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Wenn das Geld fehlt: Zur Not wird improvisiert

Der zwölfjährige Dominik redet nicht gern darüber, wie es ist, arm zu sein. Von Jutta Rippegather


Foto: FR-Infografik

Dominik besitzt ein Fahrrad und ein Handy. Die Röhrenjeans ist ein Geschenk seines Fußballtrainers, und unlängst hatte er Geburtstag. Von den 20 Euro, die er bekam, will sich der Zwölfjährige ein Computerspiel kaufen. Im Second Hand Shop - da kommt auch der Gameboy her.

Dominik wohnt mit seinen Eltern, seiner kleinen Schwester und seinem erwachsenen Stiefbruder in einer Kleinstadt am Rande des Rhein-Main-Gebiets. Dort gibt es eine so genannte Tafel, die Bedürftige mit Essen versorgt. Jeden zweiten Freitag um 15 Uhr hat Dominik dort einen Abholtermin. Dann kommt er mit Bäcker-Brot, Wurst, Käse, Joghurt, frischem Salat und anderen hochwertigen Lebensmittel nach Hause, die sich die Familie sich mit ihrem knappen Budget nicht leisten könnte. Manchmal bringt er auch Spielzeug oder Kleidung von der Tafel mit. "Dafür braucht man sich nicht zu schämen, das Essen hat eine gute Qualität", sagt seine Mutter. Dominik sieht das anders. "Ich will nicht, dass meine Mitschüler das mitbekommen", sagt er. "Ich habe keine Lust auf die Kommentare."

23 Jahre lang arbeitete die 47-jährige Mutter als Reinigungskraft bei den US-Streitkräften. Nach zwei Hüft-Operationen war damit Schluss. Seit zwei Jahren bekommt sie eine Erwerbsminderungsrente, verlässt nur noch mit dem Rollator die renovierungsbedürftige Sozialwohnung ohne Aufzug im vierten Stock unterm Dach. Ihr Mann arbeitet als Leiharbeiter in einer Getränkefirma. "Ein unsicherer Job", sagt sie. 600 bis 700 Euro bringe er monatlich nach Hause. Mit dem Kindergeld stehen der Familie monatlich 1500 Euro zur Verfügung. Davon gehen 380 Euro für Miete ab, 116 Euro für Strom, 175 Euro fürs Gas. "Der Manager des Hauses sorgt dafür, dass es irgendwie klappt", versichert die Mutter - und meint damit sich selbst. "Wir versuchen, den Kindern alles zu ermöglichen. Lieber stecken wir Eltern zurück."

Dominik redet nicht gerne darüber, wie es ist, arm zu sein. Das sei alles kein Problem, sagt der Junge, der auf die Förderschule geht. Sammelt der Lehrer Geld für den Ausflug, bittet er um ein paar Tage Aufschub. Will er mit den Freunden ins Schwimmbad oder Eis essen, bringt er vorher leere Flaschen weg. Oder die Familie schlachtet das Sparschwein mit den roten Cent-Stücken. Zur Not improvisiert der Junge: Steckt einen Stil in Orangensaft und stellt das Ganze in die Tiefkühltruhe. "Das ist dann Eis selbst gemacht, das schmeckt auch."

Ein warmes Mittagessen

Zwei Betten, eine Matratze, ein Schrank - für mehr ist nicht Platz in dem Schlafzimmer, das sich Dominik mit seinem Stiefbruder und der kleinen Schwester teilt. Einen Schreibtisch gibt es nicht. Die Hausaufgaben erledigt der Elfjährige bei der Betreuung. Dort kann er auch im Internet surfen und bekommt täglich ein warmes Mittagessen. "Sechs Euro kostet das die Woche", sagt die Mutter.

"Ich habe alles war ich brauche", sagt Dominik. Dann fällt ihm doch etwas ein, was er gerne hätte: Schuhe mit Rollen - "die sind cool". Neue Inliner. Die alten haben ihm die Jungen aus der Nachbarschaft weggenommen. Und in ein eigenes Zimmer, umziehen, das wäre schon toll.

Doch dann rudert er sofort zurück. "Arm sein ist besser als reich", sagt er. "Ich brauche keinen Pool, kein Auto." Und erst recht keinen teuren Urlaub im Ausland. Nichts sei schöner, als in den Ferien die Tante in Marburg zu besuchen. "Die hat etwas mehr Geld. Da gehen wir dann Eis essen."

Autor:  Jutta Rippegather
Datum:  16 | 6 | 2009
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