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Totensonntag: Eine Frage der Würde

Der Umgang mit dem Tod, mit Verstorbenen und Trauernden, verändert sich. Die Klagen über eine meist gefühllose Behandlung haben sich ausgewirkt. Eine Kirche wird so zum Zentrum für Trauerseelsorge.

Viel Raum, um über die Trauer wieder zum Lachen und zum Leben zu kommen, bietet Pfarrer Joachim Metzner in der Kirche St. Michael im Nordend.
Viel Raum, um über die Trauer wieder zum Lachen und zum Leben zu kommen, bietet Pfarrer Joachim Metzner in der Kirche St. Michael im Nordend.
Foto: FR/Andreas Arnold

Plötzlich kam alles wieder hoch. Der Tod der Oma ließ die schmerzende Erinnerung an den Sohn aufsteigen, der vor 20 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war.

Damals hatte die Trauer keinen Platz, "wir sind vor ihr davon gelaufen", hat Joachim Metzner von der Familie gehört. Der katholische Geistliche, Bruder im Oratorium des heiligen Philipp Neri im Nordend, blickt auf die Backsteinfront der Kirche St. Michael. Impulse für eine Kultur des Trauerns zu geben, war der Anlass, rund um die Kirche zwischen Rotlint- und Gellertststraße das Zentrum für Trauerseelsorge im Bistum Limburg aufzubauen.

Totengedenken

Ewigkeitssonntag nennen die Protestanten den Tag Ende November, den sie dem Gedenken Verstorbener widmen. Sie laden am 23. November um 13.30 Uhr zu einer Andacht für Hörende und Gehörlose auf den Hauptfriedhof ein. Zwischen 14 und 16 Uhr gibt es dort alle halbe Stunde weitere Andachten. Auf vielen anderen Friedhöfen beginnen um 15 Uhr evangelische Gottesdienste.

Musik erklingt unter anderem um 18 Uhr in der evangelischen Andreaskirche in Eschersheim, Kirchhainer Straße 2, und zwar das Requiem in C-Moll von Michael Haydn. Im Riederwald, in der Philippuskirche, Raiffeisenstraße 70, sind um 17 Uhr zwei Kantaten von Bach mit dem neuen Gemeindechor, Orchester und Solisten der Musikhochschule zu hören.

Konzert und Lesung unter dem Motto "Groß ist der Tod" bringt das junge Berliner Ensemble lingua cantat ebenfalls am Sonntag, 23. November, um 19.30 Uhr im Haus am Dom zu Gehör. Gedichte von Rilke und Rückert wechseln mit Musik von Mahler und Brahms, im Saal des Hauses am Domplatz 3. Der Eintritt kostet acht, ermäßigt sechs Euro.

Es ist ein Ort im Wandel. Dröhnende Bohrgeräusche verraten, das er sich verändert. Ebenso wie das dreigeschossige Backsteinhaus neben der Kirche, das außer dem Pfarrbüro auch drei Brüder des Oratoriums Philipp Neri beherbergt. Zwei Seminarräume für Trauergruppen und Diskussionen entstehen, zwei Besprechungszimmer werden der Begleitung einzelner Trauernder dienen. In einem Abschiedsraum sollen Tote aufgebahrt werden können. Im Frühjahr soll alles fertig sein.

Manche Orte sind für Trauernde tabu, weil sie den Schmerz herbeirufen. Dann wieder sind es Ereignisse, die sie verzweifeln lassen, etwa der Ablauf der Ruhefrist für das Grab einer 18-Jährigen, die vor 20 Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war. "Das war für die Eltern sehr bitter, keinen Ort mehr zu haben", sagt Joachim Metzner. Momente sind das, in denen "plötzlich nochmal alles hervorbricht", der Tod wieder aktuell ist.

An die Taufe zurückdenken

Raum und Zeit für Unterstützung, aber auch zur Auseinandersetzung mit Sterben und Tod soll St. Michael geben. In der monumentalen, 18 Meter hohen Kirche trennt rot-weißes Absperrband eine kleine Baustelle neben dem Eingang ab. Einen großen Taufbrunnen setzt Maria Schwarz dorthin, in das Bauwerk ihres verstorbenen Gatten, des Kirchenarchitekten Rudolf Schwarz. Besorgt hatte sich die in Köln lebende 86-Jährige bei Metzner erkundigt, wie er denn mit seinen 45 Jahren ein so furchtbares Thema bearbeiten könne. So entstand die Idee, in der Trauerkirche an die Taufe, die Anfänge des Glaubens, zu erinnern die auch in der Krise tragen sollen.

Kurz vor Weihnachten, hofft Joachim Metzner, wird die Kirche umgebaut sein. Der Theologe möchte "das Thema Tod und Trauer populär machen", prophylaktisch gewissermaßen, auch wenn er weiß: "Trauer ist kein attraktives Thema." Die Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden gehört ebenso zum Konzept wie das Vernetzen "aller Orte, an denen das Thema aktuell ist, von Altenheimen über Schulen, bis hin zu Hospizen und Bestattern". Schon jetzt laden der Pfarrer und die beiden Ordensschwestern, die das Zentrum für Trauerseelsorge seit einem Jahr gestalten, an jedem letzten Samstag im Monat um 11 Uhr zur Messe für Verstorbene ein. Sie bieten Gebete, Meditationen und Einzelgespräche an, ganz in der Nähe des Hauptfriedhofes.

Der gehört in die Obhut des Grünflächenamtes und damit in die von Karlheinz Braun und seinen 240 Mitarbeitern. Mit rund 110.000 beziffert Braun die Zahl der Grabstätten auf den 37 städtischen Friedhöfen. Viel Platz gibt es dort, denn inzwischen wünschen 65 Prozent der Kunden eine Urnenbestattung. Auch die Zahl der anonymen Grabstellen nimmt zu. Karlheinz Braun weiß allerdings: "Das Anonyme ist nicht so das Optimale zur Trauerbewältigung." Doch 1755 Euro für ein Reihenerdgrab oder 2477 Euro für ein mittelgroßes Wahlgrab sind Summen, die komplett privat aufgebracht werden müssen, seit das Sterbegeld abgeschafft ist.

Die evangelische Pröpstin Gabriele Scherle hat mit einer Arbeitsgruppe die Veränderung in der Bestattungskultur untersucht. Sie fand heraus, dass "finanzielle Überlegungen immer stärker den Rahmen der Beisetzungen" bestimmen. Scherle spricht sich nicht nur "gegen anonyme Sammelbeisetzungen außerhalb der Stadt" aus. Sie weist auch darauf hin, dass das Sozialamt bedürftigen Angehörigen, auch unabhängig vom Bezug von Arbeitslosengeld II, die Bestattung Verstorbener im Erdgrab ermöglicht. Von der "Sorgfalt im Umgang mit unseren Verstorbenen hängt unsere Würde ab", betont die Pröpstin.

Zentrum für Trauerseelsorge, Gellertstraße 39, Telefon 069 / 45 10 24. Internethinweis: www.trauerseelsorge.bistumlimburg.de und www.trauernetz.de

Autor:  SUSANNE SCHMIDT-LÜER
Datum:  22 | 11 | 2008
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