Auf der Werkband leuchtet ein gläserner Weihnachtsbaum, ein roter Glasengel bläst vom Bande baumelnd die Trompete und auf einem Tischchen wartet eine Krippengesellschaft auf die Fertigstellung des Jesuskindes. Wir sind in einem kleinen Wunderland, Kitengela-Glas, ein Dorf für 80 Menschen und Produktionsstätte bunter Glaskunst, die auch in der Hauptstadt verkauft wird. Und zu sehen ist: an Fassaden oder als Empfangsdesks wie in der Alliance Francaise.
"Die Weihnachtsproduktion ist besonders wichtig", sagt die Erschafferin dieses besonderen Ortes, Nani Croze. "Wenn wir nicht genug davon auf dem Markt am 1. Dezember verkaufen, kann ich meinen Leuten keine Weihnachtsbonifikation schenken." Nani Croze, Tochter des deutschen Malers HAP Grieshaber, lebt seit 30 Jahren in Kenia.
Die Frankfurter Rundschau beteiligt sich an dem journalistischen Austauschprojekt "Nahaufnahme" des Goethe-Instituts. Jackson Mutinda von der Tageszeitung Daily Nation in Nairobi und die FR-Redakteurin Lia Venn tauschen von November bis Ende des Jahres ihren Arbeitsplatz.
Journalistinnen und Journalisten von drei weiteren deutschen Medien und vier aus dem Ausland berichten für einige Wochen über Politik, Kultur und Alltag der anderen Stadt. Vergangenes Jahr gab es die Premiere der "Nahaufnahme", damals mit FR-Redakteur Martin Müller-Bialon in Beirut.
Sie ist eine gebende, auch fordernde Frau - und nicht knausrig: Ihr ganzes Herz hat sie bereits "ihren Leuten" geschenkt, dem Land Kenia und ihren Tieren. Wer Kitengela nach rauer Fahrt über buckelige, roterdige Pisten erreicht, wird von gemütlich drein schauenden Kamelen freundlich Richtung Eingang begleitet. Ihre 66-jährige Hüterin kümmert sich außerdem um Kühe, Pferde, Schweine, Hühner und Hunde. "Beim letzten Zählen waren es elf Hunde, den Leoparden hier schmecken sie leider sehr gut."
Gegen die Paviane, die am Abend von den Bäumen aufs Gelände rasen, sind Gitter angebracht, auch gegen die Klippschliefer, "die süßen Kerlchen". Just haut der große Rottweiler ab. "Tolstoi! Toolstoi! Leave the cat!" Alle Hunde von Nani Croze haben russische Namen. Denn: "Das sind doch alles Russen." Ja dann. Tolstoi kommt zurück, sieht sauer aus, bleibt aber jetzt bei Nani Croze. Sie kam schon 1968 nach Ostafrika, vor 30 Jahren dann nach Kenia - und blieb. Wegen eines Kinderbuches.
"Das Geld reicht nie"
"Kennen Sie nicht Monika fährt nach Madagaskar? Das war der Grund, herrliches Buch. Danach wollte ich nach Afrika." Sie studiert Englisch, Biologie, "ja,mal so ein bisschen, aber eigentlich bin ich für alles untauglich, außer für Kunst und Brot backen". Sie erzählt so schnell und springt von einem Thema zum nächsten, dass man quasi die Luft anhält. "Dann war ich bei Konrad Lorenz Gänsemädchen und ein gewisser Harvey Croze der Krähenmann. Und hieß ja auch noch so, da konnte ich nicht widerstehen." Sie heiratet Croze (engl. Krähe), der zum Studium von Elefanten in der Serengeti aufbricht. Endlich Afrika.
"Wir planten, durch Afrika wieder nach Europa zu reisen, aber dann kamen drei Kinder, die passten nicht mehr ins Auto, also hielten wir an und blieben." Ihr Mann bekommt eine Stelle an der Universitat Nairobi. "Aber das Geld reichte nie, deshalb fing ich mit der Kunst an." Sie malt zunächst Ölbilder, Tiermotive. "Ein Bild rutschte aber mal komplett von der Wand, die Termiten hatten alles gefressen, das reichte mir dann." Sie beginnt mit Betonreliefs, "die frisst keiner". Ein Freund kommt auf die Idee, sie solle es mal mit Buntglas versuchen, es würden doch so viele Kirchen gebaut. Stimmt, denkt sich Nani Croze und geht drei Wochen nach England, um die Glasbläserkunst zu erlernen, "ein weiteres Jahr lang habe ich es mir dann selbst beigebracht".
Biogas und Solarkraft
Eines Tages trennt sich das Paar, die Krähe fliegt davon, "aber ich fand einen neuen Mann und der schenkte mir einen Schmelzofen". Sie müssen aus dem gemieteten Haus ausziehen und Nani Croze erfährt, dass ein alter Massai Land zu verkaufen hat. Sie kaufen, Parzelle für Parzelle, wie eben Geld da ist, und leben erstmal im Zelt.
So entstand Kitengela, wahrhaftig Stück für Stück. Inzwischen ist das Dorf mit vielen kleinen Hütten nahezu autark, "ich habe Biogas und Solarkraft". Nani Croze ist ebenso stolz auf das, was sie geschaffen hat, wie sie Spaß daran hat. Aber sie hat auch eine Sorge: "Manchmal denke ich darüber nach, was aus dem Ort und vor allem den Menschen hier wird, wenn mich doch mal ein Matatu erwischt." Die rasenden, oft in Unfälle verwickelten Mini-Vans sollten lieber einren großen Bogen um Kitengela machen.
80 Menschen haben durch Nani Croze Lohn und Brot, Bildung in der von ihr gegründeten Steiner-Schule, in die inzwischen 300 Kinder gehen. So direkt wie das Engagement eines Menschen vor Ort kann keine Entwicklungshilfe greifen. Ihr Projekt braucht weitere Stifter, "die auch nach mir weitermachen".
Die Arbeitsräume sind inzwischen abgeschlossen. Der kenianische Abend legt sich über die Glaslandschaft. Und? Feierabend? "Ich? Nie! Jetzt gehe ich erstmal eine Runde mit den Hunden." Tolstoi hält das für angemessen.
Suaheli des Tages: Kuishi heißt leben.

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