kalaydo.de Anzeigen

Unsere Frau in Nairobi: Das Wasser, die Reichen, der Tod

Die letzte Woche in Kenia ist angebrochen: Gedanken über die Stadt und ihre Planlosigkeit, die manches Spannende und manche groteske Ungerechtigkeit vereint. Von Lia Venn

115 Jahre alt geworden: Todesanzeige eines Paramount Chief der Massai.
115 Jahre alt geworden: Todesanzeige eines Paramount Chief der Massai.
Foto: FR/Venn

Die Woche der Abreise aus Nairobi beginnt. Von den Jacarandabäumen fallen die letzten Blüten, spät für dieses Jahr. Allenthalben tritt man auf die kleinen lilafarbenen Trichter, die selbst zertreten noch tapfer vom afrikanischen Asphalt in den Tag leuchten. Es ist Sonntag, zum Frühstück hole ich mir ein paar Schritte vom Appartement entfernt im Norfolk Hotel die Sunday Nation. Sie kostet 40 Kenia Schilling, 4 Eurocent. In Deutschland kostet eine vergleichbare Tageszeitung etwa 300 Kenia Schilling.

Am Norfolk angekommen, wundert mich einmal mehr, dass die Schönen und Reichen, die dort residieren, auf der Terrasse frühstücken, - auf Nasenhöhe mit den Abgasen. Drei Stufen hinauf, an zwei livrierten Herren vorbei - und hinein in eine andere Welt. Glänzender Marmorboden, großformatige Bilder, wenn auch nicht besonders schön, gediegene Möbel, leise Klaviermusik. Wer hier wohnt, erlebt einen anderen Nairobi-Aufenthalt als in einem Hostel an der Riverroad oder in der quirligen Innenstadt.

Nahaufnahme

Die Frankfurter Rundschau beteiligt sich an dem journalistischen Austauschprojekt "Nahaufnahme" des Goethe-Instituts. Jackson Mutinda von der Tageszeitung Daily Nation in Nairobi und die FR-Redakteurin Lia Venn tauschen von November bis Ende des Jahres ihren Arbeitsplatz.

Journalistinnen und Journalisten von drei weiteren deutschen Medien und vier aus dem Ausland berichten für einige Wochen über Politik, Kultur und Alltag der anderen Stadt. Vergangenes Jahr gab es die Premiere der "Nahaufnahme", damals mit FR-Redakteur Martin Müller-Bialon in Beirut.

www.goethe.de/nahaufnahme

Vor einigen Tagen, als ich auf dem Weg zum Nation Centre am Norfolk vorbeikam, wischten Angestellte die Straße vorm Hotel, mit Wasserschlauch und Schrubber. Trotz der Dürre in diesem Jahr und Wasserrationierung in manchen Teilen der Stadt. Einige Slums haben gar kein Wasser. Passanten, die aus den weiter entfernt liegenden Slums oft stundenlang zu Fuß zur Arbeit in die Stadt gehen, liefen mit ihren offenen Sandalen durch das abfließende Wasser. Das Norfolk gehört zu den "Leading Hotels of the World". Glückwunsch.

Das Hotel, inzwischen "Fairmont The Norfolk", gehört zu Nairobi etwa so, wie die Furt der Franken zu Frankfurt. Im Jahr 1899 erreichte die Ugandabahn das Eisenbahncamp am Nairobi River, der Beginn Nairobis. Die Stadt wuchs, 1905 löste sie Mombasa als Hauptstadt ab. Das Norfolk gab es da bereits. Das Luxushotel öffnete Weihnachten 1904, ist also da, seit es Nairobi gibt. Wer damals auf der Terrasse frühstückte, schaute noch in die weite kenianische Ebene, nicht auf die Grundstücke von KBC, der Kenya Broadcasting Corporation, und dem National Theatre. Im Norfolk speisten Königin Elizabeth II., Karen Blixen und die gesamte weiße Siedlermischpoke. Nach dem legendären Lord Delamere, politischer Anführer der Siedler, ist heute die Bar benannt. Eigentlich ungeheuerlich, war Delamere doch kein unwichtiges Rad in der Unterdrückungsmaschinerie der Kolonialherren über die Schwarzen.

Planlos im Plan

Aus dieser Zeit stammt auch die Aufteilung Nairobis in die Viertel der Reichen in den kühleren, hügeligen Wäldern und Lichtungen westlich der Eisenbahnlinie, und in die Viertel der Armen. Die Afrikaner, die nicht in den Dienerquartieren ihrer Arbeitgeber lebten, siedelten sich - illegal, also auch ohne schützende Rechte - östlich der Eisenbahn im trockenen Flachland an, das später Eastlands wurde.

In Nairobi gibt es vielleicht ein oder zwei Generationen, die von hier stammen. Ihre Familien aber kamen von überall her, aus Europa, Somalia, Nubien, Kenia. Diese Stadt, nicht Kenia, hat eigentlich keine Kultur des Erinnerns in eine weit zurückreichende Vergangenheit. Noch vor rund 100 Jahren war hier ein Wasserloch, an dem die Massai ihre Rinder tränkten. Nairobi ist ohne jede Stadtplanung entstanden. Und wächst stetig weiter.

