In der Reformationszeit haben sie es als Schnickschnack der Katholiken abgetan. Das Pilgern wurde von Martin Luther und Co. kritisiert, weil damit in Verbindung mit dem Ablasshandel viel Missbrauch betrieben wurde. Dann entstand ausgerechnet aus einem DDR-Trend so etwas wie eine evangelische Pilgerbewegung in Deutschland.
Mittlerweile gibt es in Hessen den Elisabethpfad, den ökumenischen Pilgerweg Hessen und sein Pendant St. Jost im Fischbachtal, Odenwald. Dabei sei es gar nicht so wichtig, historisch genau einen Weg abzugehen, meint Paul Martin Clotz. Der ehemalige Pfarrer für "Geistliches Leben" der Evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau hat das Pilgern berufsbedingt entdeckt, wie er sagt. Er hat mitgeholfen, den Elisabethpfad in Hessen zu errichten. "Eigentlich kann man überall pilgern, wo gute Quartiere in der Nähe sind. Es ist der innerliche Weg, auf den es ankommt." Es ist das Unterwegssein mit und zu Gott, wie er es nennt: "Christ-Sein ist Unterwegs-Sein." Allerdings seien die evangelischen Pilger viele Jahrhunderte zu Hause geblieben.
Es war zu DDR-Zeiten, als sich die ersten evangelischen Geistlichen wieder auf den Weg machten. Im grenznahen Eichsfeld in Thüringen gab es eine ambitionierte katholische Kirche, die regelmäßig zu Wallfahrten aufbrach. Als die Grenzen innerhalb des sozialistischen Staatenblockes geschlossen wurden, mussten aber neue Wallfahrtsstätten gefunden werden. Die Geburtsstunde der Marktwallfahrt. Dort pilgerten auch irgendwann evangelische Teilnehmer mit, für die in einem nächsten Schritt auch evangelische Geistliche mitgingen.
Auf dem Boden übernachten
Paul Martin Clotz entdeckte seine Freude am Unterwegs-Sein bei der "Mecklenburg-Wallfahrt", einer ökumenischen Pilgerwanderung, die es bis heute gibt. 1996 pilgerte er erstmals mit einer Gruppe vom Kloster Altenberg bei Wetzlar nach Marburg, zur Elisabethkirche. Auf einem Wanderweg, den der oberhessische Gebirgsverein errichtet hatte - in Anlehnung an einen Pfad, den Elisabeth ging, um ihre jüngste Tochter Gertrud im Kloster zu besuchen.
Einmal unterwegs zu Gott, ging es immer weiter. Die evangelische Landeskirche in Hessen und Nassau griff die Idee des Pilgerns auf und lud zu einer Wanderung ein. Man lief immer zwei, drei Tage, jedes Mal eine andere Strecke rund um das Gebiet der Landeskirche . "Wir haben in Gemeindehäusern übernachtet, nebeneinander auf dem Boden. Zum Waschen gab es nur kaltes Wasser. Aber das nimmt man schon in Kauf, so ganz ohne Luxus für ein paar Tage", erzählt Clotz mit einem Schmunzeln.
Von der Jakobsweg-Inflation, wie er es nennt, halte er dagegen nichts. "Es freut mich natürlich, dass so viele Menschen sich vom Pilgern angesprochen fühlen. Und manchmal hat man diese Sehnsucht, ohne zu wissen, was Pilgern ist. Manchmal fehlt aber die Verbindung zu den biblischen Wurzeln." Und manchmal diene ein neu geschaffener Jakobsweg irgendwo in Deutschland nur dazu, den Tourismus in der Region voranzubringen. Das sei unschön, aber die kommerzielle Konkurrent fürchte er nicht: "Ich sage denen dann immer, die Begegnung mit Gott könnt ihr den Menschen nicht verkaufen."

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