Aktuell: FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

24. Januar 2016

VdK-Landesvorsitzender Seif: „Mindestlohn ist eine Notlösung“

 Von 
Bürgernähe und Ehrenamt sind für Karl-Winfried Seif die entscheidenden Eigenschaften des VdK.  Foto: peter-juelich.com

Karl-Winfried Seif ist Landesvorsitzender der VdK, dem größten Sozialverband in Hessen und Thüringen. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau fordert er mehr reguläre Tarifverträge. Den Mindestlohn hält Seif bloß für eine Notlösung.

Drucken per Mail

Karl-Winfried Seif (72) ist für den Sozialverband VdK ehrenamtlich als Landesvorsitzender tätig. Er wurde 1943 in Limburg geboren und war unter anderem hauptamtlich für die Gewerkschaft der Eisenbahner tätig. Im Kreis Limburg-Weilburg arbeitete der Christdemokrat Seif als Sozial-, Gesundheits- und Jugenddezernent. Für die Landesregierung saß er als Staatssekretär sowohl im Sozialministerium als auch im hessischen Umweltministerium.

Herr Seif, der VdK ist der größte Sozialverband in Hessen und Thüringen. Mit 256 456 Mitgliedern hat er gerade einen Rekord verzeichnet. Was macht Ihren Verband so erfolgreich?
Die Bürgerinnen und Bürger nehmen uns als Sozialpartner ernst. Wir können bei vielen Problemen helfen. Durch unsere über 1200 Ortsverbände sind wir überall vertreten. Bei uns liegt der Schwerpunkt auf der persönlichen Beratung von Mensch zu Mensch.

Ist es nicht sehr teuer, so viele Ansprechpartner zu haben? Wie finanziert sich der Verband?
Wir finanzieren uns fast ausschließlich durch unsere Mitgliedsbeiträge. Außerdem haben wir 12 000 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie decken einen großen Teil unserer Infrastruktur ab, machen Verbandsarbeit, aber auch Beratung und setzen sich in der Kommune ein, etwa für Barrierefreiheit.

Wie funktioniert die Qualifizierung, woher haben die Berater ihre Kompetenz?
Unsere Leute sind ja nicht als VdK-Mitglieder auf die Welt gekommen. In unserer Ehrenamtsakademie in Grünberg qualifizieren wir etwa 3000 Ehrenamtliche im Jahr.

Gegründet wurde der Verband vor knapp 70 Jahren als „Verband der Körperbehinderten, Arbeitsinvaliden und Hinterbliebenen“. Gibt es heute noch Kriegsversehrte?
Leider ja. Dadurch, dass die Bundeswehr auch im Ausland tätig ist, etwa in Afghanistan, kommt auch der eine oder andere zu uns. Sie stellen aber nur noch knapp ein Prozent unserer Mitglieder.

Wie ist die Altersstruktur Ihrer Mitglieder?
Derzeit liegt das Durchschnittsalter bei 62 Jahren. Es kommen aber immer mehr jüngere Menschen zu uns.

Was sind die häufigsten Probleme der Jüngeren?
Da gibt es etwa die Frage, wie gehen die Krankenkassen mit uns um. Was machen wir nach einem Unfall? Oder das Gefühl, dass sie zu wenig verdienen. Stichwort Mindestlohn, den haben wir als VdK mit angestoßen. Unsere Forderung waren übrigens zehn Euro die Stunde.

Jetzt sind es 8,50 Euro geworden. Reichen die aus?
Wer 8,50 Euro verdient und im Monat 160 Stunden arbeitet, kommt auf etwa 1300 Euro brutto. Das macht knapp 900 Euro netto. 900 Euro werden aber auch für die sogenannte Grundsicherung veranschlagt, wenn man Miete und Strom mit einrechnet.

Kann man mit 900 Euro in Frankfurt leben?
Das wird ganz eng. Wir haben in Deutschland 1,5 Millionen Menschen, die an den Tafeln ihre Mahlzeiten einnehmen. Die Not wird groß und größer.

Deutschland ist doch ein wohlhabendes Land.
Das stimmt nur dem Schein nach. Deutschland ist gespalten. In Hessen haben wir eine Altersarmut von etwa 15 Prozent. Jedes sechste Kind in Deutschland bekommt Hartz IV.

Wie definieren Sie Altersarmut?
Maßstab ist die offizielle Armutsgrenze, derzeit um die 900 Euro.

Bedeutet das, dass jemand der ganztags arbeitet und nach dem Mindestlohn bezahlt wird, nicht mehr Geld zur Verfügung hat als der Nachbar, der von der Grundsicherung lebt?
Deshalb sage ich, der Mindestlohn ist eine Notlösung. Was wir brauchen sind Tarifverträge, Festanstellungen, weniger Minijobs und weniger Zeitverträge. Wir bräuchten einen Mindestlohn von 11,50 Euro, um halbwegs vom Lohn leben zu können und der Altersarmut vorzubeugen.

Mischt sich der VdK in die Kommunalpolitik ein?
Die Sozialpolitik findet ja überwiegend vor Ort statt, etwa wenn es um die Pflege geht. Ambulante Pflege, pflegende Angehörige, stationäre Einrichtungen, nicht-barrierefreie Arztpraxen. Da sehen wir eine Reihe von Defiziten, die unsere Ortsverbände auch vortragen.

Wie sieht das in Frankfurt aus?
Wir sind kritisch, arbeiten aber auch konstruktiv mit der Politik zusammen. Wohnungen sind für uns ein wichtiges Thema.

Was liegt Ihnen noch am Herzen?
Ich komme aus dem ländlichen Bereich. Frankfurt muss auch an die Region jenseits des Ballungsraums denken. Dem Wachstum in Frankfurt sind Grenzen gesetzt. Wir brauchen Arbeitsplätze auch in anderen Regionen, dort wo die Menschen wohnen.

Aber das entscheiden nicht die Politiker, sondern Unternehmer.
Ich sehe den größeren Zusammenhang. Wachstum hat Grenzen und muss gesteuert werden.

Interview: Friederike Tinnappel

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Von Hanau über Offenbach bis Wiesbaden, von Friedberg über den Taunus bis nach Darmstadt: Die Frankfurter Rundschau berichtet mit ihren Redaktionen vor Ort aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.


Auch unterwegs auf dem Laufenden:
„FR News“ –
die App für Ihr Smartphone.

Für iPhone und Android-Handys.
Jetzt downloaden!

In eigener Sache

FR erweitert den Regionalteil

Aus der Produktion unseres neuen Regionalteils.

Darf’s ein bisschen mehr sein? Kein Scherz, vom Wochenende an bekommen Sie in Ihrem Lokal- und Regionalteil mehr Frankfurter Rundschau als bisher. Und etwas anders wird sie auch, ihre FR.  Mehr...

Twitter

Anzeige

Altenhilfe der FR
Altenhilfe

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

ANZEIGE
- Partner