Die Woche der Abreise aus Nairobi beginnt. Von den Jacarandabäumen fallen die letzten Blüten, spät für dieses Jahr. Allenthalben tritt man auf die kleinen lilafarbenen Trichter, die selbst zertreten noch tapfer vom afrikanischen Asphalt in den Tag leuchten. Es ist Sonntag, zum Frühstück hole ich mir ein paar Schritte vom Appartement entfernt im Norfolk Hotel die Sunday Nation. Sie kostet 40 Kenia Schilling, 4 Eurocent. In Deutschland kostet eine vergleichbare Tageszeitung etwa 300 Kenia Schilling.
Am Norfolk angekommen, wundert mich einmal mehr, dass die Schönen und Reichen, die dort residieren, auf der Terrasse frühstücken, - auf Nasenhöhe mit den Abgasen. Drei Stufen hinauf, an zwei livrierten Herren vorbei - und hinein in eine andere Welt. Glänzender Marmorboden, großformatige Bilder, wenn auch nicht besonders schön, gediegene Möbel, leise Klaviermusik. Wer hier wohnt, erlebt einen anderen Nairobi-Aufenthalt als in einem Hostel an der Riverroad oder in der quirligen Innenstadt.
Die Frankfurter Rundschau beteiligt sich an dem journalistischen Austauschprojekt "Nahaufnahme" des Goethe-Instituts. Jackson Mutinda von der Tageszeitung Daily Nation in Nairobi und die FR-Redakteurin Lia Venn tauschen von November bis Ende des Jahres ihren Arbeitsplatz.
Journalistinnen und Journalisten von drei weiteren deutschen Medien und vier aus dem Ausland berichten für einige Wochen über Politik, Kultur und Alltag der anderen Stadt. Vergangenes Jahr gab es die Premiere der "Nahaufnahme", damals mit FR-Redakteur Martin Müller-Bialon in Beirut.
Vor einigen Tagen, als ich auf dem Weg zum Nation Centre am Norfolk vorbeikam, wischten Angestellte die Straße vorm Hotel, mit Wasserschlauch und Schrubber. Trotz der Dürre in diesem Jahr und Wasserrationierung in manchen Teilen der Stadt. Einige Slums haben gar kein Wasser. Passanten, die aus den weiter entfernt liegenden Slums oft stundenlang zu Fuß zur Arbeit in die Stadt gehen, liefen mit ihren offenen Sandalen durch das abfließende Wasser. Das Norfolk gehört zu den "Leading Hotels of the World". Glückwunsch.
Das Hotel, inzwischen "Fairmont The Norfolk", gehört zu Nairobi etwa so, wie die Furt der Franken zu Frankfurt. Im Jahr 1899 erreichte die Ugandabahn das Eisenbahncamp am Nairobi River, der Beginn Nairobis. Die Stadt wuchs, 1905 löste sie Mombasa als Hauptstadt ab. Das Norfolk gab es da bereits. Das Luxushotel öffnete Weihnachten 1904, ist also da, seit es Nairobi gibt. Wer damals auf der Terrasse frühstückte, schaute noch in die weite kenianische Ebene, nicht auf die Grundstücke von KBC, der Kenya Broadcasting Corporation, und dem National Theatre. Im Norfolk speisten Königin Elizabeth II., Karen Blixen und die gesamte weiße Siedlermischpoke. Nach dem legendären Lord Delamere, politischer Anführer der Siedler, ist heute die Bar benannt. Eigentlich ungeheuerlich, war Delamere doch kein unwichtiges Rad in der Unterdrückungsmaschinerie der Kolonialherren über die Schwarzen.
Planlos im Plan
Aus dieser Zeit stammt auch die Aufteilung Nairobis in die Viertel der Reichen in den kühleren, hügeligen Wäldern und Lichtungen westlich der Eisenbahnlinie, und in die Viertel der Armen. Die Afrikaner, die nicht in den Dienerquartieren ihrer Arbeitgeber lebten, siedelten sich - illegal, also auch ohne schützende Rechte - östlich der Eisenbahn im trockenen Flachland an, das später Eastlands wurde.
In Nairobi gibt es vielleicht ein oder zwei Generationen, die von hier stammen. Ihre Familien aber kamen von überall her, aus Europa, Somalia, Nubien, Kenia. Diese Stadt, nicht Kenia, hat eigentlich keine Kultur des Erinnerns in eine weit zurückreichende Vergangenheit. Noch vor rund 100 Jahren war hier ein Wasserloch, an dem die Massai ihre Rinder tränkten. Nairobi ist ohne jede Stadtplanung entstanden. Und wächst stetig weiter.
Planlos scheint hier vieles. Vor einigen Wochen wurden in einer Straße alle Palmen ausgerissen, es sollte ein Mosaik gelegt werden. Dann kippte man den Plan, seit einigen Tagen pflanzen Arbeiter genau an derselben Stelle wieder Palmen, natürlich Setzlinge, nicht größer als eine aufrechte Obstkiste. Die alten Palmen waren groß und eindrucksvoll. "Schade", sagt Tairus, der Taxifahrer, der die Geschichte erzählt.
"This car is always running"
Wer sich in Nairobi aufhält, bringt es im Lauf der Zeit auf eine beachtliche Sammlung von Taxi-Visitenkarten. Am Ende der Fahrt heißt es immer: "I want to give you my card, please call, if you need Taxi. Safe trip, good price." Tairus teilt sich sein Taxi mit seinem Sohn, schläft der Vater, fährt der Sohn und umgekehrt. "This car is always running", sagt Tairus und schmunzelt.
Zurück im Appartement schlage ich die Zeitung auf. Bei den Todesanzeigen entdecke ich "Rtd paramount Chief Jonathan Maora Ole Lolpisia, geboren 1894, gestorben 2009. Mann, der war ja 115 Jahre alt oder wie? Hatte 94 Enkel und 35 Urenkel. Ein Massai. "Es weiß doch keiner, wann der Mann wirklich geboren wurde, das ist nur eine Schätzung", erklärt mir Anne aus dem Goethe-Institut. Tatsächlich steht meist nur ein Geburtsjahr, wenn überhaupt, in den Anzeigen, oder nur das Sterbedatum.
Aber nur weil dies die letzte Woche in Nairobi ist, muss ich ja nicht gleich morbid werden.
Suaheli des Tages: Nafasi heißt Zeit.

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