dame, die am Montag tot im Klinikkeller gefunden wurde, vielleicht noch lebend entdeckt worden. Die 93-Jährige war am Sonntag aus ihrem Zimmer auf der internistischen Station verschwunden. Erst nach vier intensiven Suchgängen fanden Klinikmitarbeiter sie in einem Kellerschacht.

Klinikum Offenbach

Der Neubau des Klinikums soll im April eröffnet werden. Für die Behandlung stationärer Patienten stehen dann 852 Betten zur Verfügung.

Ab Juli 2010 wird das alte Zentralgebäude abgerissen, das seit 1974 in Betrieb ist. Die Bauarbeiten haben rund 140 Millionen Euro gekostet, das Land Hessen hat Fördermittel in Höhe von 50 Millionen Euro beigesteuert. (msa)

"Wir können die Patienten ja nicht am Bett festbinden." versucht Schmidt zu erklären, wie die verwirrte Frau unbemerkt aus ihrem Zimmer laufen konnte. "Das wäre Freiheitsberaubung." Andererseits nehme die Zahl alter Menschen und damit das Problem der Altersdemenz zu. Sie rund um die Uhr lückenlos zu überwachen sei nicht möglich.

In der Klinik für Anästhesiologie werde deshalb nun ein kabelloses Funksystem getestet, das im Neubau zum Einsatz kommen könnte. "Die Patienten bekommen ein Armband und können darüber auch angefunkt werden", sagt Schmidt. Dies ermögliche den Patienten zum einen, sich während langer Wartezeiten frei auf dem Klinikgelände zu bewegen. Sobald sie an der Reihe wären, würden sie über Funk informiert. Zum anderen könnten Menschen, die sich im Klinikum verlaufen, über das Funksignal leicht geortet werden. "Das würde zumindest relative Sicherheit bieten", sagt Schmidt. Allerdings sei eine solche Überwachung rechtlich nicht ohne Einwilligung der Betroffenen oder ihrer Angehörigen möglich.

Dass ältere Patienten orientierungslos über die Flure laufen, komme "immer mal wieder vor", sagt Henryk Dancygier, Leiter der Medizinischen Klinik II, in der die Patientin untergebracht war. Das aktuelle Unglück sei jedoch ein "extremer Ausnahmefall", den sämtliche Mitarbeiter der Klinik zutiefst bedauern. Die 93-Jährige sei "mobil und nicht bettlägerig" gewesen. In den vergangenen Jahren sei sie mehrfach zur Behandlung ins Klinikum Offenbach gekommen. "Sie hatte klare Momente, war aber überwiegend verwirrt", beschreibt Dancygier den Gesundheitszustand der Verunglückten. Ihr Verschwinden sei "nicht vorhersehbar" gewesen.

So machte sich die alte Dame auf den Weg. 20 unbeaufsichtigte Minuten von der letzten Blutzuckermessung bis zum Frühstück am Sonntagmorgen reichten aus, um die 93-Jährige im Gewirr der Klinikgänge zu verlieren. Zwischen ihrem Zimmer im neunten Stock und dem Technikraum im Tiefkeller, in dem ihre Leiche gefunden wurde, liegen 13 Stockwerke und vier massive Brandschutztüren. "Die Vermutung liegt nahe, dass sie über die Treppe in den Keller gelangt ist", sagt Klinikleiter Schmidt. Der Aufzug fährt nicht in den Gebäudetrakt.

Bereits eine Stunde nach dem Verschwinden der Patientin alarmierte die Stationsärztin Polizei und Angehörige. Ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera suchte die Umgebung des Krankenhauses ab. In dem abgelegenen Kellerraum, in dem zurzeit Wartungsarbeiten durchgeführt werden, wurde sie trotz intensiver Suche erst am Montagmorgen entdeckt. Die Kriminalpolizei ermittelt nun den genauen Unfallhergang, eine Obduktion soll die Todesursache klären.

Klinikleiter Schmidt hat auch interne Untersuchungen angeordnet, warum Kellerraum und Schacht nicht ordnungsgemäß verschlossen waren. Aus Pietätsgründen ist der Unfallort der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Autor:  Marie-Sophie Adeoso
Datum:  3 | 2 | 2010
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