Planlos scheint hier vieles. Vor einigen Wochen wurden in einer Straße alle Palmen ausgerissen, es sollte ein Mosaik gelegt werden. Dann kippte man den Plan, seit einigen Tagen pflanzen Arbeiter genau an derselben Stelle wieder Palmen, natürlich Setzlinge, nicht größer als eine aufrechte Obstkiste. Die alten Palmen waren groß und eindrucksvoll. "Schade", sagt Tairus, der Taxifahrer, der die Geschichte erzählt.

"This car is always running"

Wer sich in Nairobi aufhält, bringt es im Lauf der Zeit auf eine beachtliche Sammlung von Taxi-Visitenkarten. Am Ende der Fahrt heißt es immer: "I want to give you my card, please call, if you need Taxi. Safe trip, good price." Tairus teilt sich sein Taxi mit seinem Sohn, schläft der Vater, fährt der Sohn und umgekehrt. "This car is always running", sagt Tairus und schmunzelt.

Zurück im Appartement schlage ich die Zeitung auf. Bei den Todesanzeigen entdecke ich "Rtd paramount Chief Jonathan Maora Ole Lolpisia, geboren 1894, gestorben 2009. Mann, der war ja 115 Jahre alt oder wie? Hatte 94 Enkel und 35 Urenkel. Ein Massai. "Es weiß doch keiner, wann der Mann wirklich geboren wurde, das ist nur eine Schätzung", erklärt mir Anne aus dem Goethe-Institut. Tatsächlich steht meist nur ein Geburtsjahr, wenn überhaupt, in den Anzeigen, oder nur das Sterbedatum.

Aber nur weil dies die letzte Woche in Nairobi ist, muss ich ja nicht gleich morbid werden.

Suaheli des Tages: Nafasi heißt Zeit.

Datum:  28 | 11 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Regionale Startseite
Ressort

Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick


Nachrichten aus der Region

Anzeige

 
Spezial

Die heiße Phase naht: Termine, Reportagen, Bilder - vom Kinderfasching bis zur Prunksitzung.

Fastnacht in Rhein-Main
Das Frankfurter Prinzenpaar Marcus I. und Ingrid II.
Frankfurter Fastnacht 
        

In den Clubs könnte die Schwester  auffallen.
Fasching in Mainz 
Rednerschule: Karl Oertl bringt Fastnachtern bei, wie man eine Büttenrede hält. In der Bütt: Patrick Fiederer
Fassenacht in Frankfurt 

Anzeige

Spezial
Beschäftigte des Druckmaschinen-Herstellers Manroland demonstrieren vor der Allianz-Niederlassung in Frankfurt. Allianz und MAN haben dem angeschlagenen Konzern den Geldhahn zugedreht.

Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Spezial
Wer zieht im März in den Römer ein?

Wer folgt Petra Roth? Mitte März wählt Frankfurt einen neuen OB. Alles über die Kandidaten im Spezial.

OB-Wahl in Frankfurt
        

Rechnet mit einer Stichwahl: Ursula Fechter.
FAG-Kandidatin Fechter 
Das zentrale Themenplakat der Piraten (für ganzes Bild bitte klicken).
Piraten in Frankfurt 
OB-Bewerber Oliver Maria Schmitt setzt sich für ein nichtraucherfreies Frankfurt ein.
OB-Wahl Frankfurt 
        

Ganz großes grünes Kino: OB-Kandidatin  Heilig und der Berliner Fraktionsvorsitzende  Trittin in der Harmonie.
OB-Wahlkampf bei den Grünen 
Boris Rhein hat auf Facebook einen falschen Freund abgekriegt: einem stadtbekannten Rechtsextremen aus Maintal.
Frankfurter OB-Wahlkampf im Internet 
Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Spezial

Mit gutem Gewissen investieren und gleichzeitig Geld verdienen? Die FR schaut, wie erfolgreich Firmen und Fonds dabei sind.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

Fotostrecke 1. Derpart Familien-Reise-Tag

Staumelder

Staumelder 86 Staus mit einer Gesamtlänge von 273km
Zu den Staumeldungen
Meistgeklickt
Mohamadou Idrissou: Noch reicht die Kraft nicht für 90 Minuten, vielleicht reicht sie aber für Fortuna Düsseldorf?
Eintracht gegen Fortuna 
Moderator Günther Jauch.
Günther Jauch 
Gegen seine alten Kollegen in der Startelf: Bamba Anderson.
Eintracht gegen Fortuna 
Ohne Draht zum Volk: Adolf Sauerland.
Kommentar zu Sauerland 
Marktplatz

"Wir wünschen uns einen großen Garten um unser Frühlingsglück zu genießen." Über 25.000 Bauplatz- und 6.000 Baugebiet-Angeboten.