"Wir sind friedlich, was seid ihr?" Die immer wieder skandierten Parolen der Studenten hallen über den im Dunkeln liegenden Campus Westend. Kurz vor 19 Uhr am Mittwochabend fahren die ersten Polizeifahrzeuge vor, dringen Beamte mit Helm, Schlagstöcken und Schutzschildern ins Foyer des seit Tagen von Studenten besetzten Casinos der Goethe-Universität. Das allabendliche Protestplenum ist gerade zusammengekommen, rund 300 Studenten im Bildungsstreik haben sich in einem der großen Seminarräume versammelt.
Präsident Werner Müller-Esterls Geduld ist am Ende. Die Besetzung und die erheblichen Sachschäden an Gebäude und Mobiliar beziffert er mittlerweile auf einen sechsstelligen Betrag. Die Universität werde keine weitere Zerstörung dulden. Müller-Esterl macht von seinem Hausrecht Gebrauch, fordert die Besetzer auf, das Casino zu räumen. Wer freiwillig gehe, gegen den ergehe keine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch.
Die meisten bleiben. Die Polizisten umschließen die Stuhlreihen. Wer nicht geht, wird rausgetragen. Von außen hämmern die Studenten unterdessen an die Scheiben des Seminarraumes, die Polizisten schließen die Vorhänge, drohen über Megafon mit Festnahmen. Auch vor dem Eingang zum Foyer kommt es unterdessen zu Rangeleien und Schubsereien. Rund 150 Polizisten sind im Einsatz, teils mit Hunden. Einsatzwagen riegeln alle Zugänge ab.
Laut AStA ging die Polizei bei der Räumung mit Schlagstöcken gegen Studenten vor. Ein Student sei mit einer Kopfverletzung, ein weiterer mit einem Handbruch ins Krankenhaus gebracht worden, sagte AStA-Vorsitzender Jonas Erkel.
Draußen vor der Tür steht auch der 23-jährige Uli. Er findet den Polizeieinsatz "traurig". Schon das "House of Finance" sei abgeriegelt worden, jetzt das Casino. "Da kann man sehen, was die Uni-Leitung von uns Studenten hält", sagt er. Obwohl: Gut findet er die Sachbeschädigungen nicht, die im Casino angerichtet wurden. Wo blütenweiße Treppenaufgänge waren, bedecken jetzt Aufkleber, Graffiti, Spontisprüche und politische Parolen Wände, Verkleidungen, Parkettboden und Treppenstufen.
AStA fordert Rücktritt des Uni-Präsidenten
In einem der Flure sind Stühle zu einem Turm aufgestapelt, auf dem Klo Spiegel, Kacheln und Kabinen besprüht. Ein wertvolles Wandgemälde von Georg Heck wurde übermalt. Von Vandalismus hat das Präsidium gesprochen und Anzeige erstattet. Die Kosten für die Beseitigung müssten an anderer Stelle im Etat nun eingespart werden.
Die Besetzer dagegen sprechen von der "Aneignung" der Räume. Die Parolen seien Ausdruck politischen Protests. Doch nicht alle Studenten teilen diese Meinung. "Es ist schwer, ernst genommen zu werden, wenn man alles bekritzelt", sagen zwei Pädagogikstudentinnen. Man hätte das Casino auch ohne Beschädigungen besetzen können, findet ein Wirtschaftswissenschaftler.
Die Uni müsse dagegen vorgehen, sagen Mitarbeiterinnen, die den Polizeieinsatz verfolgen. Fraglich sei jedoch mit welchen Mitteln. Uni-Sprecher Olav Kaltenborn bedauert den Polizeieinsatz, sieht die Hochschule aber dazu "gezwungen", um noch größere Schäden zu vermeiden. Tagelang habe das Präsidium vergeblich versucht, mit den Besetzern ins Gespräch zu kommen.
Nach der Räumung des besetzten Casinos der Frankfurter Universität hat die Studentenvertretung AStA den Rücktritt von Uni-Präsident Werner Müller-Esterl gefordert. Dieser trage die Verantwortung für den Polizeieinsatz. (mit dpa)

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