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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

21. Januar 2016

Velomobil: Treten für den Klimawandel

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In der Stadt so schnell wie ein Auto, nur wendiger.  Foto: Alex Kraus

Ingenieur Wulf Kraneis hat ein Velomobil ausgebaut, mit dem er manches Auto abhängt. Mit dem gelben Flitzer lebt der 52-Jährige seine persönliche Energiewende. Und er möchte anderen zeigen, wie die Zukunft auf Deutschlands Straßen aussehen könnte.

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Der gelbe Milan sirrt sehr leise. Zwischen Transportern, Limousinen und Lastwagen auf der zweispurigen Ausfallstraße in Darmstadt ist das Geräusch nicht zu hören. Vielleicht hat der Motor abgeschaltet, denn es geht auf ebener Fahrbahn Richtung Weiterstadt entlang. Der Milan reiht sich in die Linksabbiegerspur ein, holt aus, um im rechten Winkel die Bahngleise zu passieren. Ein leichtes Zucken der Karosserie, mehr ist von außen nicht zu sehen. Das Holpern über Schienen und Furchen merkt nur der Mann am Steuer. Passanten sehen ihn, wenn er an einer Ampel kurz das Verdeck anhebt, um Neugier zu befriedigen oder freundlich zu winken. Das Signal schaltet auf Gelb, Klappe zu, Antritt und er schießt los, gefühlt schneller als ein durchschnittlicher Mittelklassewagen, mit dem man schon einen Kavaliersstart hinlegen müsste, um auf vergleichbare Beschleunigungswerte zu kommen.

Der Mittelklassewagen kommt auch außerhalb des Stadtverkehrs kaum hinterher. Auf der Landstraße zwischen Roßdorf und Darmstadt geht der dreirädrige Renner, der aussieht wie die flügellose Kabine eines Segelfliegers, lässig in die Kurven, düst Brücken hoch und runter und fädelt sich an Auffahrten mühelos in den dichten Strom der Autos ein. „Man muss mit dem Verkehr rollen, das gibt Sicherheit“, sagt Wulf Kraneis, als er sich aus dem knapp 70 Zentimeter breiten, voll verkleideten Liegerad stemmt. Der 52-Jährige ist gelenkig und sportlich, das muss man sein, wenn man mit dem Velomobil seine persönliche Energiewende lebt und anderen zeigen möchte, wie die Zukunft auf Deutschlands Straßen aussehen könnte, wenn Politik, Verbraucher und Autoindustrie den Klimawandel und die Bekenntnisse zur CO2-Reduktion ernst meinen würden.

Die Zahlen klingen gut: Sein mit viel Ingenieursverstand aufgerüstetes Velomobil, sagt Kraneis, benötige auf 100 Kilometern 0,6 bis 0,8 Kilowattstunden, ein Auto auf derselben Distanz das 25- bis 30-fache. Gerade für Kurz- und Mittelstrecken, ob zum Einkaufen oder zur Arbeit, sei das Velomobil eine ideale Alternative. „Man bleibt sauber und trocken, kommt ähnlich schnell wie mit dem Auto ans Ziel und fördert mit Bewegung die Gesundheit“, sagt er. Sein Gefährt gilt rechtlich als Fahrrad mit Verkleidung. Wie ein Pedelec darf es bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern motorunterstützt fahren, für Radfahrer mit Muskelkraft gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Auch damit kennt sich Wulf Kraneis aus. Als er nach dem 40. Geburtstag anfing, mehr Sport zu treiben, landete er beim Triathlon. In solchen Wettkämpfen brausen gute Athleten auch mal mit 100 Sachen bergab, was genauso wenig verboten ist wie das Flitzen mit dem Rennrad auf langen Geraden mit Gefälle.

Doch es gibt eine Grauzone. Wenn in Zeiten des E-Bike-Booms fitte Normal-Radfahrer von lockeren Stramplern überholt werden, kontrolliert keiner, ob sie ihr Tempo mit Muskelkraft oder Tuning ihres E-Motors schaffen. Der schaltet zwar offiziell bei 25 Stundenkilometern ab, doch diese Bremse stellt für jeden mäßig begabten Bastler kein unüberwindbares Hindernis dar.

Kraneis hat eine Mission

Wulf Kraneis muss unliebsame Verdächtigungen bei Polizeikontrollen nicht befürchten. Er hat Beweise, dass er ohne Motor schnell fahren kann. Vor zwei Jahren nahm er an der Weltmeisterschaft der Velomobilfahrer teil und schaffte 85 Stundenkilometer. Ein Jahr lang hielt er außerdem den Zwölf-Stunden-Weltrekord für muskelkraftbetriebene Fahrzeuge, so lange war er 2014 auf einer Rennstrecke gekreist und hatte insgesamt 676 Kilometer zurückgelegt, ein dauerhafter Schnitt von bald 60 Stundenkilometern – das beeindruckt jeden Verkehrspolizisten. Dennoch geht es Kraneis nicht um sportliche Lorbeeren. Der Mann hat eine Mission, die ihn schon bei der Berufswahl antrieb. Geboren in Leverkusen, studierte er Maschinenbau und spezialisierte sich auf Energietechnik, „weil ich mich geärgert habe, dass die deutschen Kraftwerke damals nur 33 Prozent Wirkungsgrad hatten“, sagt er. So gesehen war er schon immer ein Grüner, auch wenn er nie Politiker sein könnte. „Ich möchte Erkenntnisse über dringend nötige Veränderungen in konkrete Taten umsetzen“, sagt er.

