Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

14. Dezember 2012

Vermisste Kinder: Seit 40 Jahren spurlos verschwunden

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Wenn Kinder spurlos verschwinden, ist das für ihre Eltern eine lebenslange Qual. (Symbolbild) Foto: dpa

Die zwölfjährige Sabine verlässt im Dezember 1972 ihr Elternhaus, seitdem ist sie verschwunden. Die Wiesbadenerin ist der langjährigste Vermisstenfall Hessens. Ob ihr Schicksal je aufgeklärt werden kann, ist ungewiss. Die meisten Vermisstenfälle lassen sich jedoch schnell klären.

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Die zwölfjährige Sabine verlässt im Dezember 1972 ihr Elternhaus, seitdem ist sie verschwunden. Die Wiesbadenerin ist der langjährigste Vermisstenfall Hessens. Ob ihr Schicksal je aufgeklärt werden kann, ist ungewiss. Die meisten Vermisstenfälle lassen sich jedoch schnell klären.

Es ist Freitag, der 15. Dezember 1972, als die zwölfjährige Sabine die Wohnung ihrer Eltern in Wiesbaden verlässt. Sie will eine Freundin besuchen, aber sie kommt nie an. Sabine ist die am längsten vermisste Person in Hessen und eins von drei Mädchen, die seit vielen Jahren verschwunden sind. „Wir gehen aufgrund der Sachverhalte davon aus, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden sein könnten“, sagt Udo Bühler, Sprecher des Landeskriminalamtes in Wiesbaden.

Vermisste

4450 Kinder, Jugendliche und Erwachsene wurden im vergangenen Jahr in Hessen als vermisst gemeldet. Nach Auskunft des Landeskriminalamtes schwanken die Zahlen stark, im Vorjahr waren es 4807 Personen, 2009 wurden 4857 Vermisste gemeldet.

Der weitaus größte Teil der Vermissten taucht schnell wieder auf. Nur 45 Menschen waren vergangenes Jahr in Hessen länger als zwei Monate verschwunden, davon 22 Kinder, sieben Jugendliche und 16 Erwachsene. Dauerhaft seit mehreren Jahren vermisst werden in Hessen nur drei Personen: Sabine aus Wiesbaden seit 1972, Silvia de Vlaeminck aus Fulda seit 1983 und Annika Seidel aus Kelkheim seit 1996.

Jugendliche Ausreißer stellen den weitaus größten Anteil der Vermissten. In Wiesbaden und im Rheingau-Taunuskreis, wo pro Monat etwa 60 Vermisstenfälle bearbeitet werden, liegt ihr Anteil nach Auskunft des zuständigen Kommissariats bei mehr als 80 Prozent, die meisten sind Mädchen.

Gewissheit gibt es trotzdem nicht, manchmal tauchen Vermisste nach Jahren wieder auf, weiß Kriminalhauptkommissar Rainer Frey, der beim K 11 im Polizeipräsidium Westhessen für Vermisste zuständig ist. Er erinnert sich an einen Mann mittleren Alters, der drei Jahre spurlos abgetaucht war. Seine Mutter hatte ihn als vermisst gemeldet. Er ließ einen guten Job zurück und ging ohne ein Wort. Frey ermittelte in der Wohnung, DNA-Spuren wurden genommen. Es gab keine Spur. Nach drei Jahren erhielt ein Arbeitskollege plötzlich eine Mail, in dem der Verschwundene um Hilfe bat. Er hatte sich wegen familiärer Probleme nach Südamerika abgesetzt und als Illegaler durchgeschlagen. Zu Hause meldete er sich erst, als er krank geworden war. „Wir haben dem Mann zur Rückkehr nach Deutschland verholfen, er lebt heute wieder in Wiesbaden“, sagt Frey.

Bei Kindern ist ein gutes Ende nach Jahren eher selten. Annika Seidel aus Kelkheim wird noch immer gesucht. Sie verschwand 1996 auf dem Weg zu einer Zoohandlung, nur einen Häuserblock von ihrer Wohnung entfernt. Elf Jahre war das Mädchen damals alt, heute wäre sie eine junge Frau von Mitte 20. Der Fall erregte großes Aufsehen. Sogar eine Hellseherin, so berichtete später „Der Spiegel“, sei von einem privaten Fernsehsender in die Suche eingeschaltet worden und mit dem Foto des Mädchens durch die Straßen gestreift, um Schwingungen aufzunehmen. Sie soll sogar eine Stelle aufgespürt haben, an der die Leiche verscharrt worden sei. Gefunden wurde nichts.

