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Freilichtmuseum Hessenpark: Wie die Landjuden lebten

Die ehemalige Synagoge von Groß-Umstadt wird im Freilichtmuseum Hessenpark zur zentralen Erinnerungsstätte für das jüdische Landleben in Hessen vor dem Holocaust.

        

Projektleiterin Bernadette Gorsler in der noch leeren Synagoge von Groß-Umstadt.
Projektleiterin Bernadette Gorsler in der noch leeren Synagoge von Groß-Umstadt.
Foto: Monika Müller

Einsam steht sie am Rande des 40 Hektar großen Hessenparks. Seit mehr als 20 Jahren ist sie ein Rohbau, wurde als Lagerraum genutzt. Dabei stellt die Synagoge aus Groß-Umstadt etwas Besonderes dar. Mit der 1996 im Hessenpark wiederaufgebauten Synagoge aus Nentershausen im Westerwald steht sie als einziges jüdisches Gotteshaus in einem deutschen Freilichtmuseum. Nun sind Handwerker vor Ort. Ab Mai 2012 soll das Gebäude zentrale Erinnerungs-Stätte an das jüdische Landleben in Hessen vor dem Holocaust sein.

Wie die Landjuden lebten, werde noch nirgendwo umfassend dargestellt. Das sagten am Samstag der Hessenpark-Direktor Jens Scheller und Fritz Backhaus, der stellvertretende Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt. Sie unterzeichneten einen Vertrag zum Aufbau des neuen Museums.

Virtuelles Museum

Der Hessenpark bei Neu-Anspach ist das einzige Freilichtmuseum Deutschlands mit Synagogen. Das jüdische Gotteshaus aus Nentershausen von 1790 ist voll eingerichtet. Die Synagoge von Groß-Umstadt wird ab 2012 die 800-jährige gemeinsame Geschichte von Juden und Christen in Hessen erzählen.

Auf www.vor-dem-holocaust.de kann man sich schon jetzt informieren. Das Webportal zeigt und erläutert gut 4000 Fotos. Sie sind nach Themen, Familien und 300 hessischen Orten sortiert. Das Fritz-Bauer-Institut und das Jüdische Museum Frankfurt wollen so Jugendliche für dieses Kapitel der Geschichte interessieren.

Gewachsene Symbiose

Bis Dezember wird das Dach aus Biberschwänzen abgedichtet. Das 110 Quadratmeter große Sandsteingebäude erhält auch eine Heizung. Die sechs Bogenfenster bekommen wieder Klappläden. Im Mai öffnet dann eine Sonderausstellung in der Synagoge: Monica Kingreen vom Fritz-Bauer-Institut zeigt Fotos und Dokumente über die Juden von Windecken, Ostheim und Heldenbergen bei Hanau. Sie waren seit dem 13. Jahrhundert dort Viehhändler, beschafften Saatgut und Futtermittel für die Bauern. „Es gab eine lang gewachsene Symbiose zur christlichen Bevölkerung“, so Kingreen. Bis 1945 wurden zehn der 41 jüdischen Windecker Bürger Opfer der Nazis. In Ostheim waren es 14 von 19 Juden.

Nach einem Gestaltungswettbewerb soll im Frühjahr 2013 dann die Dauerausstellung fertig sein. Dafür muss der Hessenpark laut Scheller noch eine fünfstellige Summe auftreiben. Weil der Platz knapp ist, wird es wenige Exponate, eine Lesezone und ein frei nutzbares Webportal zum Thema geben. In den beiden Nebenräumen wird dann die Geschichte der Groß-Umstädter Synagoge erzählt. Die Juden im Ort hatten 50 Jahre lang Geld für den Bau gesammelt, berichtet Heimatkundlerin Helga Krohn. Das Haus entstand 1874 auf sumpfigem Grund am alten Ortsrand. Schon 1913 saß der Schwamm in den Wänden. Früh gab es Probleme mit antisemitischen Mitbürgern.

Schon 1925 erfolgten laut Helga Krohn die ersten Anfeindungen. 1938 zerstörten Nazis das Innere der Synagoge. Ein Bauer kaufte das Haus und nutzte es als Geräteschuppen. Was danach geschah, wollen die Groß-Umstädter in einer „nicht verletzenden Darstellung“ berichten: In den Siebzigern gab es Streit: Die Einen wollten die verfallene Synagoge loswerden und freuten sich über das Kauf-Angebot des Hessenparks. Ein neuer Verein dagegen forderte die Restaurierung der Synagoge vor Ort. Eines Abends stürzte der Dachstuhl ein. Dabei soll jemand mit dem Traktor nachgeholfen haben. Balken, Fenstereinfassungen und Ecksteine des Trümmerhaufens wurden zum Freilichtmuseum im Taunus transportiert. „Alles war in einem katastrophalen Zustand“, sagt Projektleiterin Bernadette Gorsler. Nach neun Jahren war das Gotteshaus schließlich rekonstruiert. Jetzt hat die Synagoge wieder eine Zukunft.

Autor:  Klaus Nissen
Datum:  29 | 8 | 2011
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