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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

04. Juni 2008

Wohnungssuche: Mach dich nackig für die Top-Lage

 Von ANDREAS KRAFT
Schöne Aussicht: Mit diesem plakativen Namen begrüßt das Neubau-Quartier auf dem Frankfurter Riedberg seine Bewohner. Eines der Viertel, mit denen die Stadt über die Grenze von 670.000 Einwohnern wächst.  Foto: Oeser

Die Pendler ziehen in die Stadt, die Preise fürs Eigenheim klettern immer weiter, die Zahl der Sozialwohnungen sinkt und Neu-Frankfurter drängen in die begehrten Altbauten rund um die City.

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Jeden Samstag dasselbe Spiel. Die Dame mit der Wohnung am Merianplatz - zwei Zimmer für 600 Euro kalt - will schon am Telefon alles wissen: Wie viele Leute einziehen. Was die beruflich machen. Und wie viel man eigentlich verdient. Wem das zu weit geht, der hat Pech. "Wenn Sie so ein Geheimnis daraus machen, dann lieber nicht", sagt sie und legt auf.

Der nächste potentielle Vermieter sitzt gerade im Auto. Vor lauter Verkehrslärm ist er kaum zu verstehen. Nein, an diesem Wochenende habe er keine Zeit. Er sei geschäftlich unterwegs. Besichtigungstermin? Frühstens übernächste Woche. Beim Durchtelefonieren der denkbaren Wohnungen aus dem Anzeigenteil scheint auf den ersten Blick nur der Makler professionell: "Wollen Sie vorher etwas über die Wohnung wissen?" Dann vergibt er die Termine im Viertelstundentakt.

Die Wohnungen in den Altbauten rund um die Frankfurter City sind knapp. Wer hier das passende finden will, braucht Geduld. "Die Arbeitsplätze in Frankfurt ziehen Singles an", sagt der IHK-Vizepräsident Mathias Müller. "Und die suchen alle das gleiche Produkt." Meist ist das eine Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnung, Altbau, rund 65 Quadratmeter, entsprechende Lage und natürlich bezahlbar. Weil es in Frankfurt nicht all zu viele Altbauten gibt und die Neu-Frankfurter alle dasselbe suchen, werde dieser Markt immer enger.

Die Wohnung des Maklers passt genau ins Beuteschema. Sie liegt in Bornheim, nicht all zu weit von der Berger Straße. Beim vereinbarten Besichtigungstermin streifen schon zwei Pärchen durch die drei Zimmer. Schauen vom Balkon in den grünen Hinterhof. Freuen sich über die große Wanne in dem langgezogenen Bad. Der schöne Dielenboden knarrt unter den Füßen. Die 80 Quadratmeter sollen 850 Euro kosten. Kalt. Der derzeitige Mieter führt ein Pärchen in den Keller. Währenddessen schmeißt sich das andere Pärchen an den Makler heran. Sie lässt beim Gespräch über die Wohnung ganz nebenbei fallen, dass sie Lehrerin ist. Zumindest ein krisensicheres Einkommen.

Vor der Tür erzählen die beiden, dass sie schon seit Monaten nach der gemeinsamen Wohnung suchen. Das sei jetzt die erste, die wirklich passe. Meist seien die Wohnungen in einem guten Zustand. Nur manchmal eben einfach zu teuer. Jetzt hoffen sie, dass sie die Wohnung auch bekommen. Doch das dürfte die größere Hürde sein. Am Abend zuvor waren schon einige Interessenten da. Jetzt werden weitere kommen. Dann kann der Vermieter wohl zwischen zehn Interessenten wählen. Am nördlichsten Ende des Nordends führt derweil ein anderer Hausbesitzer selbst durch die Wohnung. "Bestimmt zwanzig" werden noch kommen, um sich die drei Zimmer anzuschauen. "Ich habe gar nicht alle zurückgerufen", sagt er. "Wenn in der Anzeige Nordend steht, hört das Telefon ja nicht mehr auf zu klingeln."

Auch Markus B. sucht derzeit eine Wohnung. Seit gut sechs Wochen arbeitet der Jurist in Frankfurt. Fürs erste ist er bei einem Freund untergekommen. Bei der Wohnungssuche hat sich der 32-Jährige schon an die Frankfurter Verhältnisse angepasst. "Das ist ja eigentlich nicht meine Art", sagt er. "Aber ich gebe dann schon mal ein bisschen an." Zur Arbeit geht er im T-Shirt, zum Besichtigungstermin trägt er Jacket. Kürzlich habe er mit einem Vermieter, der eine Wohnung in Bockenheim anbietet, telefoniert. "Erst war er sehr kurz angebunden", sagt er. "Aber als ich erwähnte, dass die Lage für mich ja toll ist, weil ich im Messeturm arbeite, war er auf einmal scheißfreundlich."

Mieten haben sich verdoppelt

Die hohe Nachfrage in den neuen Top-Lagen lässt dort die Preise klettern. "Die Mieten haben in den vergangenen Jahren extrem angezogen", sagt der Makler Frank Rühl. Besonders beliebt seien derzeit Bornheim, das Nordend und Sachsenhausen. "Eine Wohnung, die dort vor zehn Jahren 495 Mark gekostet hat, kostet heute 395 Euro", sagt er. Allein in den vergangen zwei Jahren seien vergleichbare 3-Zimmer-Wohnungen um 100 Euro teurer geworden. Mittlerweile lasse sich fast alles vermieten. "Es ist schon abenteuerlich, was zum Teil angeboten wird", sagt er. "Aber wenn die Wohnung in der Nähe der Berger Straße liegt, stehen trotzdem 50 Leute vor der Tür und wollen sie haben."

Markus B. hat sich deshalb auch schon auf eine lange Suche eingerichtet. Demnächst räumt er die Couch seines Bekannten. Ein befreundeter Anwalt geht nach London. Für ein paar Monate kann Markus B. dessen Wohnung im Nordend haben. Zwei Zimmer für 450 Euro. Für seine eigene Wohnung ist er durchaus bereit mehr zu zahlen. 700 Euro Kaltmiete ist sein Limit. Noch. Er verdient etwa 1800 Euro netto plus Bonuszahlungen. "Eine Gehaltsbescheinigung ist gang und gäbe", sagt er. Er versteht zwar, dass die Vermieter wissen wollen, wem sie die Wohnung geben. "Aber manchmal ist es schon krass, wie man sich ausziehen muss."

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