Spurlos sind die Zwangsarbeiter nicht verschwunden. Auch wenn jahrzehntelang niemand mehr davon sprechen wollte, dass auch die Staatsdomäne im nordhessischen Frankenhausen vom nationalsozialistischen System der Zwangsarbeit profitiert hat: Was die vornehmlich aus Polen und der Sowjetunion verschleppten Menschen damals in die Wände des Scheunenbodens ritzten, hat bis heute überdauert.
Weit über hundert Zwangsarbeiter wurden während des Zweiten Weltkriegs in dem landwirtschaftlichen Großbetrieb ausgebeutet. Aus sieben Ländern kamen sie, nahezu jeder Zweite war jünger als 25 Jahre alt und manche sogar noch minderjährig. Sie litten Hunger und Kälte, waren Willkür und Gewalt ausgesetzt und schufteten tagein, tagaus, um das 300 Hektar umfassende Gut zu bewirtschaften und die gepriesene „Frankenhäuser Vorzugsmilch“ zu produzieren.
Etwa 13,5 Millionen Menschen aus ganz Europa wurden im Zweiten Weltkrieg als „Fremdarbeiter“ nach Deutschland deportiert. In der Landwirtschaft leistete 1944 jeder zweite Beschäftigte Zwangsarbeit.
Die Universität Kassel will auf die
nationalsozialistische Vergangenheit künftig nicht nur auf der Staatsdomäne Frankenhausen, sondern auch auf dem Kasseler Campus hinweisen: Die Hochschule nutzt das ehemalige Gelände der Henschel-Rüstungsfabrik, wo ebenfalls Zwangsarbeiter eingesetzt waren.
Und um die Erinnerung an die Opfer wach zu halten
Jetzt endlich erinnert mehr an sie als nur die Namen und Jahreszahlen, die sie selbst in den Putz des Kuhstalls kratzten: Am heutigen Freitag wird auf der Domäne ein aus sieben Informationstafeln bestehender Rundgang eröffnet.
„Zwangsarbeit war im Nationalsozialismus auf Bauernhöfen allgegenwärtig“, sagt die Studentin Hannah Fritsch. „Hinterher wurde das verdrängt und verschwiegen.“ Nicht nur, aber auch in Frankenhausen. Um das zu ändern, hat Fritsch mit einer dreiköpfigen Projektgruppe zwei Jahre lang recherchiert, hat in Archiven und Gedenkstätten Dokumente gesichtet und nach Zeitzeugen gesucht. Als „politisches Projekt“ versteht die 25-Jährige dieses Engagement: „Ich beschäftige mich mit der Geschichte, um die Zukunft zu beeinflussen.“ Um dafür zu sorgen, dass ein derartiges Verbrechen nicht wieder geschieht. Und um die Erinnerung an die Opfer wach zu halten.
Die Aufarbeitung kam zu spät
Überlebende Zwangsarbeiter aus Frankenhausen ließen sich allerdings nicht mehr aufspüren. Dafür kam die Aufarbeitung zu spät. Denn für ihre Geschichte interessiert sich die Domäne erst, seit sie 1998 als Lehr- und Versuchsbetrieb von der Universität Kassel übernommen wurde. Vorher, sagt Geschäftsführer Christian Krutzinna, war der Hof fast 90 Jahre lang an dieselbe Familie verpachtet. „Und die hatte nicht unbedingt das Interesse, die eigene, nicht immer nur rühmliche Vergangenheit bekanntzumachen.“ Heinrich Schultheis, Pächter in der NS-Zeit, war SA-Obertruppführer und bereits 1932 in die NSDAP eingetreten. „Ein strammer Nazi“, meint Krutzinna.
Wie in Frankenhausen wurde (und wird) auch andernorts über den Einsatz von Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft geschwiegen. „Das Thema“, sagt Werner Troßbach, Professor für Agrargeschichte an der Universität Kassel und wissenschaftlicher Betreuer der Projektgruppe, „ist in Hessen allgemein noch stark unterbelichtet.“ Eine Auseinandersetzung wie jetzt in Nordhessen hat jedenfalls noch keine der rund 50 hessischen Staatsdomänen geleistet. Wenn die NS-Zeit überhaupt einmal Erwähnung findet, dann geschieht das so wie beim Baiersröderhof in der Wetterau: Zwischen 1933 und 1945 verzeichnet deren Chronik einen Pächterwechsel sowie die Anschaffung zweier Trecker. Mehr nicht.

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