So schnell kühlen Leidenschaften ab. Noch bis 6. Februar hat die Stadt geradezu gebuhlt um den Verbleib des Traditionsverlages Suhrkamp. Nun, da der seinen Umzug nach Berlin angekündigt hat, beschreibt Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) die Beziehung so: "Was die Stadt jetzt noch für Suhrkamp tun wird, hängt davon ab, ob wirklich ein Standbein in Frankfurt bleibt - oder nur ein kleiner Zeh."
Am Montag sieht es sehr nach kleinem Zeh aus. Suhrkamp-Verlagsleiter Thomas Sparr spricht nur noch von der alten Villa der verstorbenen Verleger-Legende Siegfried Unseld, Klettenbergstraße 35: "Das wäre der Ort unserer Dependance in Frankfurt." Sparr schwebt vor, dass dort das Verlagsarchiv verbleibt, vielleicht "ein Teil des Lektorats". Und natürlich werde Suhrkamp seinen traditionellen Empfang während der Frankfurter Buchmesse alljährlich weiter dort ausrichten.
Das ist nun wahrlich nicht das, was sich die Stadt erhofft. Und deshalb ist auch von finanzieller Unterstützung am Montag nicht mehr die Rede. Hatte Frankfurt bis Freitag offeriert, die Unseld-Villa zu kaufen, zu sanieren und wieder an den Verlag zu vermieten, sagt Semmelroth jetzt: "Wir haben nun eine andere Situation." Der Kulturdezernent formuliert nur ein Minimal-Angebot: "Ich bin grundsätzlich gesprächsbereit."
Unseld wird ausgezahlt, weil er dem Umzug nicht zustimmte
Suhrkamp setzt freilich ganz andere Prioritäten, als mit der Stadt zu reden. Erstes Problem: Die Verlagsleitung will sich rasch mit Unseld-Sohn Joachim über die Zukunft von dessen 20-prozentigem Anteil am Verlag einigen. Unseld hat dem Umzug nicht zugestimmt, er soll möglichst ausgezahlt werden. Sparr: "Der Komplex Unseld ist nicht abgeschlossen, die Verhandlungen dauern an." Zweites Problem: Das neue Domizil. Das Nikolai-Haus in Berlin-Mitte kriege der Verlag werde vom Land Berlin keineswegs kostenlos, betont Sparr.
Suhrkamp müsse das Gebäude "erwerben und renovieren". Drittens: Die 160 Mitarbeiter. Volker Köhnen, zuständiger Gewerkschafter bei Verdi, hofft noch immer, "dass ein zu Berlin gleichwertiger Verlagsstandort auch in Frankfurt erhalten bleibt". Recht schnell sollen jetzt die Verhandlungen mit der Verlagsleitung über einen Sozialplan und Abfindungen beginnen - für die, die nicht nach Berlin gehen wollen oder können.
Köhnen grübelt, "was die Vision ist bei diesem Umzug". Suhrkamp-Autorin Eva Demski glaubt, es zu wissen und lobt Verlegerin Ulla Berkéwicz: "Sie tut das Richtige." Die Übersiedlung in die Hauptstadt bedeute "eine neue Chance". Auch für die kritische Theorie der Philosophen und Soziologen der Frankfurter Schule, die so eng mit Suhrkamp verbunden ist: "In Berlin lässt sich zeigen, wie aktuell diese Bücher sind - angesichts der Finanzkrise kann man die wirklich wieder rausholen." Schließlich befreie sich Berkéwicz "aus dem übermächtigen Schatten" Siegfried Unselds.
Nur für Frankfurt bleibe der Abschied aus der Lindenstraße im Westend "eine Tragödie: Die Stadt ist an magischen Orten nicht eben reich."

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