Die Gemeinde, in der Ina S.(Name geändert) lebt, wird gern zum Kasseler „Speckgürtel“ gezählt. Der Begriff lässt Vorstellungen von schmucken Einfamilienhäuschen entstehen, gut situierten Menschen. Inas Situation ist ganz anders. Die 18-Jährige lebt allein und von Hartz IV, um sich mit einem guten Bildungsabschluss eine Zukunft aufzubauen.
Zuhause lief es nicht gut. Mit der Mutter gab es Konflikte. Die große Tochter musste sich so sehr um die kleineren Geschwister kümmern , dass keine Freizeit und keine Zeit zum Lernen blieb. „Irgendwann habe ich gesagt, dass ich mich auf die Schule konzentrieren will“ erzählt Ina. „Ich bin dann ausgezogen.“
Nun lebt die junge Frau von Hartz IV und vom Kindergeld – neben der Miete sind das im Monat rund 350 Euro. Davon muss sie auch bezahlen, was Schule in Hessen trotz aller Lernmittelfreiheit kostet: Die Ausgaben für Hefte, Mappen und die vielen Leküren für den Deutschkurs summierten sich im Jahr auf rund 150 Euro, sagt sie. Weitere 120 Euro kommen für Materialien hinzu – weil Ina mit dem Abi auch eine Ausbildung zur Laborassistentin absolviert. Und auch das Geld für die Fahrt zum Gymnasium nach Kassel muss die junge Frau aufbringen: Monat für Monat sind das 43 Euro.
Der Landkreis Kassel übernimmt die Kosten für die Schülerbeförderung nur bis zum Abschluss der Mittelstufe, so wie es das hessische Schulgesetz verlangt. Schul-Tickets für Jugendliche der höheren Klassen wären eine freiwillige Leistung. „Wir dürfen keine freiwilligen Leistungen mehr gewähren“, sagt aber Ute Jäger, stellvertretende Pressesprecherin der Verwaltung. Der Kreis ist hoch verschuldet. Das Regierungspräsidium hat die Haushaltsaufsicht und fordert, dass freiwillige Ausgaben zurückgefahren werden.
Ein halbes Jahr lang profitiert Ina nun von einer Spendenaktion. Die örtliche Zeitung sammelt Geld, um Jugendlichen, die von Hartz IV leben, die Schultickets zu bezahlen. Die ARGE im Landkreis hilft bei der Verteilung. Und sie hat klargestellt: Das Geld für die Fahrkarten wird nicht vom Hartz-IV-Satz abgezogen. Als zweckgebundene Einnahme seien diese „anrechnungsfrei“, erklärt ARGE-Leiter Uwe Kempe.
Was sie nun sechs Monate lang nicht für Tickets ausgeben muss, will Ina zurücklegen. Zum ersten Mal habe sie Spielraum, etwas anzusparen, sagt sie. Wenn sie das Abi schafft, wird sie in ihrer Familie die erste mit allgemeiner Hochschulreife sein. „Ein Onkel hat Fachabitur“, sagt sie. „Sonst niemand.“

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