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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

03. Oktober 2012

Turbo-Abitur G8: Zu schnell für das System

 Von Peter Hanack
Protest gegen G 8  Foto: dpa

Ein Schüler überholt das Turbo-Schulsystem: Der16-Jährige, der schon studiert, versucht immer noch, seine Mittlere Reife anerkannt zu bekommen. Und wird bald sein Abitur ablegen. Aber Mittlere Reife ist nicht, dank des Durcheinanders von G8 und G9.

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Leser und Leserinnen der Frankfurter Rundschau kennen ihn vielleicht als Justus Becker. Unter diesem Alias-Namen haben wir vor gut zwei Jahren über den damals Dreizehnjährigen aus dem Main-Taunus-Kreis berichtet. Er zog gegen das Land Hessen vor Gericht, weil das ihm die Mittlere Reife verweigerte.

Der Rechtsstreit ist noch immer nicht entschieden – die Auseinandersetzung zwischen Justus, der im wahren Leben Felix Weimer heißt, und der Kultusbürokratie wird indessen immer bizarrer. Um es kurz zu machen: Felix ist einfach zu schnell für das System. Sein Beispiel führt zudem die Absurditäten vor Augen, mit denen das Turbo-Abitur G8 ausgestattet ist.

Vor ein paar Wochen ist Felix 16 geworden. Für einen Jungen seines Alters ist er schon ziemlich weit gekommen. Er studiert an der Fern-Uni Hagen Informatik, ist auf dem besten Weg, dort einen Super-Abschluss hinzulegen, und bereitet sich parallel dazu auf die hessische Abiturprüfung vor, die er im Frühjahr ablegen will. Jeden Freitag arbeitet er im Vorgriff aufs echte Berufsleben zudem als Programmierer für Börsen-Software in einer kleinen Firma in der Nähe seines Wohnorts.

Ein Opfer von G8

Nicht schlecht für einen Schüler, dem das Land Hessen gerade mal einen Hauptschulabschluss zubilligt. Das kommt so: Felix ist einer der ersten, die die verkürzte Gymnasialzeit G8 zu absolvieren hatten. Die soll eigentlich begabte Schüler schneller zum Abitur führen. Bei Felix allerdings hatte sie den gegenteiligen Effekt. Weil ihm, der bereits Klassen übersprungen hatte, die Schule zu langweilig wurde, ging er am Ende der 9. Klasse vom Gymnasium ab. Das Schulamt hatte nichts dagegen, obschon Felix aufgrund seines Alters eigentlich noch schulpflichtig war. Er sollte seinen eigenen Weg gehen können, so schien es. Die 9. Klasse, zu der Felix also offenbar unterfordert die Schule verließ, ist im Turbo-Abi das Ende der Mittelstufe. Früher gab es an dieser Stelle des Bildungswegs die Mittlere Reife.

Doch obwohl G8-Schüler am Ende der Mittelstufe genauso viel gelernt haben sollten wie die G9-Schüler, bekommen sie den mittleren Abschluss nicht. Sondern erst nach dem ersten Jahr der Oberstufe, weil laut Schulgesetz für diesen Abschluss eben dieses zehnte Schuljahr beendet sein muss. Diese Regelung war auch der Grund, warum Felix vor zwei Jahren vor Gericht zog. Er wollte Gleichbehandlung, man kann auch sagen Gerechtigkeit.

Inzwischen hatte Felix das Studium an der Fern-Uni Hagen aufgenommen. Besonders begabte Schüler können dort auch ohne Abitur, also Hochschulreife, studieren. Den Bachelor machen aber können sie nicht. Dazu brauchen sie dann doch das Abitur. Deshalb lernt Felix zu Hause seit Monaten fleißig für die Reifeprüfung. Die könnte er an einem Gymnasium ablegen, das den von ihm gewählten Leistungskurs Informatik anbietet. Wenn – ja wenn da eben nicht die Kultusbürokratie wäre. Denn Felix ist zu jung. Externe Schüler – als solcher gilt Felix nach seinem Ausstieg aus dem Schulbetrieb – dürfen in Hessen erst Abitur machen, wenn sie das 19. Lebensjahr vollendet haben. Felix aber ist ja gerade erst 16 geworden. Der Ablehnungsbescheid des Staatlichen Schulamts erreichte ihn Anfang September.

Geknickt in der Kanzlei

„Ich kann doch jetzt nicht drei Jahre warten, bis ich Abitur machen darf“, sagt Felix. Ziemlich geknickt sitzt er da in der Kanzlei seiner Rechtsanwältin Sibylle Schwarz in Wiesbaden. Für einen wie Felix, der bislang alles im Turbo-Tempo absolviert hat, mögen drei Jahre tatsächlich nach Ewigkeit klingen. Zumal er bis dahin den Studienabschluss schon längst in der Tasche haben könnte. Ausgebremst. So ganz kann Felix die Argumentation der Kultusbehörden auch nicht nachvollziehen. Abitur erst mit 19 – warum eigentlich?

Seine Mutter mag dem ebenfalls nicht folgen. Sie hat eifrig Zeitung gelesen und ist dabei auf ein paar – wie sie findet – „sehr interessante Artikel“ gestoßen. Etwa den über die 15 Jahre alte Julia Wimmer aus Hofbieber in der Rhön. Die hat nämlich in diesem Frühjahr Abitur gemacht. In Hessen. Oder über Finja Butteron von der Gesamtschule Hungen. Die ist ebenfalls 15, noch ein paar Wochen jünger als Julia, und hat ebenfalls das Abitur in der Tasche.

In der Zeitung ist ein Foto, das zeigt Finja mit Kultusministerin Nicola Beer (FDP), die ihr das Zeugnis und einen Strauß Blumen überreicht hat. Rechtsanwältin Schwarz will nun einmal in Wiesbaden nachfragen. Im Vergleich zu den beiden jungen Damen sei Felix ja schon in einem reifen Alter – reif genug für die Reifeprüfung jedenfalls, ist sie überzeugt.

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