Frau Schauff, es ist früher Nachmittag. Was haben Sie gegessen?
Da ertappen Sie mich bei einer seltenen Sünde, denn ich bin bisher nicht dazu gekommen.
Andrea Schauff, 51, arbeitet bei der Verbraucherzentrale Hessen im sechsköpfigen Ernährungsteam. Sie ist Ernährungswissenschaftlerin.
Essen mit allen Sinnen heißt eine der vielen Fortbildungen und Workshops des Vereins - es dreht sich um richtige Kinderernährung. Auch "Fit Kid - die Gesund-Essen-Aktion in Kitas", das Gruppen-Lernspiel "Powerkauer - Alles über heimisches Obst und Gemüse" oder das Kita-Aktionsprogramm "Joschi hats drauf" gehören beispielsweise zu den Angeboten.
Termine finden sich im Internet unter www.verbraucher.de oder sind unter Telefon 01805/972010 zu erfragen.
Es geht also selbst einer Ernährungsexpertin in der hektischen Region so, dass sie keine Zeit dafür hat?
Leider ja, wenn sich Termin an Termin reiht. Aber wenigstens habe ich gut gefrühstückt.
Was gab es denn?
Vollkornbrote mit Käse und später noch zwei Äpfel. Das kann auch ein Müsli mit Obst sein, je nachdem. Ein Muss für mich morgens sind zusätzlich ein Cappuccino und ein Glas Wasser. Außerdem nehme ich mir meistens ein zweites Frühstück mit ins Büro, zum Beispiel Obst oder Kohlrabi und Möhren.
Haben Sie Kinder?
Ja, einen zwölfjährigen Sohn. Üblicherweise gehe ich nach ihm aus dem Haus, aber ich versuche schon, dass wir zusammen frühstücken. Er kriegt auch Vollkornbrot, zum Beispiel mit Kräuterquark, Wurst oder Käse oder Vollkornflocken mit Obst, je nachdem. Und wenn er keine große Lust hat, trinkt er wenigstens eine warme Milch oder einen Kakao, um eine Basis zu schaffen. Kinder brauchen morgens einen Energie-Anschub, um sich in der Schule konzentrieren zu können.
Ansonsten bleibt sein Magen an solchen Unlust-Tagen vormittags leer?
Auf keinen Fall. Ich gebe ihm dann ein größeres Schulfrühstück mit, zum Beispiel Möhren, Äpfel und Birnen in mundgerechten Schnitzen plus Vollkornbrötchen.
Frau Schauff, warum schaffen es trotz des Booms von Kochsendungen immer weniger Menschen, richtig zu kochen und sich vernünftig zu ernähren - ist es Stress, Dummheit, Geldknappheit oder eine Mischung aus allem?
Es gibt eine Vielfalt von Gründen. Der Alltag ist hektischer und anders strukturiert. Oft sind beide Eltern berufstätig und die Kinder werden außer Haus verpflegt, zum Beispiel bei der Tagesmutter oder in der Kita. Die Familienmitglieder kommen und gehen oft zu ganz unterschiedlichen Zeiten.
Mahlzeit.
Eben. Gerade hier in der Frankfurter Innenstadt rennen mittags viele, falls überhaupt, schnell raus, um sich einen Snack zu holen.
Aber zuhause gibt es dann abends wenigstens was Gutes?
Leider nein. Auch da mangelt es insbesondere bei jungen Leuten oft an Alltagskompetenzen. Fertigprodukte sind die Regel. Frische, unverarbeitete Lebensmittel kommen zu kurz, weil das Zubereitungswissen fehlt. Das Angebot weiterverarbeiteter Lebensmittel ist enorm gestiegen, und ebenso sind es dessen Gefahren. Vier Fünftel der Fett- und Zuckermengen, die Leute zu sich nehmen, sind im Verborgenen, die erkennen sie beim Einkauf gar nicht in der Zutatenliste, weil sich zum Beispiel Zucker dort hinter verschiedensten Bezeichnungen versteckt.
Aber Wellness-Müsli für Erwachsene, Frühstücksflocken für Kinder und Vitamine zum Naschen, das klingt doch toll.
Es ist fatal, gerade in den speziell für Kinder aufgepeppten und beworbenen Lebensmitteln steckt oft enorm viel Zucker. Schon eine Portion Kinder-Flakes enthält die Menge von rund sechs Zuckerwürfeln. Diese Produkte sind für Kinder völlig ungeeignet. Ein Glas Limo bringt gleich sieben Zuckerstückchen. Und die Wellness-Flakes für Erwachsene bringen statt Wohlbehagen gleich 82 Zuckerwürfel pro 750-Gramm-Packung.
Essen ist auch ein Bildungsproblem?
Gewiss. Nach aktuellen Studien treiben Hersteller ein großes Versteckspiel. Sie tarnen Fettfallen und Zuckerbomben. Unaufgeklärte Verbraucher sind dem hilflos ausgeliefert. Deshalb setzen wir uns für Ernährungsbildung schon im Kleinkindalter und für klare, leicht verständliche Lebensmittel-Kennzeichnung ein. Mit ihr kämen viel mehr Menschen als jetzt den gefährlichen Dick- und Krankmachern auf die Spur.

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