Frau Venema, machen Sie sich gerne unbeliebt?
Man kann sich nicht immer beliebt machen, manchmal muss man auch unangenehme Fragen stellen.
Charlotte Venema ist bei der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) zuständig für berufliche Bildung und für die Personalpolitik.
Die VhU ist Dachorganisation für rund 150.000 Unternehmen mit insgesamt 1,5 Millionen Beschäftigten.
Sie haben gefragt, wie die Weiterbildungsangebote in den Unternehmen ankommen. Viele Arbeitnehmer fühlen sich demnach nicht angesprochen. Ein schmeichelhaftes Resultat ist das für die Betriebe nicht.
Wir haben ein Stimmungsbild erstellt. Die Frage war, wie erleben Arbeitnehmer das Angebot der Weiterbildung. Da sind wir tatsächlich auf einen Punkt gestoßen, an dem offenbar nachgearbeitet werden muss. Wenn sich mehr als die Hälfte nicht angesprochen fühlt, dann sind entweder die Angebote nicht die richtigen oder sie werden zumindest nicht richtig vermittelt.
Der Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften nimmt zu. Was muss ein Unternehmen da mit Blick auf seine Belegschaft tun?
Es muss natürlich versuchen, die besten Arbeitskräfte zu bekommen. Sie sollten zumindest besser sein als die der Konkurrenz. Ein Mittel, um das zu erreichen, ist die Weiterbildung. Es ist aber offenbar nicht einfach, die Menschen auf diesen Weg mitzunehmen, sie zu überzeugen, dass sie neue Kompetenzen erwerben sollten.
Woran liegt das?
Noch immer glaubt eine große Mehrheit, dass sie mit 60 oder 62 aus dem Berufsleben ausscheiden wird.
Und das stimmt nicht?
Es wird immer weniger wahrscheinlich. Früher konnten Arbeitnehmer damit rechnen, dass ihr Arbeitgeber Älteren im Zuge von Umstrukturierungen ein Abfindungsangebot macht oder Altersteilzeit bezuschusst. Das kommt heute immer seltener vor. Die Unternehmen brauchen jeden qualifizierten Arbeitnehmer und schätzen die Erfahrung Älterer.
Unternehmen freuen sich nicht, wenn Ältere gehen?
Nein, sie freuen sich nicht mehr. Wir sehen bei den Unternehmen einen Umbruch. Mit immer größerer Selbstverständlichkeit werden dort auch ältere Menschen eingestellt. Gleichzeitig wächst natürlich auch das Interesse der Arbeitnehmer, im Arbeitsprozess zu bleiben, weil die finanziellen Anreize für das Ausscheiden entfallen.
Bis zum Jahr 2015 werden in Deutschland 3,6 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Wie verändert dies die Situation der Arbeitnehmer? In einer Boulevard-Zeitung war zu lesen, bald könne sich jeder über Dienstwagen, kostenloses Mittagessen und Einzelbüro freuen.
Der Vorteil, den gut ausgebildete Arbeitnehmer schon immer hatten, verstärkt sich in der Tat. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wird größer – aber zugunsten der Arbeitnehmer. Trotzdem sollte man nicht immer alles glauben, was toll klingt und in Boulevard-Blättern steht. Die Arbeitgeber werden ein größeres Interesse entwickeln, ihre Mitarbeiter weiterzubilden und von ihnen erwarten, dass diese bereit sind, lebenslang zu lernen.Ein Ergebnis der Umfrage ist ja, dass mehr als 70 Prozent sagen, sie haben in den vergangenen fünf Jahren etwas Neues dazugelernt. Überrascht hat uns auch, dass vor allem bei der Arbeit selbst gelernt wird. Das hatten wir in dieser Deutlichkeit nicht erwartet.
Das kann man so oder so verstehen. Sind die Weiterbildungsangebote einfach zu schlecht, oder ist der Arbeitsprozess heute ohnehin so angelegt, dass er die Mitarbeiter schlauer macht?
Arbeitsprozesse sind lernintensiver als früher, weil sie anspruchsvoller geworden sind. Aber auch in der Weiterbildung macht man sich Gedanken, wie man Arbeitnehmer dabei unterstützen kann zu lernen, ohne sie dafür auf ein Seminar schicken zu müssen. Das bringt auch bessere Ergebnisse. Man lernt am besten dort, wo man das Gelernte gleich anwenden kann. Deshalb ist die Verzahnung so wichtig.
Wie geschieht das?
Beispielsweise durch das Mikro-Learning. Das klingt vielleicht nicht sehr anspruchsvoll, funktioniert aber sehr gut. Wenn jemand auf ein Problem stößt, das er nicht allein lösen kann, ruft er sich ein kleines Hilfs- und Lernprogramm auf dem Rechner auf, spielt das Problem durch, löst es und kann es das nächste Mal vielleicht auch ohne Unterstützung. Das ist gerade auch im gewerblichen Bereich sinnvoll, wo komplizierte Maschinen bedient werden.
Die Umfrage zeigt, dass bei Arbeitnehmern die Meinung vorherrscht, die 30- bis 50-Jährigen seien jene, die weitergebildet werden müssten. Teilen Sie diese Einschätzung?
Logisch ist ja, dass die Jüngeren meist noch sehr frische Kenntnisse aus der Ausbildung oder dem Studium haben, aber gerade jene, die schon 20 Jahre oder länger im Beruf sind, neue Kompetenzen erwerben sollten. Also ich würde sagen, 30 bis 60 Jahre plus ist eher der Zielkorridor.
Umfragen der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, die wir als Medienpartner begleiten, haben Tradition. Ging es zunächst um Vereinbarkeit von Beruf und Familie, starteten Sie vergangenes Jahr eine Umfrage zur Arbeit der Betriebsräte. Nun also die Weiterbildung. Was fangen Sie mit den Ergebnissen an?
Wir bekommen interessante Schlaglichter, spannende Daten. Wir streuen die Ergebnisse, bieten dazu Workshops an, Arbeitsgruppen für Verantwortliche aus unseren Mitgliedsunternehmen, stoßen Denkprozesse und Entwicklungen an.
Was kommt als Nächstes?
Man wird sicher fragen können, wie sich die Weiterbildung entwickelt. Da wäre es spannend zu sehen, welche Methoden sich da finden lassen, um Arbeitnehmer besser als bislang zu erreichen.
Das Interview führte Peter Hanack

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