Wulf Kraneis und sein gelber Flitzer.  Foto: Alex Kraus

Mit dem Rad war er schon als Kind viel unterwegs. Später kam Geschwindigkeitsaffinität mit Sachverstand und dem Ärger über von der Autoindustrie gesteuerte Verkehrspolitik zusammen. Sein erstes Velomobil kaufte er sich 2010, aus der Erkenntnis heraus, dass ein Radfahrer am stärksten vom Luftwiderstand des eigenen Körpers ausbremst wird. Die aerodynamische Hülle des Milans minimiert dieses Hindernis sehr effektiv. Auf einer Strecke, die etwa zwei Prozent Gefälle hat, schaffe das Fahrzeug aufgrund seiner optimalen Form 100 Stundenkilometer, sagt Kraneis, „ ganz ohne zu treten“.

Die Hülle aus Carbonfaser und das Fahrwerk hat der Ingenieur fertig vom Velomobil-Hersteller Räderwerk aus Hannover erworben, das Innenleben entstammt seinem technischen Geschick. Im Fahrzeug kann man mühelos Akkus für über 400 Kilometer Reichweite unterbringen. Die Zellen sind die gleichen wie im Premium-Elektroauto Tesla. Der Motor von der Größe einer Konservendose, der sich unter der Lenkstange versteckt, lässt sich mit einem zwei Gramm leichten Minihebel am Lenker zuschalten. Ein paar Kabel führen an den Seiten entlang.
Der Milan hat auch Seitenspiegel, daran zwei Blinker, Vorderlichter und einen starken Strahler auf dem Heck, mit dem er auf sich aufmerksam macht. Trotzdem: In nur etwa 80 Zentimetern Höhe bewegt sich der Fahrer knapp über Auspuffhöhe der Autos, kann bei Spurwechseln schnell in tote Winkel geraten und von Rückwärtsfahrern leicht übersehen werden.

Sicherheit zählt denn auch zu den häufigsten Fragen von Skeptikern, die Kraneis gern mit einem Vergleich beantwortet. Wer im SUV frontal gegen einen Lastwagen prallt, zieht auch den Kürzeren. „Deswegen kann ja nicht jeder Lastwagen fahren, absolute Sicherheit auf der Straße gibt es nicht“, sagt er. Nur einmal ist ihm einer rückwärts gegen die Karosse gefahren, seitdem hält er mindestens fünf Meter Abstand, ist immer aufmerksam und für alle Fälle hat der Milan eine wirkungsvolle Hupe, die der durchdringenden Sirene einer amerikanischen Ambulanz nachempfunden ist. Solche Töne sind im Straßenverkehr nicht erlaubt, doch bei Lebensgefahr würde Kraneis darauf keine Rücksicht nehmen.

Geringer Komfort

Komfortansprüche darf man nicht haben. Zwar schützt die Hülle vor Nässe, doch je nach Einsatz feuchtet Schweiß vom Treten die Luft an. Wo die Haube aufsetzt, kann bei Starkregen auch mal Wasser eindringen. „Das passiert selten“, sagt Kraneis, „bei uns gibt es außerdem gar nicht so viele Regentage.“ Er fährt fast nur noch Velomobil, zum Einkaufen, zu Freunden, in die Stadt, manchmal auch weite Strecken, zu Kunden oder zu einer Tagung an den Bodensee. Dann wird das Gepäck in wasserfeste Beutel gestopft und im knappen Stauraum hinter und neben dem Fahrersitz deponiert. Der Anzug wird zusammengerollt. „Aber den braucht man heutzutage kaum noch.“ Kraneis, der eine Firma hat, muss für Geschäftstermine zu Kunden in Übersee auch mal in den Flieger steigen. Immerhin, sagt er, sparten die Kühlanlagen für Gasturbinen, die sein Unternehmen herstelle, mehr CO2, als er beim Fliegen verbrauche. Sein Wohnhaus produziert auch mehr regenerativ erzeugte Energie, als es verbraucht. „Mein CO2-Verbrauch liegt daher eher unter zwei Tonnen im Jahr“, sagt er.

Kraneis will zeigen, was geht und was verkehrstechnisch möglich sein könnte, wenn ein Bruchteil der Forschungskapazitäten der Autoindustrie in die Weiterentwicklung alternativer klimafreundlicher Gefährte fließen würde. Derzeit tüftelt er an einem Zweisitzer, für den es auch Forschungsgeld gibt. Den möchte er für den Straßenverkehr zulassen, trotz vieler bürokratischer Hürden, die es noch zu überwinden gilt, zum Beispiel muss das Nummernschild seitlich am Heck kleben, weil es hinten, standardmäßig montiert, den Fahrtwiderstand fast verdoppeln würde.

Doch selbst wenn die Zulassung mit dem Wohlwollen von aufgeschlossenen TÜV-Beamten gelingen sollte – in Serie dürfte ein solches Gefährt in nächster Zeit kaum gehen. In ganz Europa, sagt Kraneis, gebe es derzeit etwa 2000 Velomobilfahrer. Ein Fahrzeug für die Masse ist der Milan nicht. Aber das kann ja noch werden.

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