Heute existieren moderne Computermethoden, mit denen Polizeiexperten ein Foto des Kindes und alte Bilder der Eltern digital verschmelzen und sich dem aktuellen Aussehen einer langjährigen Vermissten annähern können. Im Fall Annika Seidel ruhen die Ermittlungen seit Jahren. „Es gab keine weiteren Hinweise“, sagt Andreas Beese, Pressesprecher der zuständigen Polizeidirektion Main-Taunus. Die Akte wird erst wieder hervorgeholt, wenn sich neue Anhaltspunkte ergeben. Zum Beispiel ein Geständnis. „Manchmal zeigt ein Täter kurz vor seinem Ableben Reue und offenbart sich“, nennt LKA-Sprecher Bühler eine Möglichkeit.

Waldarbeiter finden Knochen

Auch zufällige Knochenfunde bringen manchmal traurige Gewissheit. Vor vier Jahren musste die Polizei in Wiesbaden einen langjährigen Vermisstenfall abschließen: den der 13-jährigen Melanie Frank, die im Juni 1999 nicht mehr vom Zigarettenholen zurückgekommen war. Der Fall hatte viel Aufsehen erregt. Mit Hunden, Hubschraubern und großem Aufgebot wurde der Wohnort des Mädchens im Stadtteil Klarenthal abgesucht. Frey, der an dem Fall mitgearbeitet hat, erinnert sich. „Wir haben Sandkästen umgegraben, Gärten durchsucht und sind ganz vielen Hinweisen nachgegangen.“ 2001 machte eine neue Spur Schlagzeilen: Ein Ehepaar aus dem Westerwald, das einen Doppelmord an zwei 16-jährigen Mädchen gestanden hatte, wurde auf Verbindungen zu Melanie untersucht, eine Routineüberprüfung, wie ein Polizeisprecher damals erklärte, die ohne Ergebnis blieb. Acht Jahre später fanden Waldarbeiter im Hunsrück Schädel und Oberschenkelknochen. Monatelange Untersuchungen und eine DNA-Analyse ergaben, dass sie zweifelsfrei von Melanie stammten. Zwar ließ sich keine genaue Todesursache feststellen, aber die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus. Der Täter, sagt Frey, ist bis heute nicht gefasst. Die Polizei bittet weiter um Hinweise von Zeugen, die sich in der Nähe des Kiosks aufhielten, an dem Melanie einkaufen wollte und die vielleicht einen dunklen BMW gesehen haben, der mit ihrem Verschwinden im Zusammenhang stehen könnte.

Polizeiapparat läuft auf Hochtouren

Wenn Kinder vermisst werden, läuft der Polizeiapparat sofort auf Hochtouren, auch wenn ein Dreijähriger nur kurzzeitig im Weihnachtsrummel verloren geht. Streifen, notfalls ein Polizeihubschrauber, Hunde, „ein Riesenbahnhof“, sagt Frey. Zum Glück seien solche Einsätze in seinem Berufsalltag selten. „Zwei- bis dreimal im Jahr“, schätzt der Kriminalhauptkommissar – bei rund 600 Vermissten pro Jahr. Die meisten werden innerhalb weniger Stunden gefunden. Das gilt auch für jugendliche Ausreißer, die die Statistik nach oben treiben. Viele seien Wiederholungstäter und der Polizei namentlich bekannt. Dennoch werden bei jeder Meldung aus einem Heim, einer Wohngruppe oder einer Familie alle diensthabenden Beamten verständigt und Anlaufpunkte für Jugendliche wie etwa der Bahnhof abgesucht.

Die meisten Teenager sind am nächsten Morgen oder spätestens nach zwei oder drei Tagen wieder da. „Wir stehen im ständigen Kontakt mit Einrichtungen der Jugendhilfe“, sagt Frey. Öffentlich gefahndet wird nur, wenn Verdacht auf eine Straftat oder Suizid besteht. Dies ist bei Erwachsenen häufiger der Fall.

Seit Oktober ist ein 70-jähriger Frankfurter aus einer Klinik in Bad Schwalbach verschwunden. Er ist orientierungslos und leidet unter Gedächtnisstörungen. Die Suche im umliegenden Wald mit Hunden und Hubschrauber blieb erfolglos. Die Chancen, ihn noch lebend zu finden, stehen nicht gut.

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