Können Urlauber auf ihr Auto verzichten, wenn sie sich in hessischen Tourismusorten erholen?
Im Moment funktioniert das eigentlich nur im Hohen Vogelsberg. Der Vulkanexpress, ein Netz von sechs Buslinien, die den Vogelsberg streifende Bahnlinien anbinden, erschließt sehr gut den Hoherodskopf, von dem aus viele Rad- und Wanderwege losgehen.
Swen Schneider leitet das Projekt "Natürlich unterwegs!" beim Landesverband Hessen des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) in Kassel. Der 32-Jährige, der in Kassel wohnt, studiert dort Stadtplanung.
Ziel des Projekts ist die Förderung des sanften Tourismus in Hessen. Bisher wurde untersucht, wie die Naturparks ohne Auto erreichbar sind und wie das Angebot beworben wird. Gewinner- region ist der Hohe Vogelsberg.
Zum Abschluss des Projekts sollen im Mai auf einer Tagung auf dem Hoherodskopf Konzepte für Tourismuspraktiker erarbeitet werden.
Und wie sieht es in den anderen Regionen aus?
Im Rahmen unseres Projekts "Natürlich unterwegs!" haben wir ausprobiert, welche Möglichkeiten eine Familie hat, die autofrei Urlaub machen möchte. Wir haben Tourismusbüros angeschrieben und entsprechende Angebote eingeholt. Die Resonanz in den hessischen Naturparks war eher mäßig, nur der Hohe Vogelsberg hat sehr gut gepunktet. Er ist auch Spitzenreiter in der Werbung für sein Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln, deswegen werden wir zum Abschluss des Projekts eine Tagung auf dem Hoherodskopf ausrichten.
Was ist das Ziel des Projekts?
Wir wollen den sanften Tourismus in Hessen fördern, dabei liegt der Schwerpunkt auf der umweltverträglichen Erreichbarkeit der Ziele. Es sollen Kunden angesprochen, aber auch die Akteure vor Ort für das Thema sensibilisiert werden.
Gerade in wenig besiedelten Gebieten ist der öffentliche Verkehr oft schlecht ausgebaut. Wie soll der Reisende ohne Auto die Gegend erkunden?
Das ist schwierig, weil ja gerade auf dem Land in den vergangenen Jahren Bahnlinien ausgedünnt wurden. Die Politik schafft eher Strukturen für Autofahrer und Wegflieger. Aber es gibt Ansätze, wie die blaue Linie im Lahn-Dill-Bergland, der NaTourBus im Odenwald oder ein Ausflugsbus in der Werra-Meißner-Region, die zumindest Teilstücke erschließen. Bei diesen Bussen kann man sein Fahrrad immer kostenlos mitnehmen.
Lassen sich mit dem Etikett "Natürlich unterwegs!" auch für Hessen neue Kundengruppen erschließen?
Ich glaube schon. Das setzt aber voraus, dass das Thema entsprechend vermarktet wird. Der Individualverkehr wird angesichts der Abhängigkeit vom Öl längerfristig immer teurer werden. Wer sich rechtzeitig darauf einstellt und autofreie Strukturen schafft, wird in zehn oder zwanzig Jahren punkten können. In Hessen hängen viele Arbeitsplätze vom Tourismus ab. Statt mit trockenen Zahlen und düsteren Berechnungen zu hantieren, muss man den Leuten den Verzicht auf das Auto schmackhaft machen, so dass sie Lust auf sanftes Reisen bekommen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Die Alpenregion ist bei diesem Thema schon viel weiter. Da gibt es ein alpenweites Netzwerk für sanften Tourismus, dem 22 Gemeinden angehören. Hotels bieten überwiegend Erzeugnisse aus der heimischen Landwirtschaft. Urlauber können Pakete für autofreies Reisen buchen, die bequeme Umsteigeverbindungen enthalten. Das nimmt den Kunden Arbeit ab.
In der Schweiz beispielsweise gibt es seit Jahren beliebte autofreie Urlaubsorte. Sind solche in einigen Jahren auch in Hessen denk bar?
Das ist sicher ein Fernziel, für das sich noch viel bei der Erreichbarkeit bewegen muss. Mit unserem Projekt wollen wir zunächst Diskussionen anstoßen und Empfehlungen für Tourismuspraktiker erarbeiten. Sanftes Reisen darf nicht mit einem verstaubten Öko-Image verbunden sein, sondern sollte ein lustvolles Label werden.
Interview: Regine Seipel

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