Rhein-Main und Hessen
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09. März 2012

Vermisste in Hessen: Warten auf ein Lebenszeichen

Dass die Polizei derart intensiv nach Vermissten suchen muss, ist eher die Ausnahme als die Regel. Foto: dpa

Jedes Jahr werden tausende Menschen in Hessen als vermisst gemeldet - meist Kinder und Jugendliche. Die allermeisten tauchen nach kurzer Zeit wieder auf. Andere bleiben für Monate, Jahre, Jahrzehnte verschollen.

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Vermisste in Hessen

4451 Vermisstenanzeigen hat die hessische Polizei im vergangenen Jahr aufgenommen.

Die Zahlen verteilen sich wie folgt:
Frankfurt 545

Mittelhessen 698

Nordhessen 790

Osthessen 369

Südhessen 973

Südosthessen 394

Westhessen 682
(Quelle: Hessisches Landeskriminalamt)

Es sind jugendliche Dauer-Ausreißer, im Einkaufsgewühl aus den Augen verlorene Fünfjährige oder demente alte Damen - rund 4450 Vermisstenanzeigen nahm die hessische Polizei im vergangenen Jahr auf. „In rund 90 Prozent der Fälle tauchen die Vermissten nach zwei bis drei Tagen wieder wohlbehalten auf“, sagte der stellvertretende Kommissariatsleiter im Darmstädter Präsidium, Jürgen Doroch, der Nachrichtenagentur dpa.

Denn zumeist sind es Jugendliche, die aus Heimen abhauen oder wegen Streitigkeiten aus dem Elternhaus zu Freunden flüchten und sich nicht melden. „Bei Kindern und Jugendlichen werden wir als Polizei aber sofort aktiv - auch wenn eine 17-Jährige zum 23. Mal in diesem Jahr abhaut.“
Während diese Jugendlichen praktisch immer nach kürzester Zeit wieder auftauchen, gibt es aber auch dramatische Fälle - Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte bleiben Angehörige im Ungewissen. So galten Anfang 2012 nach Angaben des Landeskriminalamtes in Wiesbaden (LKA) 90 Menschen in Hessen als langzeitvermisst. Das bedeutet, dass von ihnen seit mehr als drei Monaten jede Spur fehlt und das Landeskriminalamt von Gewaltverbrechen ausgeht. So auch bei drei Kindern, die alle seit Jahrzehnten vermisst werden.

Vermisst seit 40 Jahren

Am längsten verschwunden ist Sabine: Seit Dezember 1972 fehlt von der damals Zwölfjährigen jede Spur. „Am frühen Nachmittag verließ sie die elterliche Wohnung in Wiesbaden, um zu einer Freundin zu gehen. Seitdem wurde sie nicht mehr gesehen“, sagt LKA-Sprecher Siegfried Wilhelm. Überall wurde nach dem Mädchen gesucht, eine Fahndung an die Öffentlichkeit herausgegeben - alles ohne Erfolg. Doch geschlossen werden die Akten nicht. „Sobald sich neue Ansätze ergeben, werden sie wieder geöffnet und es wird weiter ermittelt“, versichert Wilhelm.
„Zum Glück finden Vermisstenfälle von Kindern und Jugendlichen nur selten ein tragisches Ende“, betont Vize-Kommissariatsleiter Doroch. Im Bereich des Polizeipräsidiums Darmstadt mussten die Beamten nach seinen Worten zuletzt im Jahr 1996 Eltern die traurige Nachricht überbringen - damals war die Leiche des 13-jährigen Sebastian Musial entdeckt worden. Zwei Tage zuvor war der Schüler mit seinem Fahrrad zu einem Sportverein aufgebrochen, dort aber nie angekommen. Sechs Jahre später wurde der Täter verhaftet und per Gen-Beweis überführt.
Der wohl spektakulärste Fall der vergangenen Jahre in Hessen war 2002 die Entführung und Ermordung des elfjährigen Bankierssohns Jakob von Metzler. Trotz Zahlung eines Lösegeldes konnte der vermisste Junge nur noch tot gefunden werden.

Die meisten Fälle erledigen sich von selbst

Doroch betont: „Bei Vermissten unter 14 Jahren geht bei der Polizei die rote Ampel an.“ Denn da müsse zunächst davon ausgegangen werden, dass eine Gefahr besteht. „Bei jugendlichen Dauerausreißern gehen wir etwas entspannter an die Sache - die Maßnahmen sind aber immer die gleichen.“ Sobald die Vermisstenanzeige eingeht, schreibt die Polizei das Kind oder den Jugendlichen zur Fahndung aus, überprüft das unmittelbare Wohnumfeld. Ist ein Jugendlicher aus einem Heim betroffen, erledigen dies meist die Träger vor Ort - dann werden alle möglichen Kontaktadressen aufgesucht und weitere Ermittlungen im Umfeld vorgenommen. „Glücklicherweise erledigen sich in dieser Zeit die allermeisten Fälle schon von selbst“, berichtet Doroch.
Nach vermissten Erwachsenen wird dagegen nur gesucht, wenn eine Gefahr für das Leben besteht - denn schließlich kann sich jeder Erwachsener frei bewegen. „Und wenn jemand meint, zum Zigarettenholen zu gehen und einfach ein paar Jahre wegzubleiben, dann ist das nicht Aufgabe der Polizei, ihn zu suchen.“ So käme es auch ab und zu vor, dass ausländische Familien die Ermittler „missbrauchten“, weil beispielsweise eine Schwester aus dem Leben in ihrer Familie aus Überzeugung ausgebrochen ist, erzählt der stellvertretende Kommissariatschef.

Nur jeder fünfte Vermisste ist erwachsen

Nach verschwundenen Erwachsenen wird nur gefahndet, wenn beispielsweise ein Abschiedsbrief gefunden wurde oder eine Erkrankung wie Demenz vorliegt. „Dann kommt nicht selten der Hubschrauber zum Einsatz“, sagt Doroch. Gerade auf dem Land oder in Winterwäldern könnte mit der Wärmebildkamera manch Vermisster aufgespürt werden, der zum Beispiel die Orientierung verloren hat. Insgesamt sind nach Einschätzung von Doroch allerdings unter den jährlichen Vermisstenfällen höchstens 20 Prozent Erwachsene. „Fast alle anderen sind Jugendliche, die aus Frust weglaufen und zurückkommen, sobald ihr Taschengeld aufgebraucht ist.“ (dpa.)

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